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15. Juni 2019

Nicht länger durch die Clemgia-Schlucht…

Gestern habe ich Etappe 67 des Roten Weges der Via Alpina abermals gewandert, zu mindestens den ersten Teil: von Scuol nach Plan da Funtanas, ungefähr halbwegs S-charl, Zeil der Etappe. Es war fast auf den Tag genau vor zwei Jahren dass ich diese Etappe zum ersten Mal gemacht habe: hier habe ich am 12. Juni 2017 mit der Via Alpina angefangen! Ich erinnere mich noch sehr gut wie grossartig die Wanderung war – und wie vielversprechend die Via Alpina damals war. Und ich weiss inzwischen auch wie grossartig und vielversprechend die Via Alpina ist – und zweifelsohne bleiben wird!

Es ist schon sehr bedauerlich für die ganze Wander-Community dass der meist beeindruckende Teil dieser Etappe, die Strecke durch die Schlucht, wodurch ein Seitenfluss des Inns, die Clemgia, fliesst, nicht mehr möglich ist. Vielleicht ist es bekannt, aber ungefähr sechs Wochen nachdem ich die Wanderung gemacht habe hat es am 29. Juli 2017 ein fürchterliches Unwetter gegeben mit Gewittern und sehr starkem Regen, wobei es im ganzen Val S-charl und auch um Scuol herum zu grossen Überschwemmungen kam. Ich hatte gerade an diesem Tag eine wunderbare Wanderung gemacht von S-charl über den Costainas Pass ins Val Müstair und habe darüber berichtet:

Es war wieder ein grossartiger Tag in einer wunderschönen Naturlandschaft. Am selben Abend und während der folgenden Nacht hat ein verheerendes Unwetter im Unterengadin gewütet. Das Val S-charl ist schwer betroffen worden: grosse Murgänge sind über die einzige Zugangsstrasse heruntergekommen. Einwohner und Gäste sind mit Hubschraubern evakuiert worden. Vor zwei Jahren (Ende Juli 2015) war es auch mal passiert und jetzt aufs Neue … Das Tal wird für sicher eine Woche nicht erreichbar sein. Dies zeigt abermals wie trügerisch die Wetterbedingungen in den Bergen sein können.

Damals sind solche grosse Wassermassen durch das Val S-charl gerast, dass in der engen Clemgia-Schlucht mit dem grossen Gefälle die ganze Infrastruktur von Wanderwegen und Brücken weggefegt worden ist. Die Gemeinde Scuol hat sich seriös beraten um die aus touristischer Sicht wichtige Wanderstrecke wieder ein zu richten, obwohl es eine kostenspielerischen Operation sei. Schlussendlich hat man eingesehen dass die Wiederinstandsetzung zwecklos sein würde: die Berghänge flussaufwärts der Schlucht sind dermassen erodiert, dass es zu erwarten war dass bei einem nächsten Unwetter es wieder zu grossen Schäden führen würde… Dass dies eine kluge Entscheidung war, wurde am 1. August letztes Jahr klar als es wieder zu grossen Schäden kam – ich verbrachte wieder einige Tage in Scuol: nach einem kräftigen „stationären“ Gewitter mussten auch wieder Menschen mit Hubschraubern evakuiert werden aus S-charl… Deshalb ist jetzt die Clemgia-Schlucht definitiv gesperrt worden…

Gestern beschloss ich deshalb um einen alternativen Weg zu suche, und es wurde ein Weg den ich schon einige Male – vor allem im Winter – gegangen bin: über Vulpera, ein Weiler an der Überseite des Tales, in der Nähe von Tarasp, und das Gasthaus Avrona, ein Gasthaus auf einer Bergschulter, mit Weitblick über das Val S-charl.

Nach einer guten Nachtruhe und einem herzhaften Frühstück ging ich vom Hotel Altana in die Richtung der Fussgängerbrücke über den Inn und hatte dabei einen schönen Blick über ein gerade gemähtes Feld mit Luzerne auf Vulpera, mit den vielen Hotels aus dem Anfang des 20. Jahrhundert. Der Piz Pisoc ragte hoch über die bewaldetet Berghänge hinaus. Von der Fussgängerbrücke zum rechten Ufer des Inns bei Guirlaina war der hohe Wasserpegel im Fluss nochmals gut zu erkennen! An den Wegweisern war die bekannte Strecke nach S-charl (4 Stunden zu Fuss) über Plan da Funtanas mit gelbem Band abgeklebt…

Nach einigen Minuten kam ich bei einer Brücke über die Clemgia, von wo es nur noch einige hunderte Meter war bevor das Flüsschen in den Inn ausmündete. Das Wasser in der Tiefe sah grau wegen des mitgeführten Schlammes. An der Überseite der Brücke führt der ursprüngliche Wanderweg entlang dem Wasser in die Richtung der Schlucht, aber dort war nicht nur ein offizielles Schild „Verboten für Fussgänger“ aufgehängt worden, aber da war auch ein rot-weiss kariertes Band über die ganze Breite des Weges gespannt worden. Dazu hingen zwei Schilder mit offiziellen Mitteilungen der Gemeinde Scuol. Das erste war von August 2017 als das Unwetter gerade passiert war. Im Vallader und auf Deutsch war angeschrieben worden dass der Abschnitt von Avrona nach Plan da Funtanas wieder geöffnet ist, aber wegen Erdrutsche der Weg entlang der Clemgia bis auf weiters gesperrt bleibt. Auf dem zweiten Schild, von April 2019, wird angegeben dass als Folge der Unwetter von 2017 Erdrutsche und Felsabbrüche den Wanderweg nachhaltig beschädigt haben und dass zahlreiche Stege zerstört und mehrere Wegstücke bis auf den blanken Fels abgetragen sind. Deshalb ist aus Sicherheitsgründen die „attraktive Clemgia-Schlucht“ bis auf weiteres, aber sicher bis Frühling 2020 gesperrt bleiben… Etwas hoffnungsvoll wird auch geschrieben dass man jetzt Untersuchungen durchführt nach den Möglichkeiten zur Reparatur und Kostenkalkulation mit dem Ziel die Schlucht baldmöglichst wieder begehbar zu machen. Deshalb folgte ich schon dem weniger abenteuerlichen Weg, der im Winter auch angeschrieben ist als „Winterwanderweg“, nach Vulpera.

Über einen leicht ansteigenden Fusspfad kam ich im östlichen Ortsteil des jetzt ziemlich verlassenen Kurorts Vulpera mit leider relativ viel vergangener Pracht aus dem Zeitalter wenn das Baden in und Trinken von Mineralwasser Furore machte: in der zweiten Hälfte des 19. und im Anfang des 20. Jahrhunderts.. Von dort ging ich über einen schmalen Pfad der Zick-Zack am steilen Berghang hinauf geht. Es ist eine schöne, schattenreiche und grüne Umgebung mit vielen von Moss zugewachsenen Baumstumpfen und Felsbrocken. Ich sah wie an vielen Stellen Alpen-Waldreben (Clematis alpina) wuchsen – sie standen in voller Blüte: die Kelchen haben eine zartblaue Farbe, welche auch ins lichtrosa sticht. Ein schönes Exemplar hatte eine junge Buche mit noch frischgrünen Blättern ausgesucht als Stütze! Ich habe nicht viele Tiere gesehen: nur ein neugieriges dunkelfärbiges Eichhörnchen und einen enorm grossen Ameisenhaufen unter einigen grossgewachsenen Fichten. Ab und zu gab es wundervolle Panoramablicke auf Scuol und die Berglandschaft nördlich des Inntales. Obwohl dieser Weg nicht so abenteuerlich war wie der Weg durch die Clemgia Schlucht, war es sehr angenehm um durch diese beruhigende, kühle Umgebung zu gehen!

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Oberhalb von Scuol-Vulpera: Blick auf Scuol und die Berglandschaft im Norden

Nach dem steilen Aufstieg erreichte ich eine Waldlichtung mit einer weitläufigen Aussicht über Wiesen, den dominanten Piz Pisoc und die schneebedeckten Berge am Anfang des Val S-charl. Aus der Ferne sehen die Wiesen normalerweise grün aus, aber es wächst und blüht natürlich sehr vieles in vielen Farben. Eine besonders schöne Farbkombination finde ich das Violett der Wiesensalbei (Salvia pratensis) und das Gelb mit etwas Orange der Breitblättrigen Wolfsmilch (Euphorbia platyphyllos), womit der Südhang überwachsen war. Einmal im Winter habe ich auf dieser Wiese, am Waldrande, eine Gruppe von wohl fünf Gämsen gesehen.

Avrona ist ein kleiner Weiler mit dem Gasthaus Avrona und der „Bergschule Avrona“, einem Internat mit Sonderunterricht für Jugendlichen mit Lern- und Verhaltensproblemen. Auf einer Wiese standen Pferde und irgendwo hörte ich die gemütlichen Klänge von Hühner. Als ich zum Gasthaus Avrona ging, war eine Gruppe von Schülern beschäftigt mit einer Aufgabe wobei sie die Länge der Wiese vermessen sollten mit einem Messband – es war klar dass nicht jeder ganz motiviert war… Aber ja, sie waren schon draussen an die Sonne und die frische Luft. Seit einigen Jahren ist das Gasthaus nicht nur im Winter, aber auch im Sommer geöffnet. Es ist eine gute Stelle für eine Pause. Jetzt mit der Clemgia Schlucht gesperrt, kommen die Wanderer auf den Weg nach S-charl entlang Avrona: das wird bestimmt die Anzahl Besucher steigern. Deshalb war die Terrasse schon fast voll belegt, aber ich fand noch einen freien Platz unter einem Parasol. Nicht alle Gäste waren zu Fuss gekommen: von Tarasp führt ein breiter Asphaltweg zu diesem Ort.

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Tarasp-Avrona: Blick auf Gasthaus Avrona und den Piz Pisoc

Der Kaffee und die Quarktorte schmeckten ganz gut. Dass Avrona schon ein altes Gasthaus ist, wird klar wenn man das alte, hölzerne Aushängeschild sieht, das jetzt gegen der Wand am Boden steht. Alles Leckeres das darauf angeschrieben ist, gibt es auch heute noch. Nur die Bemerkung „Telephon im Hause“ wirkt in diesem Zeitalter wo jeder mit einem Handy in der Tasche herumgeht, schon etwas datiert! Ich verfolgte meinem Weg entlang der Waldlichtung worauf ich hinaus geschaut hatte während meiner Pause und ging weiter ins Val S-charl.

Nachdem ich eine Weile durch einen offenen Wald mit Nadelbäumen gegangen war, stieg ich langsam den Steilhang hinunter zum Flussbett der Clemgia. Die Geräusche von rasch fliessendem Wasser wurde stätig lauter – auch änderte sich die Farben von grün nach grau, von Vegetation zu kahlem Gestein. Das Wasser der Clemgia war milchfarbig wegen des mitgeführten feinen Schuttes. Hier war schon deutlich der Einfluss der Erosion der Berghänge zu sehen: dieser Teil des Unterengadins besteht aus Kalkgestein, das sehr bröcklig ist. Die Berghänge sind auch fast kahl, abgesehen von einigen Nadelbäumen. Hier entsteht die grosse Gefahr von Erdrutschen und Überschwemmungen nach extremen Wetterereignissen: die Clemgia muss dann enorme Wassermengen abführen die gerade beim Passieren der engen Schlucht grosse Schäden verursachen. Auch beim „normalen“ Abfuhr von Schmelzwasser das im Frühling aus den Bergregionen ins Tal fliesst, sind die Kräften gross: es lagen schwere Baumstämme im breiten Flussbett… Das Wasser raste auch jetzt noch weiter. Nach der Überquerung einer Holzbrücke über die Clemgia kam ich bei einer robust aussehenden Brücke, die barrikadiert worden war mit einem Holzpfahl und rot-weiss kariertem Band: wir durften nicht da entlang, weil die Treppe führt zum Weg durch die Clemgia Schlucht.

Etwas wehmütig ging ich in Gedanken zurück zur Wanderung durch die Schlucht die ich also vor zwei Jahren noch machen konnte. Hierunter folgen einige Bilder der wilden Natur in der Schlucht… Damals waren auch schon die Reparaturarbeiten zu Erhebung der Schäden aus 2015 deutlich sichtbar von der hellen Farbe des neuen Holzes her.

Unten am Fuss der Treppe schaute ich einigermasse zögernd zur alternativen Strecke die gemacht worden war um von hier nach Plan da Funtanas zu gelangen… Es waren einige Bretter an der Felswand befestigt worden mit zwei Seilen zum Stutz und weiter einige Trittsteine aus Beton auf dem vom Wasser ausgeschliffenen felsigen Ufer. Baumwurzeln klebten sozusagen noch gegen der vertikalen Bergwand. Schlussendlich war die Passage nicht halb so schlimm und sie hatte bedrohlicher ausgesehen als sie in Wirklichkeit war.

Der schmale Fussweg verlief über die Schuttfelder ein wenig stromaufwärts entlang dem Wasser. Dort wurde die Landschaft allmählig wieder grüner. Es wuchsen auch wieder viele besondere Blumen. Ich sah ein schönes und grosses Geflecktes Knabenkraut (Dactuloriza maculata) in der Beschützung eines Felsbrocken – eine junge Fichte daneben sah aus wie ein Bonsaibäumchen! Es strömen kleine Bächlein ruhig durch den offenen Wald. Entlang den Ufern von einem dieser Bächlein stand ein grosser Buschel mit Frauenschuhen (Cypripedium calceolus). Diese Orchideenart ist die grösste welche in Europa vorkommen und fällt auf durch ihre wunderschönen Blumen in den Farben hellgelb für die Blütenlippe und dunkelrot bis bräunlich für die oberen Blütenkelchen. Das erste Mal dass ich so viele Frauenschuhen beisammen stehen gesehen habe, war als ich durch die Clemgia Schlucht gegangen bin, vor zwei Jahren – zum Glück gab es hier jetzt auch sehr viele Frauenschuhen! Eine andere Pflanze die in diesem Waldgebiet sehr häufig vorkommt ist die kleinere Version des Echten Seidelbastes (Daphne mezereum), der Gestreifte Seidelbast (Daphne striata). Dieser kleine Strauch hat feine rosa Blümchen die in einem Buschel zusammen stehen und herrlich duften, aber Vorsicht: die Pflanze ist giftig! Dieses grüne Gebiet zwischen dem steinigen Flussbett der Clemgia und dem höher am Berghang laufenden Verkehrsweg nach S-charl ist eine Oase der Ruhe.

In scharfem Kontrast zu dieser grünen Landschaft steht die Aussicht auf die erodierten Berghänge an beiden Seiten des Val S-charl: dort sind die grossen und tiefen Risse und Schuttfelder sichtbar welche im Laufe der Jahrhunderte durch Wetter und Wind entstanden sind in diesen bröckligen Gesteinen. Es gibt auch nicht viel Vegetation um den feinen Schutt fest zu halten. Auch wird hier im Oberlauf der Clemgia schon deutlich warum es so schwierig ist um eine dauerhafte Lösung zu finden für den Wiederaufbau der Wegstruktur in der Clemgia Schlucht… Auch an der rechten Seite des Tales sind die Berghänge bedeckt von Schutt- und Geröllkegeln – deshalb passiert es so häufig dass der Weg nach S-charl überschüttet wird von Schuttströmen. Eine Landschaft in Bewegung also, aber nicht immer in die Richtung die wir Menschen bevorzugen…

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Val S-charl: der Piz Pisoc mit den erodierten Berghang vom Weg nach S-charl

Um Viertel nach eins erreichte ich Plan da Funtanas und las bei der Haltestelle dass ich noch über 45 Minuten hatte bevor das nächste Postauto aus S-charl ankommen würde. Deshalb ging ich mal in die Richtung des Reitstalls San Jon, die nächste Haltestelle auf den Weg nach Scuol. Ab und zu hatte ich schöne Durchblicke zur anderen Seite des Inntales, mit Blick auf Scuol – und eben auf Hotel Altana. Auch sah ich an der linken Seite des Val S-charl die Stellen, wo ich am Morgen gewandert hatte, wie bei Avrona.

Bei der Haltestelle von San Jon angekommen fand sich heraus dass meine Entscheidung um schonmal „in Richtung von Zuhause“ zu gehen, die richtige gewesen war: das Postauto pendelte nur zwischen dem Bahnhof von Scuol und dem Reitstall, denn in die Richtung von S-charl gab es Bauarbeiten an der Strasse! Das war schon angeschrieben worden am Schild mit dem Fahrplan bei der Haltestelle in Scuol, aber nicht an den Schildern bei den zwischenliegenden Haltestellen…

Wieder zurück in Scuol konnte ich mit einem ganz guten Gefühl zurückschauen auf eine schöne Wanderung: manchmal lohnt es bestimmt die Mühe um eine Etappe abermals zu wandern!

Heute ist mein letzter Tag hier: ich habe mich entschlossen um mal nicht zu tun… Morgen kehre ich wieder heim in die Niederlande. Damit endet diese schöne Zeit in diesem schönen Land! A revair – auf Wiedersehen!