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Den 12. März 2022

Entlang dem Inn und durch den Wald mit den Skulpturen

Gestern Morgen bin ich aus meinem Hotel Bären in Suhr bei Aarau weiter gereist zu meiner nächsten Bestimmung: Scuol im Unterengadin. Ein Regionalzug brachte mich durch eine freundliche, hüglige Landschaft aufs Neue zum Zürich Hauptbahnhof; von dort fuhr ich über den mir so bekannten Weg entlang dem immer wieder faszinierenden Walensee, mit der am Nordufer steil aufragenden Bergkette der Churfirsten, wovon die Gipfel schneebedeckt waren. Nach dem Umstieg in Landquart auf „die Kleine Rote“, den roten Zug der Schmalspureisenbahnlinie der Rhätischen Bahn für meine Reise ins Engadin wurde die Aussicht richtig winterlich: im Prättigau, in der Regio wodurch der Fluss die Landquart fliesst, lag viel Schnee; die Bergen glänzten weiss in der Sonne. Vom Zug her konnte ich die so charakteristische und elegante Sunniberg-Brücke zwischen Küblis und Klosters sehen – der Anblick bleibt wunderschön! Auch die Aussicht auf dem Gebiet um Klosters war unvermindert schön: das hatte ich in den vergangenen zweieinhalb Jahren nicht mehr gesehen! Ich genoss es aufs Neue – jetzt sah ich es wieder mal im Winter! Diese Zugreise ist immer ein Fest…

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Beim Walensee: Blick über das blaue Wasser auf die Churfirsten mit Schnee auf den Gipfeln
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Zwischen Küblis und Klosters im Prättigau: Blick auf die Sunniberg Brücke mit an der linken Seite im Hintergrund das Pischahorn (2.980M)
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Bei Klosters im Prättigau: Blick auf das Dorf und die Gebirgsgruppe der Silvretta mit dem höchsten, scharfe Gipfel des Piz Linard (3.410M)

In Scuol checkte ich wieder ein beim Typically Swiss Hotel Altana wo ich herzlich empfangen wurde. Nicht viel später ging ich eine Weile ins Dorf und hatte eine schöne Sicht auf den Teil der tiefer liegt als der Bahnhof und auf die Berge südlich von Scuol. Es war grossartig um die mich so bekannte Landschaft wieder zu sehen – diesmal im Schnee und nicht im Sommer. Der „Hausberg“ Piz Lischana (3.105 m ü. M.) wird flankiert vom dreispitzigen Piz San Jon (3.093 m ü.M.) an der südwestlichen Seite und dem Piz Ajüz (mit 2.788 m ü.M. etwas niedriger). Die reformierte St. Georg Kirche stand schön weiss da auf der über den Inn ragenden Felsformation. Was der Name angeht: entomologisch ist der Name Scuol zurück zu führen auf scugl (lateinisch scopulus, steile Felsspitze). Das ist hier sichtbar! Der Fels ist schon seit prähistorischen Zeiten bewohnt gewesen. Man hat dort in den 1950er Jahren Ausgrabungen durchgeführt in der Nähe der Kirche und eine Topfscherbe gefunden: in den Dezennien danach wurden noch weitere Beweise gefunden von Bewohnung in der Urzeit, wie ein verkohlter Boden und Reste einer reichen Ernte. Die Schichten waren wohl drei Meter dick. Bei späteren Ausgrabungen entdeckte man dass dort schon seit 1178 eine (karolingische) Kirche gestanden hat, die 1285 niederbrannte. Anschließend ist eine romanische Kirche errichtet worden die auch im Laufe der Zeit in Verfall geriet. Ein Adliger aus dem Val Poschiavo, dem Puschlav, hat die neue Kirche gegründet. Dieses Tal ist ein Seitental des Oberengadins, das nach der Passage von Pontresina und vom Bahnhof Alp Grüm in schwindelerregendem Tempo mehr als tausend Meter bergabwärts anfangt. Nur so nebenbei: ich bin früher mehrmals dorthin gereist mit der Rhätischen Bahn als Teil des Bernina Expresses – ein Erlebnis das ich gern abermals wiederholen möchte, denn diese (Bahn-)Trasse liegt teils auch auf der Route der Via Alpina! 1530 wird Scuol reformiert, wie das gesamte Engadin – ausser des Weilers Tarasp, der unter der Herrschaft der Habsburger bleibt (also katholisch).

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Scuol: winterlicher Blick auf den niedriger gelegenen Teil des Dorfes (beim Inn) und den Felsen mit der Kirche gegen den Hintergrund des Piz Lischana (Mitte) und des Piz Ajüz (an der linken Seite)

Im Laufe der Zeit ist vieles dazu gebaut worden in und um Scuol, aber es gibt auch viele authentische Engadiner Häuser, so wohl im „Oberdorf“, das ungefähr auf gleicher Höge liegt wie der Bahnhof der Rhätischen Bahn, als auch im „Unterdorf“ um den Fels mit der Kirche. Das Engadinerhaus ist ein Baustil der nicht nur im Engadin vorkommt, sondern auch im Vinschgau, Südtirol, und im oberen Teil des Inntales in Österreich. Kennzeichnend sind die dicken Mauern, die tiefliegende Fenster, die auffälligen Erker und die runden Eingangstore für Haus und Stall. Solche Häuser wurden nicht all im gleichen Stil gebaut: sie wurden später wenn es notwendig war, ausgebreitet in einem anderen Baustil. Auch modernere Häuser werden oft auf dieser Weise gebaut, um diese Bautechnik zu erhalten. Ein anderes auffallendes Kennzeichen ist die Bemalung der Fassaden mit sgraffito, der Stucktechnik wobei Linienzeichnungen im frischen Mörtel gekratzt werden. Danach werden sie eingefärbt in fresco-Technik: die Farbe wird direkt auf den nassen Kalk angebracht und bildet einmal getrocknet damit eine Einheit. Diese Art von Stuckwerk ist sehr dauerhaft, aber man soll schnell arbeiten und eine feste Hand haben, denn Korrekturen sind nicht möglich! Auch hierbei gibt es viele Stile: von ganz klassisch mit Fabeltieren und Wassernymphen bis zu geometrischen Formen, von ton-sur-ton Weiss-Grau-Crème bis zu bunten Farben. Auch stehen oft Texte auf Rätoromanisch auf der Fassade. Die Häuser in diesen Strassen sahen gut gepflegt aus – viele waren im Laufe der Jahre mit Liebe restauriert worden. Die älteren Häuser sind meist auch denkmalgeschützt.

Von Dorf wählte ich den Wanderweg am rechten Ufer des Inns, weil ich dort in der Sonne gehen konnte. Ausserdem passierte ich wieder eine interessante Stelle: bei Scuol-Runa, irgendwo einfach gegen den Südhang unterhalb eines Bauernhofes mit einem offenen Stall, wo die Kühe auch die Sonne genossen, war der Hang ockerfarbig und kahl. Hier tritt Mineralwasser aus dem Fels! Die Ockerfarbe wird verursacht von Kalktuff, einem Sedimentärgestein das verwandt ist an Kalkstein und das hier entstanden ist durch Ablagerung von Kalk aus langsam fliessendem Wasser. Jetzt wo ringsum Schnee lag, war dies deutlicher zu sehen als im Sommer.

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Scuol: bei Runa tritt das Mineralwasser einfach am Berghang aus der vom ausgefällten Kalktuff ockerfärbig ist

Ungefähr zwanzig Minuten später erreichte ich ein kleines Naturschutzgebiet entlang den Ufern des Inns. Hier ist das Tal ganz breit. Im ebenfalls breiten Bett des Inns ist im Laufe der Zeit eine schöne Auenlandschaft entstanden. Der Pfad dorthin war noch mit einer dicken Schneeschicht bedeckt. Das Tal mit den hohen Bergen am linken Ufer des Inns als Kulissen sah friedlich aus.

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Zwischen Scuol und Sur En: östlich des Weilers Pradella liegt im breiten Tal eine Auenlandschaft

Dieses friedliche Bild wurde nachher schon etwas zerstört vom grossen Komplex des Wasserkraftwerkes Pradella. Dieses Kraftwerk ist Teil des Unternehmens Engadiner Kraftwerke (EWK), das Elektrizität erzeugt mit Wasser aus dem Inn und seinen Seitenflüssen und Bergbächen aus dem Engadin. „Pradella“ belegt den zweiten Platz in der Schweiz was Quantität aus Wasserkraft erzeugter Energie angeht. Die EWK beziehen das Wasser aus dem Inn von S-chanf, weiter nach Westen im Engadin, bis an die Grenze mit Österreich in Martina. Auch das Wasser das aus den Bergen um dem Livignosee in jenen Stausee fliesst wird für die Stromerzeugung angewendet. Der Fluss Inn wird auch an mehreren Stellen abgezapft und das Wasser durch grosse Tunnels und Druckröhre durch die Berge (eben unter dem Schweizer Nationalpark durch!) geführt und in Reservoirs und kleinen Stauseen gespeichert. Es gibt drei Phasen: die erste führt vom Livignosee nach Ova Spin im Tal das von Zernez zum Ofenpass geht; die zweite Phase dehnt sich aus über dem Gebiet von Ova Spin nach Pradella (das Wasser wird über eine Druckleitung von 20 Kilometern befördert!) und die dritte Phase führt von dort nach Martina (grösstenteils unterirdisch). Neben dem Kraftwerk selbst sind gigantische Freiluftschaltanlagen erbaut worden, die ein Knotenpunkt bilden für die Stromversorgung in einem grossen Teil Europas…

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Zwischen Scuol und Sur En: Blick nach Westen auf die Wasserfassung des Wasserkraftwerkes Pradella, Teil der Engadiner Kraftwerke, mit der Bergwelt als Hintergrund
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Zwischen Scuol und Sur En: Blick auf die Freiluftschaltanlagen des Wasserkraftwerkes Pradella, Teil der Engadiner Kraftwerke

Beim Wasserkraftwerk führt der Weg mit einer Brücke über den Inn zu den Betriebsgebäuden. Der Wanderweg geht weiter am linken Ufer. Nach den Freiluftschaltanlagen kehrt die Natur zurück. Hier teilen in der Wintersaison Wanderer und Langläufer den präparierten schneebedeckten Weg: Wanderer gehen über einen schmalen Streifen mit hartem Schnee – Langläufer können in einer Spur gehen, oder über einem breiteren, abgeflachten Teil (zum „Skating“). Es gab an jenem Samstagmorgen nicht viele Wanderer, aber schon viele Langläufer die ganz in ihrer eigenen Welt verweilten und die Umgebung nicht schienen zu geniessen. Hier ist die Natur noch etwas unberührt und fliesst der Inn ruhig durch die hier noch schneebedeckte Landschaft. Trotz des Schnees waren zwei Wasseramseln (Cinclus cinclus) schon in Frühlingsstimmung: ich hörte sie eher als ich sie sah. Sie flatterten vom einen Felsblock auf den anderen, laut zwitschernd. Sie hatten fast dieselbe Farbe als die Steine: ihre weissen Hals und Brust stachen nicht mehr ab gegen den Schnee auf den Felsblöcken! Diese faszinierenden Tierchen leben vor allem in der Nähe und in schnell fliessendem Wasser, wie hier in den Bergen. Sie wenden ihre Flügel an um zu schwimmen und sind in de Lage unter Wasser über den Boden zu gehen, wo sie jagen auf Larven von wirbellosen Tierchen, wie Eintagsfliegen. Dieses Männchen hatte nicht ganz den Erfolg den er erhofft hatte: das Weibchen verschwand…

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Zwischen Scuol und Sur En: östlich des Wasserkraftwerkes bei Pradella fliesst der Inn wieder ruhig durch eine winterliche Landschaft
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Zwischen Scuol und Sur En: auf einem Felsen im Inn versucht eine Wasseramsel (Cinclus cinclus) die andere zu beeindrucken

Vom Wasserkraftwerk braucht man zu Fuss schon fast Dreiviertelstunde zum Weiler Sur En. Zu meiner Enttäuschung war mein üblicher Ruhepunkt, der Landgasthof Val d’Uina definitiv zu, deshalb sollte ich weiter gehen zum Restaurant das zum Campingplatz gehört, „Sper la Punt“. Dort setzte ich mich hin und ass zu meinem Kaffee eine wunderbare Engadiner Nusstorte, die eigentlich zum Nachtisch diente und sehr gut schmeckte. Dieser Kuchen mit Baumnüssen, die auch schon Bündner Nusstorte genannt wird, ist eine der wichtigsten kulinarischen Spezialitäten des Kantons Graübunden. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sind viele Bäcker aus wirtschaftlichen Gründen aus dem Kanton ausgewandert. Die meisten von ihnen zogen nach Italien, aber manche gingen auch nach Frankreich. Der Bäcker der sich in Toulouse, Südwestfrankreich, niederliess wurde inspiriert von den Kuchen mit Baumnüssen wie der dort hergestellt wurde und dazu hat die Engadiner Nusstorte ihr Entstehen zu verdanken. Der Teig ist ein Mürbeteig und die Füllung besteht aus Baumnüssen mit karamellisiertem Zucker, Rahm und manchmal auch Honig. Alles im Allem ein energiereicher Happen!

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Sur En: Kaffee mit authentischer Engadiner Nusstorte beim Restaurant „Sper la Punt“

Jene Energie könnte ich brauchen, denn nachher fing ich mit der Rundwanderung über den „Skulpturenweg Scuol“ an, dessen Start beim Campingplatz war. Der erste Teil des Weges war gut machbar. Es lag kein Schnee oder Eis mehr und am Wegrand blühte eben ein einsamer Huflattich (Tussilago farfara). Der gelbe Strahlenkranz jenes Blümchens verlieh dem bräunlichen Boden eine schöne sonnige Farbe. Nicht lange nachher stieg der Weg stark auf – an sich kein Problem, aber er war ganz bedeckt mit einer Eisschicht… Glücklicherweise hatte ich meine Spikes mitgebracht und lehnend auf meinem Wanderstock kletterte ich mühsam nach oben! Ein wenig später überquerte ich den offiziellen Eisweg, einen Weg durch den Wald der im Winter als Eisbahn präpariert wird. Der Unterschied zum Skulpturenweg war nicht sichtbar! Die gesamte Strecke der Kunstwanderung sollte auf Weiteres eine Eisbahn bleiben…

Im Skulpturenwald, der offiziell Skulpturenweg Scuol heisst, stehen und hängen im Ganzen 150 Kunstwerke entlang einem Rundweg mit einer Länge von ungefähr 5 Kilometern. Entlang dieser Route die 1999 eröffnet wurde, sind seitdem rund 300 Kunstwerke von mehr als 200 Künstlern und Künstlerinnen gezeigt worden. Manche dieser Kunstwerke sind im Laufe der Zeit zerfallen oder von fallenden Bäumen beschädigt worden… Ende 2010 hat der Verein Art Engiadina die Wartung des Skulpturenweges auf sich genommen. Seit 1994 wird jedes Jahr anfangs Juni ein Bildhauersymposium organisiert das eine Woche dauert, woran BildhauerInnen aus Innen- und Ausland teilnehmen. Die Skulpturen die nicht während der abschliessenden Vernissage verkauft werden, finden einen Platz am Skulpturenweg. In meinem ersten Wanderjahr auf der Via Alpina war ich in Juni 2017 schon mal an das Bildhauersymposium vorbeigegangen auf meiner Wanderung nach Sur En und hatte den TeilnehmerInnen zuschauen können. In Juli 2018 hatte ich den grössten Teil dieser Skulpturenweg mal besucht, aber weil jedes Jahr neue Kunstwerke dazu kommen, möchte ich den Weg abermals gehen. Und es gab tatsächlich viel Neues zu sehen. Normalerweise braucht man eineinhalb Stunden für den Rundgang, aber weil ich mit den Spikes vorsichtig gehen musste, dauerte es über zwei Stunden! Aber das beeinflusste das Erlebnis nicht. Die KünstlerInnen arbeiten mit verschiedenen Materialien, Marmor und anderen Gesteinen, Holz und Kombinationen davon. Viele gefielen mir schon, manche (gar) nicht.

Es gab viele Skulpturen aus Marmor, die manchmal nicht und manchmal gerade auffielen im beschneiten Wald. Eine interessante Skulptur fand ich die „Lichtharfe“ aus 2014: an einem Kabel in einem Baum hängt ein Stück weisser Marmor in einer ovalen Form mit senkrechten Schlitzen wodurch das Licht fällt und damit einen Schatten kreiert. Der Künstler René Phillipe sagt dazu, dass “Licht” der Spielkamerad des „Schattens“ ist und dass dieses Spiel in einem Körper gefangen werden soll. Durch die Schlitze dringt Licht ins Innere hinein und ruft dort einen Licht-Schattenspiel hervor. Eine andere Skulptur welche die Vorstellungskraft anregt fand ich „Paradox“: ein Feder aus Marmor auf einer Säule aus Holz der mexikanischen Künstlerin Sabrina Coco. Sie möchte zeigen dass es Gegensätze im Leben und in der Kunst gibt und dass etwas Schwaches etwas Starkes unterstützt… Eine andere Künstlerin, Monika Majer, aus Deutschland, hat 2020 eine Skulptur aus Marmor kreiert, „ohne Weiteres (trägt der Stein)“, wobei sie das Thema jenes Jahres, „im fluss“ verarbeitete. Der Gegensatz von Weichheit und Umschmeicheln an der einen Seite und von Druck und Kraft des Steines an der anderen Seite wird gezeigt in der Form einer Sitzbank wie ein „lover’s seat“. In einem Video erklärt sie wie die Skulptur zustande gekommen ist. Jetzt steht die Skupltur im Wald entlang dem Skulpturenweg mit einer Haube von Schnee: hierdurch ist sie nicht erreichbar, aber es verstärkt den Eindruck von Weichheit! Eine weitere Skulptur, ebenfalls aus Marmor mit dem Titel „Doppelhelix“, steht zwar reglos im weissen Schnee, aber hat jedoch sehr viel Bewegung in sich: der deutsche Künstler Norbert Jäger beschreibt sie als ein Bächlein das zu einem mächtigen mitreissenden Fluss wird.

Von den Skulpturen aus Holz fand ich manche rührend und packend. Andere fand ich witzig oder nur schön. Eine Skulptur aus Holz mit dem Titel „Bewegte Erde“ aus 2012 besteht aus gefalteten, schön fliessenden Brettern. Der schweizerische Künstler Peter Gredig erklärt dass diese Skulptur tektonische Platten darstellen und allen Menschen gewidmet ist die in jenem Jahr von Erdbeben, Kriegen oder sonstigen Schicksalen heimgesucht wurden. Über die Skulptur hinwegschauend sah ich wie an der anderen Seite des Tales das Dorf Vnà friedlich im Sonnenlicht lag… Weiter stand die „Waldgöttin Sylvana“, 2016 kreiert von der deutschen Künstlerin Stefanie Fuentes Schreiber ruhig in sich selbst gekehrt, obwohl sie der Künstlerin nach, angeblich in die Zukunft schaut – sie ist mittlerweile schon etwa mehr verwittert als das letzte Mal dass ich sie sah, so dass sie fast in den Hintergrund verschwindet. Sie ist schon eine meiner Lieblingsskulpturen hier!

Manche Kreationen sind witzig: wie „Nüsse/Nuschs“ des aus Ftan stammenden Künstlers Peter Horber aus 2021. Hier liegen grosse aufgebrockene Baumnüsse aus Holz im Schnee mit in einem davon einem Männchen. Der Künstler hat hier zeigen wollen dass Baumnüsse einerseits Samen sind die neues Leben bringen, aber anderseits auch Symbol stehen für das Knacken harter Nüsse, das Lösen von Problemen. Andere Künstler verleihen alten Sachen die sie auffinden neue Formen. Solch ein Künstler ist der aus Bern stammende GAMelle, der einen alten Schleifstein verarbeitete in seinem Kunstwerk „Augenschleifer“. Der Schleifstein ist noch immer wiedererkennbar. Das Kunstwerk steht gegen den Hintergrund der von den Bäumen ein wenig abgedeckten Sicht auf Sur En in der Tiefe und das Tal des Unterengadins.

Das hölzerne Kunstwerk „Mäander” der österreichischen Künstlers Andreas Rendl aus 2020 ist ein Ruf zu Verbindung: einerseits sieht es aus wie eine flackernde Flamme, anderseits wie ein Wasserstrom, der eine Verbindung zwischen Ländern zeigt. Die (Ver-)Bindung zwischen dem Engadin und Tirol entsteht hier durch den Fluss Inn. Gegensätze sind das Thema des Kunstwerks „(dis)similarity“ der polnischen Künstlerin Maria Krasnodebska aus 2019. Durch die Verwendung der Materialien Holz und Marmor scheinen die abstrakten, puppenartigen Figuren einander gegenüber zu stehen, aber weil sie identische Formen haben, zeigen sie schon eine Verbindung. Dies ist eine Form von (bio)morphischen Kunst, wobei Formen die lebendigen organischen Formen aus der Natur ähnlich sehen abstrahiert werden.

Auch das Kunstwerk „Verhüllt“ der schweizerischen Künstler Florian Fuchs und Joannes Wetzel fällt auf. Sie umschreiben ihr in weissem Marmor und jetzt noch schön hellem Lärchenholz gestaltetes Projekt wie folgt. Es geht um die Zukunft: unser Blickfeld wird vom undurchdringbaren Schleier der Zeit abgedeckt, manchmal wie ein geschuppter Panzer und dann wieder wie eine weiche Decke. Aus Marmor ist die gefaltete Decke mit der Technik des Bildhauens und aus Lärchenholz ist die organische Bekleidung mit Schindeln aus der Holzverarbeitung. Das Holz und der Marmor wie unterschiedlich auch verstärken einander in diesem Objekt. Die kleinen hölzernen „Dachziegel“ sehen tatsächlich aus wie eine Leichtgewichtdecke! Die Nachmittagssonne fiel schön auf eine langgedehnte Statue einer Dame die auf einem Rad steht: „RadlerIn“ des schweizerischen Künstlers Helmut Tschiderer aus 2021. Hier wird der Balanceakt symbolisiert zwischen Handel und Umweltschutz. Das Thema jenes Jahres war “Zukunft”. Beim Bildhauersymposium waren auch 10- bis 11-järige Schüler aus dem benachbarten Dorf Ramosch eingeladen worden – ihnen wurde gefragt was sie sich für die Zukunft wünschten: weniger CO2-Emissionen, weniger Plastikabfälle, weniger Rassismus, mehr Schutz von bedrohten Tierarten… Wir werden es mal erleben!

Ich stiess irgendwo auf einen Baum der aus der Ferne wirklich aussah wie ein Baum in Zerfall mit weissen und roten Plakaten von Pilzen und der den Namen „Käferfest“ (2016) bekommen hatte. Bei näherer Inspektion fand sich heraus dass die weissen Pilze Aluminiumteile waren die um den toten Zweigen drapiert worden waren und die roten Pilze Kapseln von Coca-Colaflaschen („Made in Switzerland“)! Der schweizerische Künstler Rudolf Tschudin ist sehr experimentierfreudig mit spielerischen Ideen und witzigen Auswirkungen. Das fand ich hier schon gelungen!

Unterwegs begegnete ich auch „Kunstwerke“ aus Holz die nicht von Menschen kreiert wurden: irgendwie hatte der letzte Sturm einen grossen Nadelbaum gefasst, der dadurch tordiert war: der fast hohle Stamm stand noch gerade da mit langen Holzsplittern am Ende… Die Stämme zweier Kiefer bildeten einen schönen Rahmen für die wunderschöne Aussicht auf die höhergelegenen Berghänge oberhalb von Scuol im Nordwesten. Auch hier spielte Holz eine wichtige Rolle!

Am 4. Juli 2018 hatte ich auch schon einen Teil dieses „Skulpturenweges“ besucht und dort das etwas traurig machende Kunstwerk „Die Armen Seelen“ gesehen. Diese Statuengruppe die 2005 vom schweizerischen Künstler Urs Martin Traber kreiert worden ist wird gebildet von einer grossen Sammlung menschähnlicher Figuren, mit Köpfen die aus Bahnschwellen gesägt worden sind mit zwei Bohrlöchern als Augen und ein Bohrloch als Mund, welche auf vielerlei abgedankten Metallfragmenten montiert worden sind. Die Grundidee ist die Darstellung der Angst und Verunsicherung die der Übergang zum neuen Millennium mit sich bringen würde. Gegen den Hintergrund des Schnee in diesem Sonnenlicht und auch mit den grossen Strom vertriebenen in unserer Zeit, eigentlich so nah an uns, konnte ich mich vorstellen dass Angst und Verunsicherung…

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Sur En: am Skulpturenweg steht die hölzerne Statuengruppe „Die armen Seelen“ des schweizerischen Künstlers Urs Marin Traber aus 2005, hergestellt aus Stein und Metallfragmenten

Nachdem ich ungefähr zwei Stunden über den – trotz der Spikes – rutschigen Skulpturenweg gegangen war erreichte ich nach einem steilen Abstieg wieder Sur En, bei der Endstation des Postautos. Ich entschied mich für eine kurze Wanderung zur Haltestelle beim Campingplatz. Dort habe ich die überdeckte Holzbrücke über den Inn mal richtig betrachtet. Diese Brücke aus 1868 ist 60 Meter lang und damit die längste Holzbrücke in Graubünden, die noch befahrbar ist. Schilder zeigen dass die Höchstbelastung 16 Tonnen ist und die maximale Durchfahrhöhe 3,3 Meter. Die denkmalgeschützte Brücke wird ab und zu repariert: in letzter Zeit hatte man einige Querlatten ersetzt – das helle Holz stach deutlich ab gegen das schon verwitterte Holz! Die Brücke ist auch sehr schmal: das Postauto muss mit Millimeterpräzision manövrieren bei der Einfahrt der Brücke! Der Bus worauf ich nicht lange warten brauchte, erreichte nach vielen Kehren die Hauptstrasse in Richtung von Scuol und ich hatte aus der Höhe noch eine wunderschöne Aussicht auf die Brücke und auch auf das wilde Seitental, das Val d’Uina, wodurch ein schwieriger aber den Kennern nach überwältigend schöner Wanderweg führt der sein Ziel im Vinschgau hat, westlich von Mals. Aber das ist möglicherweise etwas für später…