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Den 18. März 2022

Sonne und Schnee, aber auch Saharastaub

Nach meinem Aufenthalt im Engadin, in Scuol, bin ich am vergangenen Dienstag, den 15. März, weitergereist nach Südtirol, nach Sulden am Ortler. Dort war ich früher schon gewesen: vom 11. bis am 15. August 2019 und war ganz begeistert! Ich war deshalb auch sehr gespannt wie ich die imponierende Bergwelt im Schnee erleben würde. Ich habe in den vergangenen Tagen meine Abenteuer vom letzten Mal wiederholt – natürlich in sofern das in der Schneelandschaft möglich war… Ich erlebte trotzdem mehr als genügend angenehme und interessante Momente, um mit der Reise von Scuol nach Sulden an zu fangen. Ich reiste mit dem Postauto über Martina an der schweizerisch-österreichischen Grenze, und anschliessend mit einem anderen Bus über den Rechsenpass entlang dem Reschensee nach Mals. Beim Dorf Graun im Vinschgau passierte ich die „Ertrunkene Kirche“, wovon der Turm noch über das Wasser des 1950 angelegten Rechsen-Stausees hinausragt. Bis auf dann hatte ich gesehen wie den Turm immer im Wasser stand, aber jetzt war der See zugefroren und gingen Menschen über das Eis um den Turm herum!

In Mals trank ich schnell einen sehr guten italienischen Kaffee und verfolgte meinen Weg zuerst mit dem Zug und nachher mit dem Bus in Richtung von Sulden. Ich weiss nicht ob es immer der Fall ist, aber bis auf heute habe ich auf dieser Buslinie jedes Mal Busfahrer erlebt die kein Deutsch sprechen oder es nicht wollen. Dieses Mal passierte es wieder… Während des letzten, sehr kurvenreichen Teils der Fahrt vom Dorf Stilfs musste der Bus warten, weil grosse Baumstämme auf einen Lastwagen geladen werden mussten. Das brauchte natürlich eine Weile und der Busfahrer fing deshalb auf Italienisch laut ins Telefon zu einem Kollegen zu schimpfen dass dieser Aufenthalt sehr viel Zeit brauchte, dass auf dieser Weise seine Pause eingekürzt wurde und so weiter… Ich fand es schon interessant wie die Holzmänner vorgingen: mit einer Kettensäge wurden noch kleine Asten abgesägt und die Stämme eventuell eingekürzt. Mit dem Kranarm des Lastwagens wurden die grosse Stämme aufgehoben als ob sie nichts wogen und sorgfältig aufgeladen. Nach dem Aufladen des letzten Stammes wurde das Sägemehl auf der Strasse auf einen Haufen gefegt und anschliessend mit einer Schaufel über die Leitplanke in die Tiefe geworfen. Das Ganze geschah in einem äusserst relaxten Tempo… Als wir den Lastwagen passieren konnten begegneten wir an der andere Seite der Kurve eine lange Schlange von Autos die auch gewartet hatten. Das erste Auto in der Schlange, gerade vor der Kurve, mit niederländischem Kennzeichen, stand dem Busfahrer nach zu weit von der Leitplanke entfernt, was ihm anregte zu weiteren Beschimpfungen mit ganz viel „Olandesi“…! Witzig!

Nach einer weiterhin ruhigen Busfahrt steig ich aus beim Hotel Nives, das auch dieses Mal wieder fantastisch war: ich hatte ein Eckzimmer wobei ich nach Westen den Ortler sehen konnte und nach Norden das Tal des Suldenbaches, beide jetzt schneebedeckt. Es war bei der Ankunft nicht ganz sonnig, aber am nächsten Morgen sah es viel besser aus! Ich genoss erneut die Aussicht auf den majestätischen „König Ortler“ …. Es war schön um hier zurück zu sein.

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Sulden am Ortler: winterlicher Blick von Hotel Nives auf den majestätischen schneebedeckten Ortler

Das letzte Mal war ich durch und rundum das Dorf gegangen, wobei ich dem Kultur- und Geschichtenweg gefolgt hatte: Sulden am Ortler: eine erste Bekanntschaft. In dieser Jahreszeit war ein Teil nicht zugänglich wegen des Schnees: an manchen Stellen sah ich auch Spuren von (kleineren) Lawinen auf den Hängen wo der Weg entlangging. Jetzt sieht die Landschaft tatsächlich ganz anders aus!

Die St. Gertraudkirche aus 1902 liegt bestimmt auch in der Schneelandschaft ganz fotogen da gegen den Hintergrund des Ortlers. Im Tal des Suldenbaches lag noch eine dicke Schneeschicht, die im Sonnenlicht glänzte. Auch das rasch fliessende Wasser des Baches reflektierte die Sonne. Wie glücklich fühlte ich mich an jenem Moment!

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Sulden am Ortler: Blick auf die St. Gertraud Kirche aus 1902 im Schnee mit dem Ortler im Hintergrund
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Sulden am Ortler: Blick gegen die Sonne (mit Halo) auf das beschneite Tal mit der beeindruckenden Gebirgskette im Süden

Hier gibt es in der Wintersaison nicht viele Möglichkeiten zum Wandern – es ist vor allem eingestellt auf Skifahren und Snowboarden. An drei Seiten des Tales sind gegen die Berghänge Skilifte und eine Luftseilbahn angelegt worden. Um die Skifahrer die Gelegenheit zu bieten um zu „pendeln“ zwischen dem Kanzlerlift am Osthang und dem Langenstein Sessellift im Westen ohne die Skis aus zu ziehen, war eine originelle Weise von Transport arrangiert worden : mit einem Pferdeschlitten! Ich hatte schon stetig fröhlich klingende Glocken gehört, noch bevor ich wusste von woher die Geräusche kamen: bis ich sah wie zwei eifrig trabende kleine Pferde vor einem Schlitten vorbeikamen! Hinter dem Schlitten war ein dicker Seil mit Knoten befestigt der von den Skifahrern gefasst werden konnte. Die Skifahrer wurden schliesslich „mitgezogen“ über die beschneiten Weg zwischen den beiden Talstationen der Skiliften!

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Sulden am Ortler: Pendeldienst mit einem Seil hinter den Pferdeschlitten für Skifahrer die vom Sessellift beim Langenstein zum Kanzlerlift (oder umgekehrt!) gehen möchten!

Aber auch für andere winterliche Sportarten wie Langlaufen, ist ein Parcours ausgesetzt worden. Durch den Tal südlich des Dorfes führt die präparierte Loipe: es ist ein Rundgang von 7 Kilometern – bis zur Talstation der Luftseilbahn und zurück. Ein schön stilisiertes Schild mit einem Langläufer in zierlichen Bewegungen zeigt den Beginn. Der Ortler bildet auch hier wieder eine wunderschöne Kulisse: mit einigen Schleierwolken um dem Gipfel. Die Aussenseite der Loipe darf auch von Fussgängern benutzt werden, also lief ich dort, die Sonne geniessend! Ausser Alpinski und Langlauf gab es auch die Möglichkeit um sich zu beschäftigen mit einem weiteren, neueren Wintersport, mit dem Eisklettern. Es ist eine Spezialdisziplin des Alpinismus, wobei Begeisterte an senkrechten Eiswänden und gefrorenen Wasserfällen hochklettern. Dazu ist hier ein hoher Turm aus Eisen aufgerichtet worden mit ringsum eine dicke, bucklige Eisschicht, der „Eisturm“, der am Beginn jeder Wintersaison aufgebaut wird. So spät in der Saison war von dieser künstlichen Eiskonstruktion nur noch die Hälfte übrig…

Im Sommer hatte ich hier auch gewandert und verschiedene hölzerne Statuen von Alpentieren gesehen die hier aufgestellt worden sind. Ein wenig merkwürdig jedoch fand ich die Murmeltiere, die im echten Leben in dieser Zeit noch tief im Winterschlaf sind…! Die Gämse die von einem Felsblock sprang war wohl in ihrem natürlichen Habitat. Der Steinbock stand regungslos im Schnee, gerade wie er gestanden hatte gegen einen grünen Hintergrund im Sommer von 2019!

Neben der im Winter eingekürzten kulturellen Wanderung durch und rundum das Dorf gab es auch eine Wanderung von der Talstation der Luftseilbahn nach oben, zur Mittelstation und weiter. Zumindest das hatte ich gedacht: nachher fand sich heraus dass die offizielle Wanderung nicht bei der Talstation der Luftseilbahn anfing, sondern bei der Mittelstation… Wie auch: ich ging in Richtung der Talstation der Luftseilbahn und sah dort einen breiten Weg der den Hang hinaufführte – den hatte ich damals im Sommer auch gesehen von der Luftseilbahn, die ich bequemerweise gewählt hatte. Ich sah auch eine grosse blaue Eismasse die an einer Felsspitze hing: ein gefrorener Wasserfall! Den möchte ich mir mal aus der Nähe ansehen, deshalb ging ich – wie vorgeschrieben an der Aussenseite der Skipiste – bergauf. Im Sommer war ich mit der Luftseilbahn hochgegangen, weil ich die Quelle des Suldenbaches erreichten möchte: Sulden am Ortler: zur Quelle des Suldenbaches. Damals hatte ich den Wasserfall nicht gesehen – ich war wahrscheinlich zu beschäftigt beim Herumschauen zur kontrastreichen Bergumgebung… Als ich (bestimmt ein wenig schnaufend!) höher aufstieg kam auch eine Hängebrücke in Sicht neben dem Wasserfall. Eine Idee für eine nächstes Mal, aber schon im Sommer…!

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Oberhalb von Sulden am Ortler: Blick auf einige grosse zugefrorene Wasserfälle auf dem Weg zur Mittelstation der Luftseilbahn zu den Skigebieten am Fuss u.a. der Königspitze (3.850m ü.M.)

Nach dem gefrorenen Wasserfall und der Hängebrücke stieg ich weiter auf dem steilen Weg. An einem steil aufragenden Feslmassif wurde ich aufmerksam auf eine Gedenktafel aus Marmor. Beim Bau der Luftseilbahn 1975 hatte sich hier ein Unfall ereignet mit tödlichem Verlauf. Anton Zichsg (*1949) war hier ums Leben gekommen, gerade noch kein 26 Jahre alt. Nach oben schauend gegen jene steile Felswand sah ich die Seile der Luftseilbahn gegen den blauen Himmel und es wurde mir klar dass einfach nach oben schweben bestimmt einen Preis hat.. „Ruhe in Gott“ stand unter an der Gedenkplatte.

Die breite Piste führte immer weiter nach oben und schlussendlich hatte ich eine wunderschöne Aussicht über den gefrorenen Wasserfall, die Seile der Luftseilbahn und in der Ferne die beschneite Königspitze. Es waren noch nicht viele Skifahrer die von der Mittelstation der Luftseilbahn nach unten fuhren.

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Oberhalb von Sulden am Ortler: Blick auf einige grosse zugefrorene Wasserfälle aus grösseren Höhe bei der Mittelstation der Luftseilbahn und auf die Königspitze (3.850m ü.M)

Ich sah schon dass die Luft ein wenig trübe war von Saharastaub: von Zeit zu Zeit erreichen leichte Staubteilchen aus den Wüsten der Sahara über die höheren Luftschichten unsere Regionen und sinken nieder. Das geschah letzter Zeit auch in diesen Teilen Norditaliens, aber nicht so kräftig wie in der Schweiz, gerade an der anderen Seite der Berggipfel der Sesvenna-Gruppe… Ich hatte sie schon im Laufe der Abend, aber auch später gesehen: die rosige Verfärbung der Atmosphäre.

Nicht lange nachher erreichte ich die Mittelstation der Luftseilbahn. Dort sollen die Passagiere Gondel wechseln um zur Bergstation zu geraten. Ich war gerade zeitlich um mit zu fahren – wie Heringe standen wir dicht auf einander! Atemschutzmasken waren obligatorisch…

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Oberhalb von Sulden am Orlter: Blick auf die Mittelstation der Luftseilbahn mit der Königspitze (3.850m ü.M.) im Hintergrund

Bei der Bergstation angekommen hatte ich wieder jene phänomenale Aussicht auf die Berge die das Tal des Suldenbaches abschirmen: die Suldenspitze (3.376m ü.M.), die Königspitze (3.850m ü.M) und König Ortler (3.905m ü.M). Für diese Aussicht war die Jahreszeit nicht sehr wichtig: die Umgebung war jetzt im Winter eher weiss als grau. Die Staubachhütte sah verlassen aus – die Terrasse des Restaurants der Luftseilbahn jedoch was vollbesetzt. Jeder sass in der Sonne und genoss ein Mittagessen mit einer wundervollen Sicht auf die Königspitze und den Ortler. Trotz der warmen Sonne habe ich mich mal drinnen niedergesetzt, denn die Wanderung nach oben hatte mich richtig ins Schwitzen gebracht… Meine Durst löschte ich mit einer grossen Flasse Mineralwasser (ja, wirklich!).

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Oberhalb von Sulden am Ortler: Blick nach Süden auf die Skipiste (vorne) und u.a. die Suldenspitze (3.376m.ü.M.) im Hintergrund wo der Suldenbach entspringt
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Oberhalb von Sulden am Ortler: Blick nach Südwesten auf die Königspitze (3.850m ü.M.)
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Oberhalb von Sulden am Ortler: Blick auf die Staubachhütte und die Terrasse der Bergstation der Luftseilbahn mit dem Ortler (3.905m ü.M.) im Hintergrund

Nicht jeder sass auf der Terrasse: es wurde auch begeistert Ski und Snowboard gefahren. Von der Bergstation auf 1.900 Höhenmetern führt ein Sessellift zu den Pisten in der Nähe der Madritschhütte auf 3.250 Meter. Es standen lange Schlangen an beim Eingang. Luftseilbahn und Lifte sind den Skifahrern behilflich, aber sie werden nicht zu oft verweilen bei der Gedanke dass auch hier leicht etwas schiefgehen kann. Nah an der Bergstation der Luftseilbahn stand ein kräftiges Snowmobil mit dahinter einem Schlitten um verwundeten Skifahrer zu transportieren… Hoffentlich brauchte heute niemand gerettet zu werden…

Als ich wartete auf die Luftseilbahn nach unten hatte ich auch wieder eine beeindruckende Aussicht nach Norden, nach Sulden. Die Sicht war mittlerweile ein wenig getrübt worden von einer leichten Dunst, wahrscheinlich auch vermischt mit Staub. Hier fiel der Unterschied zwischen Sommer und Winter schon sehr auf! Jetzt war die Landschaft fast egal weiss, aber als ich an derselben Stelle stand in August 2019 hatte sie sehr kontrastreich ausgesehen: das Grün der Vegetation hatte scharf abgestochen gegen das graue Geröll der Moränen die von den früheren Gletschern hinterlassen worden waren. Wie auch immer: die Aussicht bleibt faszinierend!

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Oberhalb von Sulden am Ortler: Blick von der Bergstation der Luftseilbahn nach Norden ins Tal des Suldenbaches und das Dorf unten im Winter
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Sulden am Ortler: Blick von der Bergstation der Luftseilbahn nach Norden ins Tal des Suldenbaches und auf das Dorf in der Tiefe im Sommer (13. August 2019)

Gestern Morgen war es nicht gerade sonnig und ich entschied mich für einen Spaziergang zum Gasthaus Waldruhe. Dieses Gasthof liegt in den Wäldern etwa nördlich von Sulden. Weil es noch ziemlich viel Schnee gab auf dem Weg entlang dem Berghang ging ich zuerst mal schauen bei den Yaks des Südtiroler Extremsportlers Reinhold Messner (*1944), der 2004 in Sulden ein seiner Museen über „Die Berge“ eröffnet hat. Im alten Bauernhof nebenan ist das Restaurant „Yak&Yeti“. Er selber hat eine Herde Yaks, die er im Sommer hoch in den Bergen bei der Bergstation der Luftseilbahn weiden lässt. Der Yak (oder Bos mutus für den wilden Yak und Bos grunnies für den domestizierten Yak) gehört zu den fünf Typen von Rindern in der Welt die vom Menschen domestiziert worden sind. Sie kommen ursprünglich aus dem Himalaya-Gebirge und Tibet. Sie werden auch genutzt als Last- und Reittier. Wegen ihres langen Felles sind sie geeignet um eben oberhalb von 3.000 Metern zu leben. Hier in Sulden verbleiben sie in den Wintermonaten unten im Dorf. Ich passierte gerade als sie aus ihren Ställen entlang ausgetretenen Pfaden durch die hügeligen, schneebedeckten Wiesen gingen. Es war ein schöner Anblick – es gab auch eine klare Hierarchie!

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Sulden am Ortler: Blick auf das Messner Mountain Museum (rechts) und das Restaurant „Yak&Yeti“ (links) mit auf dem Vordergrund einige Yaks (Bos grunniens) aus der Herde im Schnee
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Sulden am Ortler: Close-Up von einigen Yaks (Bos grunniens) der Herde von Reinhold Messner beim Suldenbach – die Stiere haben beeindruckende Hörner

Gestern, aber auch heute (vor allem im Morgen) war die Sicht auf den Ortler verschleiert wegen der Trübung der Luft durch Saharastaub. Es verlieh ihm schon eine mystische Atmosphäre. Der grosse Blockgletscher an der Nordseite des Berges war jetzt ganz gut sichtbar!

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Sulden am Ortler: Blick auf den Ortler in etwas dunstigem Licht vom Weg in Richtung von Gasthaus Waldruhe

Von der Wiese mit den Yaks folgte ich der Teerstrasse in Richtung des Tales, aber einmal bei der Ausfahrt zum Gasthaus angekommen hatte ich noch nicht viel Lust auf Kaffee – ich hatte ausgiebig gefrühstückt mit vielerlei schmackhaften Sachen die auch noch gesund waren. Weil ich auf der Hinfahrt nach Sulden vom Bus eine Kapelle entlang dem Weg gesehen hatte, die auf der Karte angedeutet wird mit „Lourdes-Kapelle“, im Weiler Aussersulden, stromabwärts entlang dem Suldenbach, entschied ich mich um diese Kapelle zu besuchen. Die Froststrasse windete sich mit vielen Kehren nach unten, wo wie anschloss auf die Hauptstrasse von Sulden nacht Stilfs. Ich folgte diesem Weg – das war nicht schwierig, denn es gab nicht viel Autoverkehr. Erst jetzt merkte ich wie ruhig dieser Teil des Tales ist: es standen einige einsame Bauernhöfe und verwitterte Ställe – in der Tiefe rauschte der Suldenbach. Nach ungefähr einer Stunde nachdem ich aus Sulden weggegangen war erreichte ich die kleine weisse Kapelle wovon das Dach und der Turm von Schindeln bedeckt waren. Die Tür mit Holzschnitzerei war schön verwittert, aber leider abgeriegelt. Ich konnte nur durch die zwei kleinen Fenster an beiden Seiten der Tür hineinschauen. Der Lichteinfall war speziell.

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Bei Aussersulden am Ortler: Blick auf die Lourdes-Kapelle

Ich war schon ein wenig enttäuscht dass die Lourdes-Kapelle zu war und stieg ab zur Hauptstrasse entlang den wenigen Häusern des Weilers. Bei einem Bauernhof sah ich jemanden schon einen Vorschuss auf den Frühling nehmen. Er hatte seinen Einachser mit Balkenmäher aus der Scheune genommen um den nachzuschauen auf seinem Vorplatz. Ich hörte wohl dass der Motor zuerst etwas unregelmässig lief. Nach einigen Korrekturen war das nicht länger der Fall. Natürlich war es zu erwarten…: er schaltete den Antrieb ein, die Maschine machte einen kleinen Sprung nach vorne und riss ihn fast mit! Das war witzig um zu sehen. Trotzdem war der Mann angeblich zufrieden über das Funktionieren der Maschine und fuhr sie vorsichtig wieder in die Scheune! Die Szene strahlte Ruhe aus und auch Vertrauen in die Zukunft.

Von der Hauptstrasse ging ich wieder stromaufwärts des in der Tiefe fliessenden Suldenbaches zurück zur Haltestelle beim Weiler Razoi mit einigen Häusern in klassischem, aber manchmal auch in moderneren Stil. Weil ich eine ziemlich lange Zeit auf den Bus warten musste schaute ich mal vorbei bei einer kleinen Wegkapelle, die geschlossen aussah, aber trotzdem offen war! Es war eine Mini-Lourdes-Kapelle. Es standen einige Kerzen und Bilder mit Engeln auf einem Brett am Fuss eines von Steinchen aufgebauten grotto mit darin einer Mini-Maria mit ihrem himmelsblauen Mantel. Es gab also Kerzen, aber keine Streichhölzer. Ich möchte jedoch eine „Opfergabe“ für den Weltfrieden hinterlassen und deshalb legte ich einen schönen kleinen Stein den ich irgendwo draussen im Gras gefunden hatte, bei der Marienstatue. Eine richtige Kerze sollte ich später anzünden in der St Gertraudkirche im Dorf.

Nicht lange nachher kam der Bus und … ein mürrischer Busfahrer der kein Deutsch sprach machte mit einer kurzen Kopfgebärde klar dass ich weitergehen konnte und nicht zu zahlen brauchte. Das fand ich in diesem Fall schon okay. Mit diesem Ersparnis habe ich einen Bauerntoast gegessen beim Restaurant Ski-Alm nebenan bei der Talstation der Luftseilbahn. Dort war es gutbesetzt und gemütlich und ich bekam einen Toast mit Paarl-Brot (das Brot aus dem Vinschgau aus Roggenmehl mit u.a. Anis das ich so schätze!), Käse und Speck. Die Kombination des Anises im Brot und der Käse und des Specks war etwas ganz Besonderes!) Nach einem langen Zurückweg ins Hotel hatte ich am Abend nicht viel Lust mehr um wieder nach Draussen zu gehen zum Essen: ich machte es mir leicht und ass einen guten Pizza in The Bar des Hotels Nives.

Heute bin ich erneut zum Gasthaus Waldruhe gegangen, dieses Mal schon über den ruhigen Waldweg. Ich passierte das kleine Chalet, das Mountain Museum Alpine Curiosa das Teil ist des Messner Mountain Museums. Hier hat Reinhold Messner einen Überblick ausgestellt von dem was er persönlich interessant fand was Alpinismus angeht. Hier war ich am letzten Mal auch schon. Erneut beeindruckte die Büste von Julius Payer (1841–1915) mich. Julius Payer war ein österreich-ungarischer Polreisender und Kartograf der als erster das Berggebiet um den Ortler kartiert hat. Auch diese Karte wird ausgestellt und ist ein Juwel!

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Sulden am Ortler: im “Alpinem Curiosa“ hängt auch die erste Landkarte des Ortlergebietes von Julius Payer

Beim Tourismusbüro im Dorf steht auch eine weitere Ehrung der Pioniere des Tourismus in Sulden und im Ortlergebiet: gegen den Hintergrund spitzer Platten aus Granit die die Berge darstellen stehen drei hölzerne Pfähle mit darauf von links nach rechts die Bildnisse des Pfarrers Karl Eller, Theodor Christomannos und des Architekten Otto Schmid. Auf einer Tafel wird angegeben weshalb gerade diese drei Herren die Anerkennung verdienen. Pfarrer Karl Eller hat 1899 den Vorgänger der heutigen Bergrettung Sulden gegründet, zusammen mit Theodor Christomannos (1854–1911), ein österreichischer Rechtswissenschaftler, Politiker und begeisterter Bergsteiger dessen Familie ursprünglich aus Griechenland stammte. Er hat von grosser Bedeutung für Sulden: er liess die Teerstrasse vom Tal bis ins Dorf bauen und er war eng beteiligt am Zustandekommen der Eisenbahnlinie von Mals nach Meran, der Vinschgaubahn. Er finanzierte den Bau mehrerer grossen Hotels in Sulden, wie Hotel Sulden, das entworfen worden war vom Wiener Architekten Otto Schmid (1857–1921). Ein anderes beeindruckendes von ihm entworfen Gebäude ist die Evangelische Kapelle die er schuf auf Bitte seiner Frau die reformiert war. Das letzte Mal besuchte ich die Kapelle die auch am Kultur- und Geschichteweg liegt – ich erinnere mich noch wie friedlich die Atmosphäre dort war.

Nach dem Chalet bin ich weitergegangen zum Gasthaus Waldruhe das gerade geöffnet hatte. Bei der Eingangstür war ein spielerischer Text angeschrieben: „Es werden wieder Zeiten kommen , in denen das einzige Ansteckende das Lachen ist“. Es war schon ziemlich vollbesetzt und gemütlich. Deshalb wird es mit jenem anstechenden Lachen auch wohl gut ausgehen!

Auf dem Zurückweg brach langsam die Sonne durch und schien auf den Ortler. Darum kam ich auf die Idee um mit dem Sessellift vom Dorf zur Bergstation am Langenstein zu gehen. Von dort hatte ich am 14. August 2019 jene wunderschöne Wanderung unternommen zur Marlt Madonna, zur Statue Mariä aus weissem Marmor die auf 2.568 Meter Höhe am Fels hängt: Sulden am Ortler: Wanderung zur Marlt Madonna. Jetzt schwebte ich leise nach oben.

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Sulden am Ortler: Blick aus dem Sessellift zum Langenstein auf den Ortler im Winter

Hier war der Ortler dominierend im Bild! Auch war gut sichtbar wie dick der Blockgletscher, der Marltgletscher, war.

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Sulden am Ortler: oben bei der Bergstation des Sesselliftes von Langenstein gibt es ein winterliches Panorama mit dem Ortler und dem Martlgletscher

Von dieser Stelle ist die Statue der Marlt Madonna mit dem blossen Auge nicht sichtbar, gewiss wegen des weissen Berghanges. Trotzdem konnte ich die Position schon gut einschätzen: die Statue hängt gerade unter dem dicksten Teil des Martlgletschers. Auf einem Foto im Sommer ist das gut zu sehen.

Erneut fiel mir der Kontrast zwischen Winter und Sommer auf als ich wieder mit dem Sessellift hinunterstieg und Sicht hatte auf die Berge östlich von Sulden, die im Sommer schon ganz weniger verschneit waren.

Wie ich mich gestern vorgenommen hatte bei der kleinen Lourdes-Kapelle entlang dem Weg bei Razoi bin ich nach dem Zurückkehr ins Dorf zur St. Gertraudkirche gegangen um eine Kerze zu brennen für den Weltfrieden. Ausserhalb der Kirche steht ein Kriegsdenkmal, bestehend aus einem grossen Block Granit mit auf einer Gedenktafel aus Bronze den Namen der Soldaten aus Sulden die im Ersten und im Zweiten Weltkrieg gefallen sind. Auf einem Kreuz aus dünnen Birkenstämmen ruht ein Helm. In der Kirche herrschte Ruhe und das Sonnenlicht fiel sanft herein. Meine Kerze für den Weltfrieden fügte noch etwas Licht hinzu…

Hiermit ist die erneute Bekanntschaft mit Sulden am Ortler, diesmal im Schnee, zu Ende gegangen: Morgen reise ich wieder ab nach Hause. Ich weiss jedoch bestimmt dass ich zurückkehren werde zu diesem besonderen Ort!