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Den 30. Juni 2021

Spazieren zwischen dem Oberrhein und dem Eltenberg

Am letzten 23. April war ich zum ersten Male in diesem Teil des Stromgebietes des Rheins: die Stelle wo der Fluss als Oberrhein in die Niederlande fliesst. Das ist beim Ort Spijk, und nicht wie wir alle in der Schule gelernt haben bei Lobith! Seit der Änderungen im Flusslauf stimmt das nicht mehr… Am letzten 19. Juni besuchte ich abermals die Gegend.

Mit dem Bus fuhr ich von Arnhem nach Tolkamer, der ehemaligen Zollstelle gerade südlich von Lobith. Die Fahrt war abwechslungsreich, aber es wurde erst richtig interessant als wir das Dorf Babberich verliessen: dort kam an der Ostseite die Eisrandlage mit dem Eltenberg in Sicht und nach Süden und nach Westen dehnte sich eine grosse, flache Ebene aus mit vielen Wiesen zwischen Wasserläufen und vielen niedrigen kleinen Deichen. Hier liegt das „Rijnstrangen“-Gebiet mit einem alten Flussarm der Alten Waal, der nur an der westlichen Seite eine offene Verbindung mit dem Rhein hat. Als die damalige „Ober-Waal“ eine immer schärfere Bucht (Mäander) nach Norden gebildet hatte, hat man in den Jahren 1773 bis 1776 das drei Kilometer lange Bijlandsch Kanal durch den Bijlandschewaard Polder gegraben um die Schifffahrt zu fördern, die Wasserverteilung zwischen Rhein und Waal besser zu regulieren und das Risiko von Deichbrächen zu verringern. Die sogenannte “Gelderse Insel” (Gelders Eiland)” besteht aus den folgenden Gebieten: die Rijnstrangen im Norden, der Alte Rhein und Pannerden im Westen und Lobith, Tolkamer und Spijk im Osten. An der Südseite ist der Oberrhein die Grenze, der weiterfliesst ins Bijlandsch-Kanal und schlussendlich ins PannerdenschKanal. Von der deutschen Grenze bei Spijk bis an Tolkamer heisst der Fluss der Oberrhein und zwischen Tolkamer und Millingen aan de Rijn das Bijlandsch-Kanal.

Bijlands Kanaal bewerkte Kadasterkaart van 1830
Westlich von Tolkamer: (bearbeitete) Grundbuchkarte aus 1830 worauf der Oberrhein, die Alte Waal (beide in Blau) und das Bijlandse Kanaal (in Gelb) angedeutet werden
nl.wikipedia.org/wiki

Obwohl der 19. Juni nicht so ein heisser Tag sein würde als die vorherigen Tage, war ich früh abgefahren und stand um halb neun am Europakade Kai in Tolkamer mit Sicht stromaufwärts und stromabwärts auf den Oberrhein. Viele Kreuzfahrtschiffe lagen noch (COVID-19-bedingt) an der Anlegestellen, aber auf dem Fluss gab es schon reges Verkehr. Ich ging entlang dem Flaggenmast an der meist westlichen Seite des oberen Teils des Europakade Kais, wo die Fahnen in April, aber auch jetzt wieder kräftig flatterten im Wind, zum Hafen mit den grossen Kranen der Schiffswerft „de Hoop“ (die Hoffnung). Diese Werft, ursprünglich 1889 gegründet, hat eine bewegte Vergangenheit: sie hat sich spezialisiert auf das Bauen von Schiffen aber auch auf das Entwerfen davon, Passagierschiffe und Cruiseschiffe für das Binnengewässer und Offshore Schiffe für die Seeschifffahrt. Zusammen mit Zulieferbetrieben bildet die Werft eine wichtige wirtschaftliche Kraft in dieser Region. An diesem Samstagmorgen herrschte eine angenehme Ruhe. Der Hafen war ursprünglich ein Zollhafen – die Werft hat ihn 2000 erworben. Das Zollambt in Tolkamer hat seine Bedeutung verloren nach dem Verschwinden der Innengrenzen auf Grund des Schengen-Abkommens (1985, in Kraft getreten 1993) – das galt auch für den Hafen und die Schiffe!

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Tolkamer: Blick stromabwärts vom Europakade Kai über den Oberrhein und die Schifffahrt an einem schönen Sommermorgen

Der Name des Dorfes stammt aus der Zeit als dort Schiffer die Fracht beförderten von Deutschland in die Niederlande Zoll bezahlen mussten, der sogenannte „Tolkamer“ (Zollkamer). Später mussten sie ihre Güter beim Zollamt verzollen, also zweigen was sie ein- und ausfuhren. Hierzu führte das Zollamt auch Zollkontrollen aus – auch auf dem Wasser: dazu diente der „Douanehaven“ (Zollhafen)! Es wurde kontrolliert auf u.a. illegale Zigaretten, Alkohol (später auch Drogen), aber auch nach „illegalen Personen“. Nach 1993 wurde diese Kontrolle überflüssig. Als die Innengrenzen wegvielen und die Schiffe nicht länger anlegen brauchten, bedeutete das ein empfindlicher wirtschaftlicher Schlag für den Mittelstand, aber auch für die vielen Kneipen: von den ursprünglich 13 Kneipen gibt er heute nur noch 5… Das Strassenbild zeigt schon gediegenen Luxus aus vergangenen Zeiten. Es gibt viele Wohnhäuser die registriert sind als Denkmal auf gemeindlichen Ebene. Viele Wohnhäuser die Staatsbeamten (Zollamt) gehörten, wie auch die sogenannten „Douanewoningen“ (Zollbeamtenwohnungen) an der Tolstraat (Zollstrasse) nordöstlich der Schiffwerft De Hoop sind registrierte Denkmäler von nationaler Bedeutung. Diese Block von sechs Reihenhäusern aus 1906 ist entworfen worden vom niederländischen Staatsarchitekten C.H. Peters (1847–1932), ein Schüler des berühmten Architekten Pierre Cuypers. C.H. Peters hat auch das alte Hauptpostamt in Amsterdam (1895-1899) entworfen.

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Tolkamer: diese denkmalgeschützten sogenannten “Douanewoningen“ (Zollbeamtenwohnungen) sind 1906 gebaut worden nach Entwurf des Staatsarchitekten C.H. Peters (1847–1932) im Neorenaissancestil

Ich hatte für meine Wanderung durch diesen östlichen Teil des Gebietes ‘t Gelders Eiland (die Gelderse Insel) den Klompenpad Rijnweidepad (Rheinwiesenpfad) gewählt, eine Rundwanderung von ungefähr 11 Kilometern. Ich liess den Europakade Kai hinter mir und ging entlang dem hohen Flussdamm nach Osten. Es stand ein grosser Schild mit einem klaren Aufschrift “Lobith-Tolkamer” gegen den Hintergrund von (wegen des Wetters und auch wegen COVID-19) zugefalteten Sonnenschirmen. In April blühten unter dem Schild mit Rheinkilometer 862 weisse Narzissen – in Juni war der Rasen sorgfältig gemäht worden. Weiternach Osten steht wie ein Brock Technik in einer Hülle aus Beton eine der 160 Pegelmessstationen die von Rijkswaterstaat (der Obersten Strassen- und Wasserbaubehörde) errichtet worden sind entlang den grossen Flüssen, der Küste und den Seen. Diese Station in Lobith messt die aktuellen Pegelstände im Rhein im Bezug auf Normaal Amsterdams Peil (NAP) (Amsterdamer Pegel) und ist von grösserer Bedeutung – wie auf der Informationstafel steht – für die Wasserwirtschaft, die Festlegung des wasserbaulichen Zustandes des Landes, für die Schifffahrt und für den Schutz des Landes vor Überschwemmungen. Es war interessant um die verschiedenen Höhen im Bezug auf NAP in einem Schema zu sehen. Die Höhe des Winterdeiches in Bezug auf NAP ist +19.10 Meter; die Höhe des Flussbettes ist +5.20 Meter; der Jahresdurchschnitt beträgt +9.81 Meter (einige Tage vorher stand das Waser dem Matrixschild nach auf +9.16 Meter). Der höchste Wasserpegel je war nicht, wie man meinen könnte, am 1. Februar 1995 (+16.67 Meter NAP), sondern am 4. Januar 1926: damals erreichte das Wasser +16.93 Meter NAP! Das Wasser stand am niedrigsten am 13. September 1991: +7.23 NAP: und der Flussboden war nur 2.03 Meter niedriger…! Nicht nur der Wasserpegel wird monitort – auch die Wasserqualität. Nach einigen Umweltkatastrophen in den 1960er und 1990er Jahren mit schweren Verschmutzung des Rhein zu Folge ist eine intensive Zusammenarbeit zustande gekommen zwischen der niederländischen Rijksinstituut voor Integraal Zoetwaterbeheer en Afvalwaterbehandeling (RIZA) und dem deutschen Landesumweltamt Nordrhein-Westfalen (LUA NRW). Mittlerweile ist eine vollautomatisierte Messstation erbaut worden am rechten Rheinufer bei Lobith (Rheinkilometer 863) und ein Labor am linken Rheinufer bei Bimmen (in Deutschland, fast grenzend an Millingen aan den Rijn in den Niederlanden) beim Rheinkilometer 865. Hier wird die Wasserqualität durchgehend getestet: für ein gesundes Ökosystem im Wasser, aber auch für die Trinkwasserversorgung im Westen der Niederlande (Amsterdam). Bei zu hohen Konzentrationen von schädlichen Stoffen im Wasser ist ein rasches Eingreifen möglich beim Einlass von Wasser in den Dünen, wobei schon eine Abwägung gemacht werden soll zwischen dem Verschmutzungsniveau und dem eventuellen Schaden an der Ökologie in den Dünen (Austrocknung!). Als ich dort stand sind solche Hintergrundinformationen nicht wirklich zu mir durchgedrungen: die Sonne schien, das Licht war schön und der Himmel war klar. Von einer schön gestalteten Sitzbank im Form von Wellen gab es eine gute Sicht auf die Schiffe die ruhig vorüberfuhren…

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Tolkamer: Blick nach Osten über den Oberrhein mit Schifffahrt und äusserst links der Rheinbrücke in Emmerich (April 2021)

Der Spijksedijk Deich und das von der Deich geschützte Land, der Tengnagelwaard Werder, bilden eigentlich ein langgezogenes Industriegelände mit Unternehmen die primäre Rohstoffe verarbeiten: Holz (Pallets, Sägemehl usw.), Eisen (Röhre, Balken), Sand und Kies, Backsteine in vielerlei Formen und Grössen… Nicht gerade ein angenehmer Blick, aber irgendwo fallen diese Industrien weg gegen den wunderschönen Hintergrund des Flusses, den weiten Himmel und die Überschwemmungsebenen. Das war Ende April der Fall, aber bestimmt auch im Licht des relativ frühen Morgen am 19. Juni

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Östlich von Tolkamer: Blick stromaufwärts über den Oberrhein auf die Sandabbauanlage (links) und die Rheinbrücke in Emmerich (rechts) mit Gegenlicht (Juni 2021)

Nachdem ich das Sandabbauunternehmen passiert hatte, erreichte ich eine grüne Überschwemmungsebene, den Beijenwaard Werder. Dort herrschte Hochbetrieb (jedenfalls nicht an diesem Samstag…): Die Oberste Strassen- und Wasserbaubehörde ist seit einigen Monaten beschäftigt mit dem Bau eines neuen „Fluchthafen“ für die Berufsschifffahrt in dieser Überschwemmungsebene. Das ist notwendig weil die Kapazität des schon bestehenden Übernachtungshafens im Viertel Tuindorp an der Westseite von Tolkamer im Gewässer Bijland nicht genügend Plätze mehr bietet. Auf Grund des niederländischen Binnenschifffahrtsgesetzes sollten Binnenschiffer jeden 30 Kilometer einen Fluchthafen haben, damit sie die Fahrzeiten einhalten können. Im Beijenwaard Werder wird es Platz geben für über 50 Liegeplätze und 5 Anlegestellen für Tankschiffe und Stellen für grösseren Einheiten die nicht in Tuindorp anlegen können. Als ich Ende April hier vorbeiging waren grosse Greifer tätig um Bäume zu roden. Vor einigen Tagen fiel es mir auf dass die Bäume noch immer dort lagen und dass sie mittlerweile wieder angefangen hatten zu knospen! Jetzt standen an beiden Seiten des Deichs grosse Bagger und war ein temporäres Arbeitsgelände eingerichtet worden. Auch lagen dort grosse eiserne Röhre für das (unter Hochdruck nehme ich an) Befördern der Erde die freigesetzt wird beim Ausgraben des Hafens! Auf grossen Billboards wird angegeben dass die Bauarbeiten noch bis 2023 dauern werden. Bei den Ausgrabungen im Boden hat man interessante archäologische Entdeckungen gemacht: o.a. eine Verteidigungslinie aus dem Achtzigjährigen Krieg, wovon man schon vermutet hatte dass sie sich an jener Stelle befinden könnte. Auf dieser Weise bekommt man einen ganz direkten und persönlichen Blick auf den Alltag der Soldaten in jener Zeit!

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Zwischen Tolkamer und Spijk: hier werden von der Obersten Strassen- und Wasserbaubehörde Bauarbeiten durchgeführt für einen Übernachtungshafen für die Binnenschifffahrt – zuerst werden die Bäume gerodet (April 2021)
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Östlich von Tolkamer: an der Nordseite des Spijksedijk Deiches ist ein komplettes Arbeitsgelände eingerichtet worden für den Bau des Übernachtungshafens für die Binnenschifffahrt
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Östlich von Tolkamer: an der Nordseite des Spijksedijk Deiches liegen viele Röhre um den Sand und den Ton die beim Bau des Übernachtungshafens für die Binnenschifffahrt freikommen zu befördern

Gehend über den Spijksedijk Deich und in April immer wieder ausweichend in den Strassenrand für die Lastwagen sah ich schon dass es einen hellweissen breiten Radweg an der Innenseite des Deiches gab, wovon der Anfang damals noch mit Zäunen abgeriegelt war. Einige Tage vor dem 19. Juni war der Weg eröffnet worden und er wurde jetzt von vielen Radfahrern benutzt. Ich möchte lieber das Wasser sehen, deshalb ging ich beide Male über den Deich. Nicht nur Wanderer auf dem Klompenpad Wanderweg wurden bis heute durch den Frachtverkehr auf dem Deich behindert – auch die Jugend aus Spijk, die wegen der Schliessung der Grundschule im Dorf jetzt mit dem Fahrrad nach Tolkamer gegen muss. Deshalb wurde entschieden um der Wartungsweg der Wasserbehörde Rijn en IJssel zu benutzen für den Bau eines temporären Radweges. Das Spezielle dieses Radweges ist nicht nur dass er sicherer ist, aber auch das er „zirkulär“ ist, das heisst dass der Belag hergestellt worden ist aus Betongranulat das stammt von alten Strassenbelägen anderswo in der Gemeinde Zevenaar, die rezykliert worden sind. Sobald die Übernachtungshafen im Beijenwaard Werder fertig ist, wird der Deich erweitert und ein neuer Radweg hinzugefügt!

An beiden Tagen hatte ich vom Deich eine wunderschöne Sicht in alle Richtungen: auch über das Land im Polder mit den Teichen die entstanden sind durch Abbau von Ton und Deichbrüchen, und bestimmt auch auf die Eisrandlage mit dem Eltenberg in der Ferne und der St. Vituskirche deren Turm über die Bäume hinausragt. Dieser Eltenberg (der auch Elterberg oder Eltenerberg genannt wird) imponiert mit seiner Höhe von 82½ Metern. Das Witzige dieses Namens ist dat es eine Dopplung ist: „elten“ stammt von „alten“, das Höhe bedeutet – gerade wie „Berg“!

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Zwischen Tolkamer en Spijk: Blick vom Spijksedijk Deich nach Norden auf die Seen die entstanden sind durch Ton- und Sandabbau
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Zwischen Tolkamer und Spijk: Blick nach Nordosten über den neuen Radweg und die Wiesen auf den Eltenberg mit dem Kirchturm von Hoch-Elten

Nach einem Spaziergang von ungefähr zehn Minuten erreichte ich eine breite, mit Backsteinen gepflasterte Treppe den Deich hinunter, ins Dorf Spijk. Unten am Deich stand ein Schild worauf angegeben wurde dass Spijk auf halbem Wege des Fernwanderwegs Pieterpad liegt: es sind 284 Kilometer nach Norden nach Pieterburen (Provinz Groningen) und 208 Kilometer nach Süden, zum St. Pietersberg (Provinz Limburg). Auch gab es ein Foto aus der Zeit dass die Treppe noch aus hässlichen Betonplatten bestand. Ende 2010 kamen aus dem Dorf selber Initiative um Spijk zu revitalisieren. Die dazu gegründete Stiftung Stichting Actief Spijk präsentierte einen Plan der das Ergebnis war von Ideen und Beiträgen aus dem Dorf und mehreren (staatlichen) Behörden. Ein Teil davon war die Restaurierung dieser Treppe – eine Arbeit die zwischen dem 1. April und dem 1. August 2013 von Einwohnern ehrenamtlich geleistet worden ist. Die Backsteine, der Pflaster und die weiteren Materialien sind finanziert worden von den Betrieben Vandersanden Group, Niederlassung Spijk (Backsteinziegelei) und Wezendonk Zand en Grind BV (Sand und Kies, etwas weiter nach Westen am Spijksedijk Deich). Die Idee hinter der Anwendung dieses Typ von Steinen war das auf dieser Weise die Verbindung mit der Geschichte um die Backsteinherstellung in Spijk betont wird. Auch im Dorfzentrum ist hieran Aufmerksamkeit gewidmet. Dort steht in einer Nische aus Backstein die Statue aus Bronze „De Steenovenarbeider“ (Der Ziegler), die kreiert worden ist von der niederländischen Künstlerin Marga Breij aus Tolkamer. Ursprünglich stand die Statue beim historischen Kran am Spijksedijk Deich, weiter nach Osten (worüber später Weiteres). Jede Statue is leider gestohlen worden, wonach die Künstlerin eine neue Form hergestellt hat. Anschliesslich ist die Statue aufs Neue gegossen worden. Jetzt steht sie seit Juli 2016 an der neuen Stelle, aber diesmal festgemauert in einem 5 Tonnen schweren Betonblock! Am selben Platz ist auch eine Tonkippkarre aufgestellt worden auf einem Stück Schmalspurschiene. Das Gesamte gibt guten Eindruck der harten Lebensbedingungen der Arbeiter.

Ganz in der Nähe der Ehrung der Ziegler steht die St. Gerardus Majella Kirche mit den zwei Türmen, die 1914 eingeweiht worden ist. Es gab anfangs des 20. Jahrhunderts ein grosses Bedürfnis nach einer grösseren Kirche: die Einwohnerzahl von Spijk war stark zugenommen durch die Anzahl Ziegler und ihre Familien. Die ursprüngliche Kirche was deshalb viel zu klein – auf finanziellen Gründen wurde entschieden um eine neue Kirche zu bauen. Der Kirchenarchitekt aus Amersfoort Herman Kroes hatte 1913 den Auftrag bekommen um eine „einfache und angemessene Kirche“ für Spijk zu entwerfen – das Gleiche galt für den Pfarrhaus. Die Kirche ist erbaut worden in einem schlichten neoromanischen Stil und ganz aus rotem Backstein. Der weissen Fugen wegen sieht sie nicht all zu streng aus…

Es ist klar dass der Sanierungsplan für Spijk vollkommen gelungen ist: das Ganze sieht frisch und lebendig aus. Nach kurzer Zeit gelang ich wieder an den Spijksedijk Deich und hatte erneut eine schöne Aussicht über den Fluss. Als ich hier in April war, verstand ich auch von wo die viele Lastwagen die mich auf dem Deich doch ein wenig gehindert hatten, herkamen. Es gibt nämlich eine Anlegestellen für Binnenschiffe mit u.a. Tonerde! Heute war es Samstag und es war wohltuend ruhig… An der Anlegestelle sassen nur einige Leute die eine Angel ausgeworfen hatten und geduldig das Resultat abwarteten.

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Spijk: Blick auf den weiten Oberrhein in Richtung von Deutschland mit Anlegestelle für Binnenschiffe die Sand usw. bringen

Gerade bevor die Anlegestelle in Sicht kam, sah ich einen historischen elektrischen Schwenkkran aus 1928, der mittlerweile denkmalgeschützt (rijksmonument) ist. Auf einer Informationstafel wird die Geschichte des Krans wiedergegeben – auch die Zeichnung wie der Kran funktioniert ist erläuternd. Der Kran gehörte den NV Hollandsch-Duitsche Steenfabrieken Ziegeleien in Spijk und hatte damals 14.200 Gulden gekostet. Der Kran bildete die Verbindung zwischen dem Hafenbecken im Fluss und dem an der Hinterseite des Deiches stehenden Ziegeleikomplexes. Die Ziegelei war 1900 gegründet worden; die Gebäude sind 1995 abgerissen worden. Der Kran wurde anwendet um gebackene Steine abzuführen und Steinkohlen und Sand an zu bringen. Auf dem Deich war die Kranbahn verlängert worden mit Schienen auf hölzernen Bahnschwellen. Der Kran selbst besteht aus einem Gestell auf Rädern das auf den Schienen gesetzt war. Dieses Gestell wird angetrieben von einem Rad das angetrieben wird von einem Elektromotor, der wiederum seinerseits mit Strom versehen wird von einem Kabel der beim Fortbewegen des Krans auf einer Trommel am rechten Rad auf- und abgewickelt wird – die Stromversorgung geschieht mit einem Verteilerkasten auf dem Deich. Am Gestell sind rundgehende Schienen montiert worden, so dass der Kran auf den vier Rädern 360° drehen kann. In der Kabine bediente ein Elektromotor die Hebeinstallation als auch das Drehen des Krangehäuses. Der Schwenkarm ist 10 Meter hoch – er hat eine Spanne von 12 Meter. Am Hebekabel konnte ein Zweischalengreifer von 0,8 Kubikmeter befestigt werden oder Haken für das Versetzen von einer Kippkarre mit Steinen oder von anderem Stückgut. 2015 ist der Kran mit (finanzieller) Unterstützung von u.a. der Europäischen Union restauriert worden. Es ist schon eine beeindruckende Maschine, die damals sehr „state-of-the-art“ war. Inzwischen ist sie ein Relikt und blühen Rosen zwischen den Schienen… Neben dem Kran ist noch immer die von Backsteinen gepflasterte Erhöhung sichtbar wo bis 2016 das kleine Denkmal für „De steenovenarbeider“ (Der Ziegler) gestanden hat.

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Spijk: auf einer Informationstafel werden Aufbau und Funktion des „Elektrischen Verladekrans“ aus 1928 einer heutzutage nicht mehr bestehenden Ziegelei erklärt

Vom Kran die in der Nähe der grossen Ziegelei steht (mit einer Fläche grösser als das Dorf Spijk selber!) waren es nur einige hunderte Meter bis an das (niederländische!) Ende des Spijksedijk Deiches und die Grenze mit Deutschland. Dort wird der Blick gefangen von einer grossen runden Betonscheibe mit dem intrigierenden Titel „Und so weiter“. 1993 ist dieses Kunstwerk hergestellt von der niederländischen Künstlerin Miranda Rikken (*1966). Die Kreisform verweist nach alten Grenzpfählen und nach dem ewigen Kreislauf von Wasser, in diesem Fall das Wasser des Flusses Rhein. „Und so weiter“ bezieht sich auch auf die Tatsache dass die Schiffer die Grenze passieren, aber nicht anlegen.

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Spijk: genau an der Stelle wo der Oberrhein von Deutschland in die Niederlande fliesst, steht das Kunstwerk aus Beton „Und so weiter“ der niederländischen Künstlerin Miranda Rikken

Hier ist wörtlich die Grenze: der niederländische Name für den Weg der vom Spijksedijk Deich nach Norden führt ist der Oude Kleefse Postweg (Alte Klever Postweg) und der deutsche Name ist Spyker Weg. Dazu kommt auch noch dass die Häuser an der Westseite dieses Weges in den Niederlanden stehen und die Häuser an der Ostseite in Deutschland! Die Route des Klompenpad Wanderweges verlässt nach kurzer Zeit den Teerweg und führt weiter entlang Äckern, wo am letzten Mal das Getreide schon hochgewachsen war, zu einem kleinen Naturschutzgebiet. Immer hatte ich eine wunderbare Sicht auf den Eltenberg. Ich lief jetzt in Deutschland – dieses Mal legal, aber am 23. April noch illegal: wegen COVID-19 war es für Niederländer*innen gar nicht erlaubt um nach Deustchland zu gehen! Dem einzigen Fussgänger dem ich begegnete habe ich gegrüsst mit einem ganz murmelnden Pseudo-Deutsch „Hu-en-Dâh“… Ich bin glücklicherweise nicht aufgeflogen. Am Waldrand stand ein schöngestaltetes Bild mit einem fliegenden Greifvogel als Zeichen dass dort ein Naturschutzgebiet anfing – jenes Schild gefiel mir besser als das Schild auf dem Deich dass man nur 30 Stundenkilometer fahren durfte wegen der Ausfahrt von Lastwagen mit Tonerde!

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Östlich von Spijk: Blick von deutschem Boden (!) über ein Getreidefeld auf den Eltenberg

Dieses Gebiet mit einer Grösse von 34 Hektaren heisst Die Moiedtjes und ist seit 2003 als Naturschutzgebiet angewiesen worden: im Rahmen des Gebietes Natura2000 und der niederländischen Vogelrichtlinie „Unterer Niederrhein“ ist das Gebiet auch von grenzüberschreitender Bedeutung. Das Gebiet besteht aus mehr als 30 Wasserflächen in verschiedenen Grössen, Schilffeldern, feuchten Hochstaudenfluren und natürlichen Weichholzauen in verschiedenen Altersstufen. Hier hindurch führt ein Schotterweg, „Am Moddeich”. Dieser Name verweist zu einem Deich der durch dieses Gebiet verlief und der um 1800 durchgebrochen ist. Der Teich westlich von diesem Weg ist an jenem Moment entstanden. Die übrigen Teiche sind entstanden durch den Abbau von Tonerde: dieser Abbau fing 1865 an mit dem Bau des Kais für die Eisenbahnlinie nach Kleve. Das Spezielle hierbei war dass der Zug auf einer Fähre den Rhein überqueren sollte! Angelvereine aus der Umgebung sind benehmigt um die Gewässer östlich des Weges zu benützen – eine idyllische Stelle! Viele besondere und seltene Tiere kommen hier vor, wie der Wiedehopf und der Biber. Meine Wanderweg führt mich entlang dem Kolk des Deichbruches wieder nach Westen, zum Oude Kleefse Postweg/Spyker Weg: noch immer genoss ich die schöne Sicht auf den Eltenberg! In Juni konnte ich wegen der hohen Vegetation das Wasser des Kolkes nicht mehr sehen, aber Zuhörerin sein eines Chores von Vögeln und Fröschen war immer noch möglich…

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Nordöstlich von Spijk: Durchblick auf einen durch Abbau von Ton entstandenen Teich umrahmt von üppiger Vegetation im Naturschutzgebied „Die Moiedtjes“ (April 2021)
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Nordöstlich von Spijk: Weitsicht über die Wiesen auf den Eltenberg mit dem Turm der St. Vituskirche – in April waren die Bäume noch kahl
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Nordöstlich von Spijk: im Frühling ist ein Durchblick auf einen durch einen Deichbruch entstandenen Teich im Naturschutzgebiet „Die Moiedtjes“ noch möglich (April 2021)

Als ich beim Oude Kleefse Postweg/Spyker Weg ankam sah ich in nördlicher Richtung nach Elten ein kleines Gebäude an der Westseite des Weges mit einer einladend wehenden Flagge. In April war ich nicht in jene Richtung gegangen, aber jetzt schon: es stellte sich heraus als eine schön gestaltete Stelle, eine „Uut-bloas-huukske“ (Verschnaufsecke), ein ganz blumenreicher Garten mit noch Obstbäumen (heute noch in Mini-Format!) und ein kleines Häuschen dazu. Im Frühling 2019 ist auf Initiativ der Stiftung Stichting Actief Spijk dieser Ort kreiert worden, vor allem auch um den Wanderern auf dem Fernwanderweg Pieterspad einen Erholungspunkt zu bieten. Das huuske kann auch dienen als Schutzhütte gegen den Regen. Ein Wegweiser mit hölzernen Armen zeigt dass Konstanz 857 Kilometer nach Osten liegt und die Nordsee 178 Kilometer nach Westen. Auch hier wieder Sicht auf den Elterberg!

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Nordöstlich von Spijk: beim “Uutbloashuukske“ (Rastplatz) für die Wanderer auf dem Fernwanderweg Pieterpad gibt es unter einer Pergola Picknicktische umringt von blühenden Blumen

Nach dieser Verschnaufpause kehrte ich zurück zum Punkt wo der Klompenpad weiterging. Auch hier war die Gegend angenehm ländlich. In der Zeitspanne zwischen Ende April und Mitte Juni war der erst noch kahle Überrest einer kapitalen Weide mittlerweile zugewachsen von graziösen Hopfenzweigen! Der Pfad schlängelte sich zwischen Wiesen und Ackern, wo man in April beschäftigt war um eine Berieselungsanlage zu bauen, die jetzt intensiv getestet wurde. Glücklicherweise konnte ich passieren ohne nass zu werden!

Ich sah dass auf einem hohen Pfosten bei einem Bauernhof ein Storchennest gebaut worden war: zwei cremefarbige und flaumige Küken hielten sehnsüchtig Ausschau nach ihren Eltern. Ich hatte schon früher beim Spijksedijk Deich, in Luftlinie nicht weit entfernt von diesem Nest, gesehen wie ein grosser Storch herumtrat, auf Suche nach Beute! Es gab auch viele Insekte. Eine Libellenart worüber ich gerade einige Tage vorher etwas gelesen hatte flog zickzackend herum über dem Gras des Wanderweges: ein Plattbauch (Libellula depressa), mit einem abgeflachten hellblauen Hinterleib. Es ist zwar kein seltene Sorte, aber ich fand es jedoch etwas Faszinierendes um sie zu sehen!

Nach einem Spaziergang durch die ländliche Umgebung erreichte ich ein schmales Gewässer, das hier die Grenze bildet zwischen den Niederlanden und Deutschland: „Die Wild“. Dieser Wasserlauf war einst ein Altarm des Rheins und mündet weiter nach Westen in den Oude Rijn (Alt-Rhein) – das Ganze als Teil des Rijnstrangen-Gebietes. Es ist ein üppig grünes Gebiet mit vielen Fernblicken. In Juni waren die Ufer schon hoch zugewachsen mit Schilf – in April noch nicht. Das Flüsschen fliesst langsam und mäandernd nach Westen. Bevor es mündet in den Oude Rijn Fluss sammelt das Wasser sich zuerst an in einem grossen Teich, der in Juni schon teilweise zugewachsen war mit Schilf und mit Gelben Teichrosen (Nuphar lutea). Ein Pärchen von Haubentauchern schwamm herum mit schon grossen Küken: diese brauchten nicht länger bei den Eltern auf dem Rücken mit zu fahren – das finde ich immer so niedlich!

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Nördlich von Spijk: dieser mäandernde Fluss, „Die Wild“, auch ein alter Flussarm des Oberrheins, bildet hier die Grenze zwischen den Niederlanden und Deutschland
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Nördlich von Lobith: bevor der Grenzfluss Die Wild in den Oude Rijn (Alten Rhein) mündet, fliesst er zuerst in einen kleinen See – mit Blick auf den Eltenberg (April 2021)
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Nördlich von Lobith: Blick auf den kleinen See wo der Grenzfluss Die Wild mündet mit in der Ferne dem Eltenberg (Juni 2021)

Die Wiesen und die Äcker waren nicht sehr blumenreich, aber die Strassen- und Uferränder schon. Entlang Der Wild stand Ende April ein grosses Wiesen-Schaumkraut (Cardamine pratensis) in der Frühlingssonne und mit den Wurzeln ganz feucht, fast im Wasser. Ich finde den niederländischen Namen immer lustig: wörtlich heisst die Blume “Pfingstenblume”, obwohl sie meistens am Ostern blüht! Eine weitere Frühlingsblume war die Echte Schlüsselblume (Primula veris) die in grossen Gruppen im Gras entlang der Ostseite der grossen Wasserfläche für den zukünftige Themenpark Carvium Novum wuchs. In Juni war die Vegetation selbstverständlich ganz anders! Ich entdeckte im Strassenrand des Spijksedijk Deiches wo das Gras gerade frisch gemäht worden war, eine interessante Pflanze die vor einigen Jahren zum ersten Mal gesehen hatte an der Adriaküste um Triest: eine Sommerwurz (Orobanche). Diese merkwürdige Pflanze die eigentlich nicht so nördlich vorkommt parasitiert auf anderen Pflanzen: sie ist davon abhängig, weil sie kein Chlorophyll hat. Die eine Pflanze war rötlich und die andere was tatsächlich gelblich. Die Pflanze hat eigentlich keine Blätter; die Blumen sehen denen des Löwenmauls ähnlich. Vielleicht waren Samen aus fernen Ländern mitgeführt worden mit der Tonerde aus den Schiffen und anschliessend in den Strassenrand gelandet. Entlang Dem Wild wachsen auch dicke Wälle mit Brombeeren. Auf diesem guten Boden blühten sie ausgiebig: Insekte flogen an und ab, aber ich dachte schon an den Spätsommer, mit vielen reifen Brombeeren…!

Der Verbindungsweg von Lobith nach Elten in Deutschland überquert mit einer kleinen Brücke den Oude Rijn worin nebenan Die Wild mündet. Bis zur Brücke heisst der Weg auf niederländischem Hoheitsgebiet Eltenseweg und an der deutschen Seite die Lobitherstrasse… Dort ist ein Rasen mit Picknicktischen und vielen Infotafeln über wie das Gebiet früher aussah und was während des Achtzigjährigen Krieges geschenen ist, aber auch über wie das Gebiet in wenigen Jahren aussehen wird. Seit 2012 haben schon grosse Eingriffe in der Landschaft stattgefunden mit als Endziel einer „win-win“-Situation auf wirtschaftlicher und planologischer Ebene, mit viel Aufmerksamkeit für Natur. Nach Süden gibt es eine Aussicht über eine grosse Wasserfläche die entstanden ist durch das Abgraben von ehemaligem Agrarboden und anschliessend durch den Abbau von Sand in grosser Tiefe. Der See wird im Laufe der Zeit eine natürliche Ufervegetation bekommen von u.a. Schilf mit allen Mehrwert für die Natur (Schilf-Feuchtgebiet für Vögel, Pflanzen). Die ehemalige Gemeinde Rijnwaarden, die fusioniert ist mit der Gemeinde Zevenaar, hatte zusammen mit u.a. Staatsbosbeheer (Staatliche Frostbetreuung), aber auch mit dem Unternehmen A. Wezendonk Zand en Grind BV (mit dem grossen Industriegelände am Spijksedijk Deich zwischen Tolkamer und dem Beijenwaard Werder und das schon seit 1966 beteiligt ist in solchem Art von Abbau von Bodenschätzen an der Oberfläche) einen grossen Plan entworfen, wobei kurzfristig der Sandabbau für den wirtschaftlichen Wert sorgen sollte und längerfristig die Entwicklung eines Römischen Themenparks (Carvium Novum, nach dem vermeinten römischen castellum aus dem 1. Jahrhundert nach Chr.)… Die Naturwerte für dieses 65 Hektar grosse ehemalige Agrargebiet, das vom Kiesbetreib gekauft worden war und anschliesst am Tengnagelwaard Werder der sozusagen im „Hintergarten“ des Betriebes liegt, könnten dann realisiert worden durch die Entwicklung eines Feuchtgebietes östlich des Eltenseweg Weges mit Anschluss zum Rijnstrangen-Gebiet weiter westlich von Carvium Novum. Bei der Bevölkerung stiess der Plan für den Themenpark (und auch der Plan für den Bau für treibende Solarpärke!) auf Widerstand – das Verfahren und die Entscheidungsphase um die Änderungen in der Flächennutzung sind noch in Gang. Eine Stiftung, Stichting Recreatie- en Natuurpark Carvium Novum ist gegründet worden um das Gebiet Carvius Novum, in der Gemeinde Rijnwaarden instand zu halten, zu betreuen und wo möglich zu entwickeln, als landschaftliches natur- und kulturhistorisches Gebiet und die landschaftliche Offenheit des Geländes zu fördern ebenso die gemeinsame Nutzung mit Bezug auf angemessene Erholungsmöglichkeiten. Der einzige römische Aspekt bis auf dann war eine einsame hölzerne römische Säule entlang dem Eltenseweg. Die hatte ich in April aus der Ferne gesehen als ich über den schönen, neuen Radweg entlang dem Ostufer gegangen war. In Juni habe ich die Säule mal aus der Nähe betrachtet.

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Nördlich von Lobith: als Vorzeichen des römischen Themaparks bei Carvium Novum steht eine römische Säule an der Westseite des Sees

Auf der Webseite von Carvium Novum steht ein schönes Video einer Drohnenflug über das Wassergebiet wie es jetzt aussieht. Am südlichen Eingang zum Gebiet steht auf einer Informationstafel eine Karte mit darauf dem Grundriss wie die Entwerfer den Plan visualisiert haben. Die Westseite ist noch Zukunftsmusik – vorläufig stehen dort nur noch ein grosser Bauernhof und beeindruckende Maschinen zum Sandabbau…

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Lobith: auf einer Informationstafel ist auf einer Karte angegeben wie der Erholungs- und Naturpark Carvium Novum in der Zukunft aussehen wird – vorläufig sind der Radweg und die Redoute realisiert worden

Die Eintragung auf der Karte der Ostseite des Gewässers ist schon realistischer, denn dort hat 2015 der Sand- und Kiesbetrieb einen schönen, breiten Fussgänger- und Radweg gebaut, der sich zwischen dem See und den kleineren Wasserflächen schlängelt. Nach kürzerer Zeit ragt im weiterhin ziemlich flachen Land ein viereckiger, konisch verjüngender Erdhügel, eine Redoute auf. Im Festungsbau ist eine Redoute ein kleines ganz geschlossenes Verteidigungswerk aus Erde oder manchmal aus Stein mit nur ausspringenden Winkeln und ohne einspringende Winkel. Sie wurde populär im 17. Jahrhundert – und wurde angewendet bis im 19. Jahrhundert. Dann wurde die Redoute überflüssig wegen modernerer Waffen. Eine steile Betontreppe führt nach oben, wo man eine wunderschöne Aussicht hat über die Umgebung: über das Wasser nach Westen, und natürlich auch nach Osten mit wieder dem Eltenberg in der Ferne. Nach Süden liegen mehrere Teiche von kleinen Dämmen von einander getrennt – die ehemalige Tongruben.

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Nördlich von Lobith: Blick von der Redoute, Aussichtspunkt, nach Südwesten über das Wasser des zukünftigen Freizeitparks Carvium Novum
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Nördlich von Lobith: Blick von der Redoute, Aussichtspunkt, nach Süden über die verschiedenen Tongruben und Röhrichte des zukünftigen Freizeitparks Carvium Novum

Dass der Sandabbau noch in vollem Gange ist zeigt schon die treibende Baggerinstallation im südlichen Teil des Sees. Der Fussgänger-/Radweg führt mit einer hohen Brücke über die Stelle wo der Sand über ein Transportband vom Sandsauger zur Verarbeitungsanlage befördert wird. Hier sah ich tatsächlich ein grosses Schaufelrad stehen neben dem langen Transportband das in der Ferne bis zum Betriebsgelände am Spijksedijk Deich führt. Es war gut zu sehen wie in diesem Fall wirtschaftliche Aktivitäten und Naturentwicklung sich doch vereinen.

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Nördlich von Lobith: im Wasser des zukünftigen Erholungsparks Carvium Novum liegt die Sandsauginstallation wo mit Sand aus den tieferen Schichten hinauf gebracht wird
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Nördlich von Lobith: mit diesen grossen Geräten wird der Sand der aus den tieferen Schichten des Sees bei Carvium Novum aufgebaggert wird, auf das Transportband deponiert

Kurz nachdem ich über die Brücke gegangen war, erreichte ich die Nordseite von Lobith. Dieses Dorf das ursprünglich Lobede hiess, ist einer der grösseren Kerne in der Gemeinde Zevenaar. Lobith ist im 13. Jahrhundert entstanden durch den Bau des mächtigen Kasteel Tolhuis (Schlosses Zollhaus) auf einem höheren gelegenen Ufer des Rheins. Hier mussten Schiffe anlegen um Zoll zu zahlen, deswegen der Name. Eines der schönen Gebäude im Dorf ist die Reformierte Kirch aus 1660. Die kleine Saalkirche die seit 1967 ein rijksmonument ist, ein Denkmal von nationaler Bedeutung, hat eine freundliche Ausstrahlung mit eleganten Bogenfenstern und schönen weissgepflasterten Wänden. Die Spalierlinden die in April noch ganz stilisiert kahl gewesen waren, trugen jetzt ein volles Blätterdach. Das filigrane, sechseckige Türmchen mit Wetterhahn steht stolz auf dem steilen Dach und es ist, obwohl die Kirche nicht sehr hoch ist, doch aus der ganzen Umgebung sichtbar!

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Lobith: die Protestantische Kirche aus 1660 ist seit 1967 denkmalgeschützt

Heutzutage fliesst der Oberrhein viel weiter nach Süden, aber im 17. Jahrhundert noch nicht. Dass das kleine Dorf Lobith und die Umgebung eine solche Bedeutung für die niederländische Geschichte gehabt haben wurde klar auf mehreren Informationstafeln. Mal zum Auffrischen des Gedächtnisses: wichtig ist das Jahr 1672 gewesen. Es ist bekannt als das Rampjaar (Katastrophenjahr): eine niederländische Redewendung war auch „ het volk redeloos, de regering radeloos en het land reddeloos“ (Das Volk war töricht, die Regierung ratlos und das Land rettungslos (verloren)). In jenem Jahr fing der Holländische Krieg an, wobei die Republik der Sieben Vereinten Niederlande angegriffen wurde von England, Frankreich und den Bistümern Münster und Köln. Weil die französischen Armeen in ihrem Aufmarsch nach Norden einen Weg gewählt hatten der östlich von Maastricht lief und auf logistischen Gründen die beiden Bistümer zu Verbündeten gemacht hatten, konnten sie am 12. Juni 1672 hier bei Lobith den Rhein überqueren. Dort hatten die Truppen eine Untiefe gefunden… Sie siegten über die schwächere Armee der Republik und besetzen rasch viel Land in Twente und in der Grafschaft Zutphen. Durch diese Strategie waren die Franzosen in der Lage um von Osten her in die Niederlande zu ziehen. Die Kämpfe beim Rhein sind bekannt geworden als die Schlacht bei Tolhuis. Bei der Einnahme von Lobith wurde das einst so mächtige Schloss zerstört – nur das „Schipperspoortje“ (Schifferstor) wurde gespart: es ist von Land an der Südseite ein steiler Aufstieg zum Dorpsdijk (Dorfsdeich)!

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Lobith: an der Südseite des Dorpsdijk Deiches ist das „Schipperspoortje“ (Schiffertor) das Einzige das übriggeblieben ist des mächtigen Schlosses Tolhuis (Zollhaus) – der Rhein floss damals gerade entlang dem Dorf

Ein richtiger Blickfang ist die strengaussehende und beeindruckende römisch-katholische Kerk van de Onbevlekte Ontvangenis van Maria (Kirche der unbefleckten Empfängnis Mariens), die an gleicher Stelle steht als das ehemalige Schloss Tolhuis. Diese Kirche ist 1886-1887 gebaut worden vom niederländischen Architekten Alfred Tepe (1840–1920), der neben dem berühmten P.H.J. Cuypers der wichtigste Architekt der Neogotik war. Er hat sich vor allem zugelegt auf das Entwerfen von Kirchen. 1939 ist die Kirche vergrössert und verbunden worden mit dem 1890 ebenfalls von Alfred Tepe gebauten Pfarrhaus. Aus der Ferne ist der markante Turm mit dem auffallenden Satteldach sichtbar. Das gesamte Gebäude strahlt durch Form und Farbwahl bestimmt Autorität aus…

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Lobith: Blick auf die Kirche der unbefleckten Empfängnis Mariens (links) und das Schipperspoortje (Schiffertor) von der Stelle wo früher der Oberrhein floss

Das flache Land südlich von Lobith heisst der Geuzenwaard Werder, eine Verweisung nach den Truppen der Orangisten, die dem Prinzen Willem I. treu waren und die hier während des Achtzigjährigen Krieges stationiert waren. Dieses Gebiet, ungefähr 40 Hektar gross, ist heutzutage ein Naturschutzgebiet mit freiem Zugang, aber nur ausserhalb der Brutsaison. Eine Wanderung war in Juni gar nicht verlockend wegen der mannshohen Brennnessel und Brombeergebüschen…! Sich das Ganze anschauen war schon schön: es blühten so viele Blumen und natürlich auch Holundersträucher. Ab und zu erspähte ich ein Schottisches Hochlandrind, aber auch ein Kunstwerk: es ist aufgestellt worden an der Gabelung des Radweges nach Westen nach Lobith-Tolkamer beim Tengnagelwaard Werder. Dieser Kunstrustplaats Tengnagelwaard (Kunstruheplatz Tengnagelwaard) ist kreiert worden vom niederländischen Künstler Adriaan Seelen (*1952) und am 3. November 2006 enthüllt worden. Die sechs Säulen repräsentieren die Ziegeleien die das Gebiet mitgestaltet haben und die sechs „Kissen“ den Rauch die aus den Schornsteinen ist ausgetreten. Die zwei Menschenköpfe aus Bronze die aus dem Tunnel hervorkommen bilden einen Januskopf: der eine blickt in die Vergangenheit und der andere in die Zukunft. Der Tunnel ist eine Verweisung nach den tunnelförmigen Ofen der Ziegeleien.

Weiter nach Westen im Geuzenwaard Werder gibt es am hohen Deich wieder einen Ausschauhügel: das Hornwerk Geuzenwaard, ein Verteidigungswerk aus der Zeit des Achtzigjährigen Krieges (1635) während der Belagerung des Schenkenschanzes. Dieser Schenkenschanz war ein Verteidigungswerk am anderen Ufer des Flusses und ist 1586 erbaut worden von Maarten Schenk van Nideggen (1540–1589), nach wem die Festung benannt wurde. Durch die Änderungen im Flussbett liegt der Schanz – heutzutage ein Weiler ohne Verteidigungsfunktion auf deutschem Hoheitsgebiet – auf einer Insel. Damals hatte sie jedoch eine wichtige strategische Bedeutung: er lag in der Nähe der damaligen Gabelung von Rhein und Waal – wenn feindliche Truppen einmal den Schenkenschanz passiert waren, lag der Weg zu den Städten von Gelre und „Holland“ offen. Auf dem Hornwerk stehend war die Aussicht nach Norden, über das Naturschutzgebiet des Geuzenwaard Werders und in der Ferne auf die hohe Kirche der unbefleckten Empfängnis Mariens war schön, aber vor allem friedlich!

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Südlich von Lobith: Aussicht nach Norden vom Aussichthügel im Geuzenwaard Werder der erinnert an das Hornwerk aus dem Ende des Achtzigjährigen Krieges (1635), das den Zugang zu einer Schiffsbrücke über den Rhein überwachte

Der Deich an der Südseite des Geuzenwaard Werders bildet die Nordseite des Industriegeländes entlang dem Spijksedijk Deich, das nicht gerade einen schönen Anblick bot. Die Aussicht nach Nordwesten war dagegen schön: schauend über die grüne Wildnis und Gebüsche sah ich die Tolhuys Coornmolen – die Flügel mit dunklen Segeltüchern drehten rund: die Mühle war also im Einsatz! In April war ich an die Mühle vorbeigegangen und hatte mir die Kornmühle aus der Nähe angeschaut. An dieser Stelle hat es schon früher Mühlen gegeben, die mehrmals abgebrannt waren. 1888 wurde diese steinerne Mühle erbaut, die nach wieder einem Brand 1930 schon wiederaufgebaut wurde, aber nicht länger vom Wind angetrieben wurde. Heutzutage sieht die Mühleschön und gut erhalten aus, aber das war vor 1987 wohl anders. Als der Agrarbetrieb womit die Mühle verbunden war in den 1960er Jahren die Tätigkeiten einstellte, wurde die Mühle, die schon keine Haube mehr hatte, dem Verfall preisgegeben. Um Abriss zu verhindern ist 1987 ein Stiftung gegründet worden zu Erhaltung dieser Mühle und mit Erfolg: 1995 wurde die Mühle mit einer neuen Haube aus Schilf ausgestattet und 1996 während des „Nationalen Mühlentages“ in Betrieb gesetzt. Die Mühle ist ein Bergholländer: sie steht auf einer künstlichen Erhöhung aus Erde, die mittlerweile teilweise abgegraben worden ist und ersetzt von einer Galerie: wegen Neubau um die Mühle hätte die Erhöhung sich bis in die Gärten der Häuser ausgedehnt!

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Lobith: Blick vom Deich durch den Geuzenwaard Werder auf die Tolhuys Coornmolen Mühle aus 1888 die deutlich in Betrieb ist
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Lobith: Blick auf die Tolhuys Coornmolen Mühle aus 1888 die auf einer Erdaufschüttung steht die teilweise abgegraben und durch eine Galerie ersetzt worden ist

Als ich in April von der Mühle weiterging nach Tolkamer passierte ich eine halboffene Scheune von einem hohen Zaum umgeben: dort waren grosse Holzbretter gelagert. Auf der begleitenden Informationstafel wurde erklärt dass mit diesen Brettern der Batavenweg (Bataverweg) nach Tolkamer abgeriegelt werden kann bei drohendem Hochwasser um zu verhindern dass das niedriger gelegene Land überflutet wird. Diese Bretter werden mit einem Kran in die Schlitzen in den Betonwänden des Viaduktes des höhergelegenen Boterdijk Deiches niedergelassen. Es gibt an mehreren Stellen im Driedorpenpolder (wörtlich Driedörferpolder, auch schon „Gelders Eiland, Gelserse Insel genannt: das Gebiet zwischen Pannerden, Herwen und Lobith-Tolkamer) solche Deichscharten im Deichdamm. In April hatte ich die Wasserbehörden beim Testen der Deichscharte im Europakai in Tolkamer beobachtet. Auf der Tafel stand auch eine Karte des Gebietes der Gelders Eiland: viel niedriggelegenes Land, viel Wasser und viele Deiche!

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Zwischen Lobith und Tolkamer: auf einer Informationstafel über das Deichschart „Boterdijk“ Deich steht eine Karte worauf das wasserreiche Gebiet des „Driedorpenpolder“ Dreidörferpolders gezeigt wird

Als ich das letzte Mal gegen 13 Uhr zurück war in Tolkamer habe ich zum Mittagessen gegessen im Restaurant Villa Copera am Spijksedijk Deich, gerade ausserhalb des Dorfes. Es war sehr angenehm auf der Terrasse unter einem grossen Sonnenschirm mit einer schönen Sicht auf den Garten mit dicken, alten Bäumen. Ursprünglich was dieses Gebäude Sitz der ehemaligen Zeigelei Daams aus 1861 – ein Grundstein beim Eingang erinnert hieran. Von der Ziegelei steht nur der Schornstein in Mitte mittlerweile auch heruntergekommen moderner Gebäude noch aufrecht. Der Name Daams steht in Backsteinen einer kontrastierenden Farbe auf dem geradeeckigen Fundament wo auch der Einlass des Dampfes noch sichtbar ist.

Weil es ungefähr die letzte Möglichkeit war um Spargel zu essen, entschied ich mich für eine „cremige Spargelsuppe mit Schinken, Ei und Schnittlauch“ mit einem leckeren Brötchen. Ein Glas Weisswein aus Südafrika schmeckte ganz gut dazu. Das war schon das zweite Leckerbissen dieses Tages, denn am Ende des Morgens hatte ich schon eine ausserordentlich schmackhafte Glace genossen bei der Eisdiele des Grenswinkel „De Hut“ Geschäftes am Weg von Lobith nach Elten mit Sicht auf die Wasserfläche von Carvius Novum… Ich hatte einen Kugel „Blueberry“-Glace und einen Kugel Yoghurt-Honig-Baumnüsse-Glace in einer klassischen Eistüte mit Vanillegeschmack gewählt. Die Krümelchen der Eistüte liess ich hinunterfallen für einige herumhüpfende Haussperlinge die mich die ganze Zeit mit aufmerksamen Knopfaugen fixiert hatten…

Man braucht sich keine Sorgen zu machen über die Mengen Kalorien die ich zu mir genommen habe beim Mittagessen – und bestimmt auch bei der Superglace bei der Eisdiele… Die Kalorien habe ich wieder aufgebraucht: als ich unter dem Sonnenschirm auf der Terrasse von Villa Copera mir mal die Bilder die ich unterwegs gemacht hatte anschauen wollte, fiel beim Aufklappen meiner Handytasche mein Auge auf ein gähnendes schwarzes Loch an der Stelle wo mein hellgelbes ÖV-Abo sein sollte. Ich hatte also keine andere Wahl als den letzten Schluck Wein zu trinken und den Wanderweg abermals zu gehen in umgekehrter Richtung – die Karte musste wohl irgendwo aus der Tasche gerutscht sein…? Gedacht, getan, aber die Karte blieb spurlos… Trotzdem war die umgekehrte Wanderung auch schön. Auf dem Weg zum Supermarkt an der anderen Seite von Tolkamer um eine anonyme ÖV-Karte zu kaufen, passierte ich die Douanewoningen (ZollbeamtenWohnungen) aus 1906 – also ein Bonus.

Im Bus zurück nach Arnhem bin schon eine Weile eingenickt: im Ganzen hatte ich jedoch einen Abstand von ungefähr 25 Kilometern zurückgelegt – und es sehr genossen!