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Den 30. Juli 2022

Eine weisse Brücke in einer grünen Berglandschaft

Als erstes Wanderziel meiner ersten Wanderreise in den Alpen seit September 2019 hatte ich erneut das Prättigau gewählt, das Tal des Flusses Landquart zwischen Klosters und dem Ort Landquart, wo der Fluss in den noch jungen Rhein fliesst. Auch dieses Mal wählte ich das gemütliche Hotel Terminus, wo ich schon zweimal früher gewesen war und das mich so gut gefallen hatte. Gestern, am Freitag den 29. Juli, kam ich nach einer ziemlich sorgenfreien Zugreise an in Küblis: es fühlte sich gleich gut an.

Heute hatte ich als Anfangswanderung eine Tour gewählt zu einer weltberühmten Brücke über eine tiefe Schlucht: die Salginatobelbrücke, nördlich des Dorfes Schiers, ein Ort westlich von Küblis an der Schmalspurlinie von Landquart durch das Tal des Prättigaus. Es gibt eine schöne Wanderung von Schiers über die Brücke zum Bergweiler Schuders.

In Schiers wird schon mit Wegweisern zur Brücke verwiesen. Auch steht dort eine grosse Informationstafel mit Daten über die Brücke und ihren Architekten, Robert Maillart. Darauf wird auch eine erklärende Landkarte gezeigt worauf sichtbar ist wo die Brücke sich befindet und wie schroff das Gelände ist. Ganz im Norden liegt die Gebirgskette des Rätikons mit u.a. der Sulzfluh, die ich aus der Nähe betrachten konnte als ich eine Etappe der Via Alpina (Etappe 61 des Roten Weges) gewandert bin. Die wunderschöne Wanderung war am 23. September 2018. Ist das schon so lange her?

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Schiers (GR): auf einer grossen Informationstafel über die Salginatobelbrücke steht auch eine geografische Übersicht des Gebietes und die Lage der Brücke

Wie so viele Orte hier hat auch Schiers eine lange Geschichte die zurückführt bis in die Bronzezeit (von ungefähr 3000 bis 800 vor Chr.) und die Eisenzeit (von ungefähr 800 vor Chr. bis am Zeitpunkt als die Römer in diese Gegend einzogen). Aus verschiedenen Bodenfunden im Gebiet um Schiers ist hervorgekommen dass hier in jenen Zeiten schon Menschen wohnten. Es gab schon eine Niederlassung mit dem Namen Scieres; man meint dass der Name abgeleitet worden ist vom Wort für Ahorne in Vulgärlatein, acer. Das Dorf und die St. Johannkirche werden zum ersten Mal 1101 offiziell in einem Dokument erwähnt. Nachdem das Prättigau im Laufe der Jahrhunderte von verschiedenen Machthabern regiert worden war, am Ende vom Haus Habsburg, konnten die Einwohner sich 1649 freikaufen. Nachher wurde Schiers Teil einer der regionalen Bündnisse, die schlussendlich zur Bildung des Kanton Graubünden führten.

In der Dorfsmitte steht die St. Johannkirche. Noch vor der Reformation wurde 1519–1522 an der Stelle wo die ersten Kirchen gestanden hatten eine neue Kirche gebaut. 1563 wurde Schiers reformiert. Diese neue Kirche wurde zerstört während der sognannten Bündner Wirren. Dies war ein Konflikt während des Dreissigjährigen Krieges (1618–1648), das dauerte von 1618 bis 1639: was anfing als ein Aufstand von Katholiken gegen ihre reformierten Herrscher führt zu einem Streit im Territorium des heutigen Kantons Graubünden zwischen einer ad-hoc entstanden Koalition von Venezien, Frankreich und dem Herzogtum Savoie einerseits die die bestehende Verwaltung unterstützten, gegen die Bündner Aufständischen die wiederum unterstütz wurden von der Habsburg-Monarchie: schlussendlich stand die Macht über die Alpenpässe im südlichen Teil des Gebietes auf dem Spiel. 1641 wurde die Kirche wieder aufgebaut. Nach massiven Brandschäden geschah das 1767 erneut. Der Kirchturm aus 1641 wurde erhöht. An der südlichen Aussenmauer ist eine Kirchglocke aus dem 18. Jahrhundert ausgestellt worden als Erinnerung an den Dorfbrand. Die zwiebelförmige Turmspitze ist 1926 hinzugefügt worden. Ich ging mal in die Kirche und entdeckte von woher die fröhliche Musik kam die ich draussen gehört hatte: eine Blaskapelle war beim Proben im Chor – wahrscheinlich für den Nationalfeiertag am nächsten Montag, den 1. August. Es stimmte mich fröhlich, aber ich bin trotzdem gegangen um sie in aller Ruhe weiter proben zu lassen!

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Schiers (GR): Blick auf die spätgotische Reformierte St. Johann Kirche aus 1519 bis 1522

Ein Strassenname erinnert noch an die frühchristlichen Kirchen: der Chreaweg. Beim Zugang zum Friedhof hängt eine Informationstafel mit einem grossen Plan wo die früheren Kirchen aus dem 5. bis 7. Jahrhundert gestanden haben und wo die Grabfelder aus dem 6. und 7. Jahrhundert gewesen waren. Es gibt interessante Einblicke in die Anfangszeiten des Christentums. Bei Ausgabungen in den Jahren 1955–1960 und später aus 1985–1989 sind nicht nur erste Spuren von Bewohnung aus dem 3. bis 1. Jahrhundert vor Chr. aufgefunden worden, sondern auch ein tiefgelegener Kalkbrennofen aus der späten Römerzeit (4. Jahrhundert nach Chr.). Im 5. – 7. Jahrhundert nach Chr. entstanden die ersten Kirchengebäude: ein geradeeckiges Gebäude und eine Kirche mit einer halbrunden Apsis. Man hat ein Bruchstück von Stuckwerk gefunden, das datiert worden ist auf dem 5. bis 6. Jahrhundert und das farbenreich dekoriert ist mit Blumen, Kränzen und Vögeln – eine Abbildung steht auf der Tafel. Die Gräber die man aufgefunden hat, sind kennzeichnend für das frühe Mittelalter: sie bestehen aus gemauerte Räume, eventuell auch für mehrere Personen. Die „Einzelgräber“ sind aber in der Mehrheit. Nur selten sind Grabmitgiften gefunden worden, aber sie waren schon ganz etwas Besonderes. Sie sind auf der Informationstafel abgebildet worden: ein feiner Kamm der aus einem Hirschgeweih geschnitten war und ein Paar silberner Ohrringe (die noch immer sehr modisch aussehen!) und eine wunderschöne Halskette mit Perlen aus gefärbtem Glas und Bernstein. Eine feste Gewohnheit in dieser Gegend in jener Zeit war das Mitgeben von Häufchen Holzkohle: diese sind sehr oft gefunden worden.

Man nimmt an dass die frühen Kirchen höchstens bis am Anfang des 8. Jahrhunderts dort gestehen haben und dass das Gelände nachher bis am 12. Jahrhundert nicht mehr überbaut worden ist. Erst später und aus dem 16. und 17. Jahrhundert datieren die Fundamente von Gebäuden und Feuerstellen die aufgefunden worden sind.

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Schiers (GR): auf einer Informationstafel beim Friedhof wird angegeben dass hier und in der Nähe der heutigen St. Johann Kirche bei Ausgrabungen in den späten 1950er Jahren nicht nur Spuren von Bewohnung aus der Eisenzeit gefunden worden sind, sondern auch aus der Römischen und frühchristlichen Zeit

Diese alte Geschichte fand ich faszinierend. Den heutigen Friedhof konnte mir nicht so gefallen, weshalb ich weiter ging, auf dem Weg zur Salginatobelbrücke. Der Weg führte steil hinauf, während der Nieselregen langsam überging in etwas kräftigeren Niederschlag und die Sicht auch getrübt wurde. Bei einer Kurve im Weg verschwand die Aussicht nach Westen auf den Unterlauf des Flusses Landquart und erschien das Tal wodurch der Schraubach fliesst. An der Überseite dieser tiefen Kluft, der Straubachtobel, sah ich ausser viel Wald und Wiesen auch den Weiler Fajauna liegen. Viele Ortsnamen klingen ziemlich rätoromanisch: das könnte stimmen, denn erst am Ende des 16. Jahrhunderts wurde die Verkehrssprache Deutsch. Auch der Blick weiter nach Südosten wurde trüb vom Regen und Nebel…

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Nördlich von Schiers (GR): Blick über das tiefe Tal des Straubaches auf den Stelserberg und den Weiler Fajauna
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Nördlich von Schiers (GR): Blick über das tiefe Tal des Straubaches auf den Weiler Fajauna und die Berge südöstlich von Schiers

Die Aussicht ins tiefe Tal des Schraubaches, ins Straubachtobel, hatte bei diesem Wetter schon etwas Magisches: Wolkenfetzen zogen entlang den von dunkelem Wald überwachsenen Berghängen und ganz unten war das breite, gräuliche Bett des Baches sichtbar. Weil hier die Hänge aus bröckligem Schiefer bestehen hat das (Schmelz)wasser im Laufe der Zeit tief eingeschnittene trichterförmige Täler in Gestein ausgeschliffen. Solche tiefe Täler werden in diesem Teil des Alpenraumes „Tobel“ genannt: Täler die nicht breit auslaufen, sondern eben einen schmalen Ausgang haben. Die Berge im Norden waren leichte Schatten.

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Nördlich von Schiers (GR): Blick in nördlicher Richtung auf das wilde, tiefe Schraubachtobel mit dem breiten Flussbett des Straubaches

Je weiter ich bergauf ging, desto kräftiger es anfing zu regnen. Kalt war es glücklicherweise nicht. Auf der Teerstrasse entstanden kleine Bächlein – nicht nur in den Rinnen… Vom Berghang floss auch Wasser hinunter: an manchen Stellen war eine dicke Schicht von Sedimenten an den Felsen zurückgeblieben. Obwohl in einem dieser Bächlein nicht viel Wasser zu strömen schien, gab es jedoch richtig viel Wasser das an der Talseite der Strasse, ganz geradlinig zwischen Holzbrettern hinunterfloss.

Ungefähr auf zwei Drittel der Wanderung von Schiers zur Salginatobelbrücke erreichte ich den Weiler Pusserein der aus zwei Teilen besteht: Unter-Pusserein und Ober-Pusserein, höher am Berghang. Hier liegen die Bauernhöfe, Ställe und Häuser weit aus einander, zerstreut am Hang – einen deutlichen Dorfkern gibt es nicht. Entlang dem Weg steht ein Schild um Besucher und Passanten Willkommen zu heissen in diesem Weiler. Es ist witzig: das Schild sieht als wie ein Walser-Häuschen – mit einem Satteldach und gedeckt von Schindeln! Auch ein Stimmungsbild der Umgebung ist hinzugefügt worden: mit den Bergen im Norden wie sie aussehen wenn die Sonnen scheint. Mit dem heutigen regnerischen Wetter sind sie nicht richtig sichtbar!

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Nördlich von Schiers (GR): beim Weiler (Unter-) Pusserein steht ein Willkommensschild das aussieht wie ein Walser-Häuschen
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Nördlich von Schiers (GR): auf dem Willkommensschild beim Weiler (Unter-) Pusserein steht ein Bild worauf de Sonne scheint und die Berge im Norden sichtbar sind!

Ungefähr eine Viertelstunde später liess der Regen nach und kam die Sonne vorsichtig zurück. Die weissen Wolken die aus dem Tal hinaufstiegen und die Scheune mit dem Dach aus rotem Wellblech glänzten im noch diffusen Sonnenlicht!

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Nördlich von Schiers (GR): langsam aber sicher kehrt die Sonne zurück – weisse Wolkenfetzen steigen auf aus dem Tal des Straubaches

Nicht lange nachher passierte ich einen kleinen Parkplatz der speziell angelegt worden ist für Besucher an die Brücke. Einmal durch die Kurve bekam ich meinen ersten Eindruck der Salginatobelbrücke, die elegant und weiss abstach gegen das Grün der Vegetation und das Grau des Gesteins! Beeindruckend. Die weissen Wolkenfetzen fügten auch etwas Bestimmtes hinzu…

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Nördlich von Schiers (GR): Blick vom Südwesten auf die Salginatobelbrücke, eine Brücke aus Stahlbeton aus 1930, entworfen vom schweizerischen Architekten Robert Maillart (1872–1940)

1930 wurde diese Brücke abgeliefert als Teil der Erweiterung des Strassennetzes in dieser Gegend der Schweiz. Als 1925 das Verbot um in dieser Region mit einem Auto zu fahren aufgehoben war, nahm die Nachfrage nach begehbaren Wegen zu: auch hier, denn zwischen Schiers und dem höhergelegenen Bergdorf Schuders gab es damals nur einen schmalen Saumpfad. Bei den Plänen um einen grösseren Weg an zu legen stiess man unvermeidlich auf die tiefen Schluchten in der Berglandschaft, auf die Tobel – in diesem Fall auf das Salginatobel, wodurch der Salginabach fliesst. Der Kanton Graubünden organisierte 1928 eine Ausschreibung für den Entwurf einer Brücke aus Stahlbeton mit einer Länge von ungefähr 134 Metern. Aus den vielen Einsendungen wählten die Behörden den billigsten Entwurf: der des in Bern geborenen und in Genf arbeiteten schweizerischen Architekten Robert Maillart (1872–1940). An der Ostseite der Brücke steht eine grosse Tafel mit Informationen über die Brücke, aber vor allem auch über diesen Ingenieur der wörtlich ein „Brückenbauer“ war: er bewirkte eine Revolution im Bauen mit Stahlbeton. Bei seinen Entwürfen betonte er auch deren ästhetischen Aspekt – das ist ihm bei dieser Brücke bestimmt gelungen.

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Nördlich von Schiers (GR): an der Ostseite der Salginatobelbrücke stehen auf einer Informationstafel u.a. ein Bild und Lebenslauf des Ingenieurs Robert Maillart und Bauzeichnungen der Brücke

1929 fing man mit dem Bau der Salginatobelbrücke an. Der in Lehrgerüst spezialisierte Zimmermeister Richard Coray (1869–1946) aus Trin, einer Ortschaft westlich von Chur im Rheintal, bekam den Auftrag um das hölzerne Gerüst für das Betonieren zu bauen. Richard Coray hatte grosse Erfahrung mit ähnlichen Konstruktionen und hatte schon mehrere gebaut, wie für die Eisenbahnbrücken der Rhätischen Bahn bei Davos (Wiesener Viadukt aus 1907–1908) und bei Arosa (Langwieser Viadukt aus 1913). Bei dem Entwurf der Gerüstkonstruktion der Salginatobelbrücke war es ein Vorteil dass Robert Maillart einen sehr schlichten Brückenbogen entworfen hatte der nach dem Betonieren gleich die tragende Funktion für den Oberbau übernehmen konnte. Ein leichtes, filigranes Lehrgerüst reichte deshalb aus. Das benötigte Holz wurde aus den benachbarten Wäldern geholt und vorbereitet. Die 1.285 Einzelteile wurden einer Liste nach nummeriert, so weit wie möglich schon teilweise montiert und schliesslich mit Pferdefuhrwerken zur Baustelle transportiert. Mit einem Seilkran wurden die Balken in die richtige Position manövriert und von Zimmerleuten assembliert. 1930 fingen die Betonierarbeiten für den Brückenbogen an, die ohne Unterbrechung 40 Stunden dauerten. Das geschah auf eine ziemlich primitive Weise: der Beton sollte mit der Hand gemischt, nachher in Schubkarren befördert und an beiden Seiten des Bogens gebracht werden. Diese Arbeit war nach nur drei Monaten erledigt. Mitte August 1930 konnte das Gerüst wieder abgerissen werden. Am 19. August jenes Jahres wurde die Brücke dem Verkehr übergeben. 1997–1998 ist die Brücke eingreifend restauriert worden: die Geländer wurden erneuert und der Beton wurde saniert. Dazu wurde Spritzbeton verwendet.

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Nördlich von Schiers (GR): an der Ostseite der Salginatobelbrücke steht auf einer Informationstafel u.a. ein Bild des Gerüsts, entworfen von Robert Coray (1869-1946)

An der Westseite der Auffahrt zur Brücke gibt es eine Möglichkeit um den Steilhang hinunter zu gehen zum tiefgelegenen Straubach: nicht nur um entlang dem Bach zurück zu kehren nach Schiers, sondern auch um die „historische Wanderung“ um die Brücke zu machen. Ein schmaler Pfad führt von der Teerstrasse nachunten durch einen dichten Buchenwald. Auf einem Schild wird gewarnt dass in der Winterperiode der Pfad nicht gepflegt wird… Ich nahm diesen Pfad und konnte zwischen den Bäumen ganz in der Ferne den Bach fliessen sehen. Gerade nach dem Verlassen des Weges ist an den stählernen Dammwänden mit den dicken Ankerschrauben zu sehen mit wieviel Kraft die Strassendecke an ihrem Platz gehalten wird!

Es war doch eine Abfahrt von mehr als 100 Meter bis zum Bach. Es war angenehm kühl im Wald. Nach einer nicht zu schweren Abfahrt von ungefähr einer Viertelstunde entlang dem schönen, zwischen grossen Bäumen zickzackenden Pfad erreichte ich den Schraubach. Hier führt ein Schotterweg entlang der Chalchofenhütte, einem kleinen Gebäude mit Toiletten und der Möglichkeit zum Grillen. Der Weg wird auch genutzt von Mountainbikern – angeblich ist es eine sehr schwere Strecke. Meine Hose die schon ein wenig nass geworden war vom Regen trocknete rasch wieder in der Wärme der Sonne. Wanderer (und vielleicht auch andere Leute) hatten im Laufe der Zeit ihren Beitrag geleistet beim Bau von grossen „“Steinmännchen“… Jetzt gab es nur wenig Wasser im Bach, aber die grossen Baumstämme höher auf dem trockenen Flussbett zeigten deutlich dass es hier im Frühling bei der Schneeschmelze schon ganz anders zugeht! Hier im Straubachtobel ist das Gefälle am stärksten. Dieser Schraubach wird gebildet aus dem Zusammenfliessen zweier Bäche, der Grossbach und der Wissbach, beim höhergelegenen Dorf Schuders. Diese Bäche entspringen im Berggebiet des Rätikons in Norden. Der Bach mündet bei Schiers in den Fluss Landquart. Dort wird das Wasser zur Vorbeugung von Erdrutschen wie sie in der Vergangenheit öfters vorkamen, über mehrere Kaskaden geleitet, wodurch die Strömungsgeschwindigkeit deutlich verringert wird. Die Länge des Baches ist 5,6 Km vom Punkt wo der Grossbach und der Wissbach zusammenkommen und 12,8 Km von der Quelle des Grossbaches. Jene Abstände sind in der Luftlinie, denn wenn man den Wegen folgt, muss man beträchtlich mehr Kilometer machen!

Hier tief im Straubachtobel war die schöne Salginatobelbrücke nicht sichtbar, sondern die Stelle wo der Salginabach in den Straubach mündet schon. Eine einfache flache Brücke mit hölzernen Geländern war über die Salginabach gebaut worden, die noch Raum liess für die Passage grosser Wassermengen mit vielem „Gerümpel“, sodass zum Beispiel Baumstämme schon unter der Brücke hindurchfliessen konnten… Jetzt war es nur ein karges Flüsslein das aus dem Salginatobel hinaus kam.

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Nördlich von Schiers (GR): Blick auf den Salginabach der am Ende des Salginatobels in den Straubach fliesst – grosse Baumstämme liegen im Flussbett

Ich hatte beim Abstieg schon bemerkt dass die Hänge hier bestehen aus Schieferschrott, dem Bündner Schiefer: dieser Schiefer ist entstanden aus Sedimenten von Ton usw. die im Zeitalter als auf der Stelle wo heutzutage die Alpen liegen, es noch Ozeane gab, sich abgelagert haben. Schiefer ist stark geschichtet und deshalb instabil. Ein Fels der aus der Ferne betrachtet aussieht wie aus einem Brocken, besteht in Wirklichkeit aus vielen Schichten, die sich leicht lösen. Das hat in der Vergangenheit auch zu Erdrutschen bei Schuders geführt, worüber später mehr…

Vom Tal des Straubaches führte der Pfad am anderen Ufer des Salginabaches wieder nach oben – eben so steil als der Pfad am rechten Ufer. Das Steigen war merklich anstrengender als das Abfahren: meine Kleider die mittlerweile wieder trocken waren nach dem Regen, wurden erneut nass vom Transpirieren… Auf halbem Weg begegnete ich zwei Personen die joggend den Hang hinunterrannten. Ich bin mal zur Seite gegangen – aus Bewunderung, aber auch für eine Verschnaufpause!

Einmal wieder oben hatte ich eine noch schönere Sicht auf die Brücke als am ersten Mal: jetzt sah ich erst wie schmal die Fahrbahn ist! Eine schöne Gedenktafel aus Bronze zeigt dass Ing. Maillart die Brücke entworfen hat und dass 1929/1930 Prader& Cie die Arbeit geleistet hat. Auch wurde angegeben wieviel die maximale Belastung der Brücke sein darf: ein Fahrzeug von 8 Tonnen oder 350 Kg pro Quadratmeter bei einer gleichmässigen Verteilung der Last. An der Westseite der Brücke gibt es eine Möglichkeit um hinunter zu gehen und einen der Pfeiler aus der Nähe zu betrachten. Jene Gelegenheit hatte ich verpasst weil ich den Hang war abgestiegen zum Straubach. An der Ostseite war das einzige das ich sah ein offener Leiter der gegen den Widderlager befestigt war und der endete auf einem Gitter. Darunter waren die Felswand und das Flussbett zu sehen: auf 90 Meter Tiefe. Das war doch schon etwas zu draufgängerisch für mich…: wahrscheinlich war dieser Leiter gedacht für Wartungszwecke!

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Nördlich von Schiers (GR): Blick vom Osten auf die Salginatobelbrücke von 134 Metern lang aus 1930, entworfen vom schweizerischen Ingenieur Robert Maillart

Von der Brüstung der Brücke ist die Sicht nach Norden beeindruckend: die imposante Schlucht mit den Steilhängen und mit darüber einem drohenden Wolkenhimmel. Die Sicht nach unten, zum breiten, von grauen Steinen überdeckten Bachbett, ermittelt den Eindruck dass es dort eine Miniaturlandschaft betrifft – die Bäume die dort wachsen und die Baumstämme die im Bett liegen scheinen jetzt ganz klein!

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Nördlich von Schiers (GR): Blick von der östlichen Seite der Salginatobelbrücke nach Norden auf die wilde Landschaft des Salginatobels

Die Salginatobelbrücke gilt weltweit als ein technisches und architektonisches Meisterwerk das auf vielen Technischen Hochschulen als Studienobjekt angewendet wird. Die Brücke ist seit dem 21. August 1991 anerkannt worden als International Historic Civil Engineering Landmark und ist registriert worden als Nr. 156 der 266 Bauwerke auf der Liste von ähnlichen Glanzleistungen der Ingenieurskunst die seit 1964 aufgestellt wird von der „American Society of Civil Engineers“. Worin der kleine Ort Schiers in Graubünden gross sein kann: auf dieser Liste sind in der Kategorie „Brücken“ zum Beispiel auch die Golden Gate Bridge Brücke in San Francisco und die Brooklyn Bridge Brücke in New York aufgenommen worden! Damit ist die Brücke ein „Weltmonument“. 2017 hat die Schweizerische Regierung die Brücke vorgetragen für Aufnahme in der UNESCO Welterbeliste.

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Nördlich von Schiers (GR): an der Ostseite der Salginatobelbrücke hängt eine Tafel worauf angegeben ist dass die Brücke am 21. August 1991 anerkannt worden ist als “International Historic Civil Engineering Landmark” von der American Society of Civil Engineers

Von der Brücke hatte ich die Wahl entweder über die Teerstrasse nach Schuders zu gehen oder gerade gegen den Steilhang über einen schmalen Bergpfad… Ich wählte die Teerstrasse und lief ruhig im Sonnenschein, wobei ich jedoch gut aufpassen sollte auf den Autoverkehr. In den scharfen Kurven ist der Weg etwas breiter, aber immerhin! Ich hatte eine schöne Sicht auf den Oberlauf des Straubaches, der in der Tiefe durch das Tal schlängelte: dort war ich früher schon gegangen! An einer der Felswände war sichtbar wie Bäume sich bemühen sollten um mit den Wurzeln Halt zu bekommen und dass das auch mal nicht gelungen war: eine dicke, abgestorbene Wurzel hing locker hinunter entlang dem Hang!

Ich nahm steigend Kehre nach Kehre als ein Auto anhielt: ein freundliches Ehepaar – aus St. Gallen wie ich später herausfand – fragte ob ich vielleicht mitfahren möchte nach Schuders. Na, das fand ich natürlich eine wunderbare Idee! Sie waren wie ich neugierig wie das Dorf sein würde: sie waren noch nie dort gewesen obwohl sie unten im Tal lebten. Nach einer viel kürzeren Zeit als ich zu Fuss gebraucht hätte, setzten sie mich ab in der Dorfstrasse – ich habe mich herzlich bei ihnen bedankt. Die Kneipe war leider zu wegen Ferien. Das kleine Dorf lag in einer Art Mittagschlaf – oder vielleicht war es immer so in sich gekehrt. Das könnte passen zum Charakter des Volkstammes der Walser, die das Dorf gegründet haben: Alemannen die im 13. und 14. Jahrhundert vom Wallis her u.a. nach Osten zogen und technische Fähigkeiten entwickelt hatten um in den unwirtlichen Berggebieten leben zu können. Das kleine Bergdorf Schuders auf 1.272m ü.M. ist gegen den Berghang gebaut worden und schon alt: über „Schuder” wurde zum ersten Mal 1256 geschrieben. Die Grundstücke um das Dorf herum gehörten bis 1851 zum Bistum Chur; das Dorf selbst bildete schon seit 1878 einen selbständigen Teil der Gemeinde Schiers. Dass dieses Dorf so auf sich selbst bezogen ist wird schon verursacht sein von der schlechten Verbindung mit den übrigen Gebieten im Prättigau: erst ab 1930 konnte man von Schiers das Dorf über die Salginatobelbrücke erreichen über den – wie ich gemerkt habe! – schmalen und sehr kurvenreichen Weg.

Obwohl Schuders schon lange besteht, ist es nicht immer sicher gewesen um dort zu wohnen: die instabile geologische Zusammensetzung der Felsen, mit dem Bündner Schiefer, verursachte Erdrutsche. In der Nähe des Dorfes befindet sich eines der grössten Gebiete in den Alpen wo solche Erdrutsche statt gefunden haben: das Gebiet ist 1.200 Meter breit und 600 Meter hoch. Schon 1887–1888 musste ein Teil des Dorfes aufgegeben werden wegen Schieferverschiebungen. Von 1910 fing das Gelände erneut an zu schieben: 1935 nahm die Geschwindigkeit immer weiter zu, wodurch das betroffene Gebiet immer grösser wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste die Zufahrtsstrasse die zwischen 1928 und 1934 gebaut worden war mehrere Male verlegt werden. Um 1960 war ein Drittel der Grundstücke die für Landwirtschaft angewendet wurden, verschwunden. Die durchschnittliche Geschwindigkeit der Erdrutsche zwischen 1942 und 1964 betrug 1,84 Meter pro Jahr! 1956–1957 wurde sogar überwogen um all Einwohner nach einer anderen Stelle um zu siedeln – ab 1960 wurden die Berghänge aber wieder stabiler…

Die Walser haben Häuser gebaut im Stil den wir typisch „alpin“ nennen: diese grossen symmetrisch gebauten Häuser mit einem Satteldach und meistens für mehrere Familien sind ausgiebig dekoriert mit viel Holz, mit (frommen) Sprüchen in Schönschrift am Giebel gerade unter dem Nocken und ausgestattet mit Blumenkasten mit Geranien oder roten Nelken. Irgendwo sah ich dass in einem Blumengarten wunderschöne goldfärbige und tief-violette Dahlien blühten; auch wuchs bei einem grossen Felsbrocken ein grosses Büschel mit Edelweiss – diese Blume regt immer die Vorstellungskraft an!

Ich folgte dem Wegweiser zur kleinen Reformierten Kirche. Diese spätgotische Kirche mit einem Dach aus Schindeln, die noch vor der Reformation erbaut worden ist (1508) und der Heiligen St. Anna gewidmet war, steht auf der kantonalen Liste des Denkmalschutzes. Das letzte Mal dass diese Kirche restauriert wurde war 1984–1984. Es fällt auf dass es an der Bergseite keine Fenster gibt, eben nicht im Chor! Die Kirche liegt etwas weiter bergab vom Dorf mit einer wunderschönen Aussicht über die Berge und die Seitentäler des Prättigaus.

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Schuders (GR): Blick auf die kleine reformierte Kirche St. Anna aus 1508 mit dem von Schindeln bedeckten Dach

Das Innere des Kirchleins sieht erstaunlich geräumig auf im Vergleich zum kleinen Umfang des Gebäude. Das Tonnengewölbe aus dunklem Holz ist farbenreich dekoriert. Der Chor ist sehr hell, obwohl es kein Fenster an der Bergseite gibt. Zwei dicke Seile verschwinden in das Tonnengewölbe: auf dieser Weise wird die Kirchglocke geläutet. Das Jahresprogramm zeigt dass die Kirchengemeinschaft aktiv ist.

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Schuders (GR): das schöne und reichlich dekorierte Innere der Reformierten Kirche St. Anna mit Tonnengewölbe und Fresken

An den Wänden neben dem Chor sind wunderbar detaillierte Fresken von Maria mit Kind in schönen Ockerfarben. Sie datieren aus der Zeit vor der Reformation: sie dienten zur Dekoration der Seitenaltare die nachdem entfernt worden sind.

Vom umzäunten Friedhof hatte ich eine grossartige Aussicht nach Südosten über die bewaldeten Berghänge mit dazwischen den tiefen Schluchten der verschiedenen Bergbäche die sich im Laufe der Zeit immer weiter ins bröcklige Gestein dieses kalkreichen Berggebietes gefressen haben. Etwas unterhalb des Kirchleins liegt auf einer Schulter der Weiler Valmära mit nur wenigen Häusern. Von dort schweift der Blick zur Stelle wo der Straubach entsteht durch das Zusammenfliessen des Grossbaches der aus dem Norden kommt, und des Wissbaches der aus dem Südosten kommt. Ganz in der Ferne, ein wenig umhüllt von weissen Wolken, liegen die Bünder Alpen. Ein weitläufiges Panorama!

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Schuders (GR): Blick von der reformierten Kirche St. Anna nach Südosten auf den Weiler Valmära mit in der Tiefe der Stelle wo der Grossbach (links) und der Wissbach (Mitte) zusammen den Schraubach bilden

Von der Kirche stieg ich wieder einige Meter hoch zum Fussweg der schlussendlich nach St. Antönien führen sollte, in ungefähr 3½ Stunden Gehzeit. Mittlerweile war es 12.30 Uhr und ich spürte dass ich mich genügend angestrengt hatte am ersten Wandertag. Ausserdem würde das Mini-Postauto 12.55 Uhr abfahren nach Schiers (und das nächste erst mehr als vier Stunden später!). Das schien mir ein besserer Plan und deshalb wurde ich im Minibus angenehm befördert über den kurvenreichen Weg nach unten und über die schmale Salginatobelbrücke. Ich war gerade noch in der Lage um ein Foto zu machen der Brücke – die Kehren gegen den Steilhang sind auch gut sichtbar!

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Zwischen Schuders und Schiers (GR): Blick aus dem Kleinpostauto in Richtung van Schiers auf die Salginatobelbrücke und den Hang mit den Kehren

Wir fuhren auf der gleichen Teerstrasse hinunter als die ich gegangen war bergauf. Beim Weiler Unter-Pusserein schien der Busfahrer sich gerade zeitlich zu erinnern dass er auch noch über Ober-Pusserein fahren sollte. Es wurde eine schöne, ländliche Fahrt über schmale Wege, durch dunkle Wälder mit grossen Buchen und Kiefern, entlang hölzernen von der Sonne braungebrannten Häusern und Ställen, und grünen Wiesen mit alten Apfel- und Birnenbäumen. In einem der Weiler, Bazolis, stiegen zwei ältere Leute ein, die in unverfälschtem Prättigauer – und damit für Aussenseiter fast unverständlichen – Dialekt ihr Gespräch fortsetzen das sie bei der Haltestelle angefangen hatten. Es erweckt schon den Eindruck dass das Leben hier doch viel weniger hektisch un kompliziert war…

Um halb zwei war ich wieder zurück am Bahnhof von Schiers, wo ich mit dem Zug zurückfuhr nach Küblis. Mittlerweile fiel wieder etwas Regen, Der erste Wandertag war voller besonderen Entdeckungen gewesen!