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Den 12. März 2022

Spazieren entlang dem Fluss und über Land das früher Fluss war

Eine sympathische Einladung von Stef B., einem ehemaligen Bewohner meiner Wohnanlage in Arnhem, führt mich zur Stadt Rees am rechten Ufer des Rheins, gerade an der anderen Seite der Grenze in Deutschland. Seit einiger Zeit organisiert er „Waldführungen“ im Waldgebiet nordöstlich von Rees, beim Dorf Haldern. Ich meldete mich an für die Führung am Sonntagmorgen den 10. April, denn ich war intrigiert von seinem Blickwinkel zu „Bäumen und Wäldern“ – aber davon später mehr! Weil die Zusammenkunft schon um 09.30 Uhr anfing, hatte ich mich entschieden um Tags zuvor, am Samstag den 9. April, nach Rees zu reisen und einen Mini-Urlaub zu geniessen.

Ich hatte ein Zimmer gebucht in einem netten Hotel das wirklich am Rhein liegt: Hotel Rheinpark. Mein Zimmer blickte jedoch auf den Stadtpark, mit einem schönen Teich, dem „Froschteich“, und die alte Stadtmauer – und das war bestimmt auch richtig! Ich kam gegen drei Uhr nachmittags in Rees an. Weil es zwar kühl, aber schon sonnig war – zwischen den kräftigen Graupelschauern hindurch – fing ich gleich an mit einem Spaziergang durch die Stadt. Der „Verkehrs- und Verschönerungsverein“ hat eine Rundwanderung zusammengestellt die entlang den wichtigsten historischen Gebäuden und Stellen der Stadt führt. Die Wanderung folgt hauptsächlich der Route entlang der alten Stadtmauer und über diese, mit Festungswerken die erbaut sind um vor allem zu schützen gegen „den Feind“, aber auch gegen den Rhein (Wasser und Eis!). Ich fing die Wanderung an bei der Stelle wo der Weg durch das (ehemalige) Rheintor anschliesst bei der „Rheinpromenade“, ganz in der Nähe meines Hotels. Unterwegs sollte ich auch viele Statuen und Skulpturen sehen als Teil einer anderen Wanderung durch die Stadt, der „Skulpturenrundgang von Rees“.

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Rees: Infotafel mit dem Überblick der Rundwanderung entlang historischen Stellen bei und auf den Stadtmauern die der Verkehrs- und Verschönerungsverein zusammengesetzt hat

Die Umgebung der Stelle wo Rees heute liegt wird schon sehr lange bewohnt: aus Bodenfunden kann man konkludieren dass in der Mittelsteinzeit (nach 10.500 vor Chr.) schon Menschen gewohnt und gelebt haben in der Nähe von Xanten, südlich des Rheins. Jene Stadt spielte auch eine grosse Rolle in der Römischen Zeit. Auch Rees ist immer ein wirtschaftlich führender Ort gewesen wegen der strategischen Lage am Rhein. 1227 erhielt sie Stadtrechte. Das verlieh ihr das Recht um Festungen zu errichten. Im Laufe der Jahre und Jahrhunderte haben Heere fremder Mächte die Stadt einverleibt und Festungswerke gebaut, aber sie auch wieder verlassen: Spanier (im 16. Jahrhundert), Niederländer (im 17. Jahrhundert) und Franzosen (im 18. Jahrhundert). Fast immer blieb die Stadt in Armut und in Trümmern zurück. Dies galt vor allem im letzten Jahr des Zweiten Weltkrieges, als nahezu die ganze Stadt zerstört wurde… Heutzutage ist nur noch wenig sichtbar der Schäden aus diesem Krieg, aber auf Informationstafeln kehrt diese Periode oft zurück. Die Bilder auf diesen Tafeln sprechen Bände.

Von der Stelle wo ich die Rundwanderung angefangen habe fand ich zwei Statuen aus Bronze. Die erste war eine Statuengruppe von zwei Mädchen – aus Bronze – die locker auf dem Geländer der Promenade sassen. „Zwiegespräch“. Der deutsche Künstler Jürgen Ebert (*1954) hat hier etwas Zeitloses zeigen wollen: die Mädchen sitzen und „quatschen“ miteinander wie ihre Mütter oder eben ihre Grossmütter das getan haben könnten. Ausserdem bemüht man sich in dieser digitalen Welt nicht mehr um ein richtiges Gespräch an zu fangen. Eine weitere Szene in Bronze wird gebildet von einem Jungen der eine widerspenstige Ziege an einer Leine versucht mit zu ziehen: „Ziege“ des 1925 geborenen deutschen Künstlers Dieter von Levetzow aus 1989. Es ist eine Verweisung zur bis nach dem Ersten Weltkrieg bestehenden Tradition um Ziegen zu halten in der Stadt. Übergeliefert worden ist der Ausruf: „In Rääs, dor kiike de Tsekke dör de Glääs“ (In Rees schauen die Ziegen durch die Fensterscheiben). Die Szene sieht schon realistisch aus…!

An der Rheinpromenade stehen auch Bauwerke die keine Verbindung haben mit den Stadtmauern aus dem 13. Jahrhundert. Es gibt einen gemauerten runden Wasserbrunnen wovon die Pumpanlage ungefähr ein Meter unter den Boden liegt. Der Brunnen selbst wird schon alt sein, aber man hat entdeckt dass die Pumpanlage und die Röhre möglicherweise aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts datieren. Der Pegelturm sieht aus als ob er Teil der alten Festungsmauern ist, aber das ist nicht der Fall: es ist eine Pegelstation die nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut worden ist. Hier wird der Pegel bei Rees der Schifffahrt weitergegeben – dieser Pegel ist nicht derselbe wie die Tiefe des Rheins die hier 6 Meter beträgt. Der Pegel in Rees ist 2,70 Meter. Die Pegelstation wird verwaltet vom Wasser- und Schiffahrtsamt Duisburg-Rhein.

Einer der ältesten Teile der Stadtmauern ist der Zollturm, der 1310 erbaut ist. Von dieser Stelle wurde der Zoll für die Rheinschifffahrt überwacht und kontrolliert. Am Fuss des Turmes fallen die Reihen mit dunklen Basaltblöcken auf: sie dienten zu Verstärkung des Bauwerks gegen den Eisgang. Sie wurden abgebaut in den Steinbrüche im Siebengebirge, die dem Erzbistum von Köln gehörten. Auf alten Bilder ist der Turm höher als heute und war damals auch mit einem Kegeldach ausgestattet. An einer neueren Stelle der Mauer deutet ein kleines rotes Schild an bis zu welcher Höhe das Wasser Weihnachten 1993 angestiegen war…

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Rees: Blick auf den Zollturm der gleichzeitig mit den Stadtbefestigungen an der Rheinseite erbaut worden ist (um 1310) – heutzutage ist hier die Rheinpromenade

Der Fluss bildete nicht nur eine Gefahr, sondern brachte sicher auch Wohlfahrt: Güter wurden mit Schiffen angeliefert und umgeladen, Passagiere wurden mit Fähren von dem einen Ufer zum anderen befördert und es wurde Fisch gefangen. An der Rheinpromenade steht seit 2021 eine Statuengruppe zu Ehren der Hafenarbeiter die die Rheinschiffe löschten und beluden: die „Räässe Sackendräger“. Obwohl diese Träger unentbehrlich waren im Gütertransport, war ihr sozialer Stand niedrig. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Arbeit immer mehr mechanisiert, wodurch diese Berufsgruppe verschwand. Zwei dieser Sackendräger sind von der deutschen Künstlerin Christel Lechner (*1947) verewigt worden. Der Personentransport über den Rhein wurde von 1438 bis zur Eröffnung der Verkehrsbrücke westlich von Rees 1967 versorgt von Fähren, die in Rees auch wohl „Pönte“ genannt werden. Die Fähre war ursprünglich mit einem langen Stahlseil von 580 Metern in der Mitte des Rheins östlich von Rees verankert. Der Ankerseil wurde von 10 Buchtnachen getragen – die letzte Seilfähre war flexibel befestigt worden an einem 365 Seil von 365 Metern über den Fluss. Durch den Druck der Strömung auf die Seitenschwerte wurde die Fähre von dem einen Ufer zum anderen Ufer getrieben. An der Stadtmauer beim Zollturm hängt neben einem Tafel mit Erklärung ein Replikat eines Seitenschwerte zur Erinnerung an die fast 500-järige Tradition der Reeser Pönte.

Eine weitere Einnahmequelle wurde gebildet vom Fischfang, u.a. Aalfang. Der in den Niederlanden gebaute Aalschokker „Anita” der bei der Rheinpromenade vor Anker liegt, ist davon ein Beispiel und datiert aus 1914. Mit „Schokker“ wird ein bis im 19. Jahrhundert genutzter niederländischer Typ Segelschiff das angewendet wurde für die Fischerei auf den damaligen „Zuiderzee“ und den Flüssen. Dieser Typ ist benannt worden nach der Insel Schokland. In Deutschland werden solche Schiffe schon zum Aalfischen eingesetzt: bis weit in den 1960er Jahren waren schon 89 dieser Tialkschiffe tätig im Fischfang. Die meisten Schiffe dieser Klasse sind im Laufe der Jahre umgebaut worden zu Hausbooten, aber der „Anita“ ist dieser Schicksal erspart geblieben: 2002 wurde sie von einem Ehepaar aus Rees angekauft und als Museumschiff auf der Reede von Rees vor Anker gelegt. Sie wird auch genutzt als Schiff zur Forschung der Fischbestände im Fluss durch die Universität von Köln. Dieser Forschung wegen hat die „Anita“ einige Jahre später einen anderen Liegeplatz bekommen: bei Grieth, einem Ort in Luftlinie 6 Kilometer stromabwärts von Rees, am linken Rheinufer. Dort war der Fischbestand besser. 2012 ist der Schokker jedoch wieder nach Rees zurückgekehrt, als einer der letzten stillen Zeugen der früheren Fischerei.

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Rees: im Rhein an der Südwestseite der Rheinpromenade liegt ein Flussfischerboot (Type Aalchokker) „Anita“ aus 1914 vor Anker

Am östlichen Ende der Rheinpromenade gibt es ein weiten Blick stromaufwärts, über niedrige Gebiete, die ursprünglich alte Rheinarme waren. Im Osten fiel noch gelegentlich ein vereinzelter Graupelschauer…

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Rees: Blick auf den Rhein stromaufwärts von der östlichen Seite der Stadt gesehen – die Graupelschauer verschwinden nach Nordosten

Ein nächstes beeindruckendes Gebäude entlang den östlichen Festungsmauern ist der Mühlenturm. Der runde Turm ist 1470 aus Backsteinen aufgebaut worden mit – eben wie beim Zollturm – einem Sockel aus Basaltsteinen. Diese stammten vom Landhaus Burg Aspel das auf drei Kilometern Abstand liegt. Der Mühlenturm hatte drei Aufgaben: er diente als Loh-Mühle für die Herstellung von Gerbstoffen, als Verteidigungsturm, wobei er mit kleinen Geschützen bewaffnet werden konnte und als Bollwerk gegen schweren Eisgang im Rhein. Es besteht eine alte Sage um die Mühle: „es war einmal…“ ein Müller der mit seiner einzigen Tochter in der Mühle lebte und ein so verschwenderisches Leben führte dass er mit den Einnahmen der Mühle nicht länger seine Schulden zahlen konnte. Ein reicher Händler die sich interessierte in die Tochter, lieh immer wieder dem Müller bedeutende Summen so dass er seine Schulden begleichen konnte. Als Gegenleistung wollte der Händler die Tochter zu Ehefrau nehmen, was diese verweigerte: sie hatte sich in den Knecht des Müllers verliebt. Dieser Knecht fragte den Müller um die Hand seiner Tochter und versprach die Schulden mit Fleiss und Ausdauer ab zu zahlen. Der Müller möchte keinen Knecht als Schwiegersohn; es folgte ine heftige Auseinandersetzung auf dem höchsten Plattform der Mühle, die führte zu einem Zweikampf. Der Müller stürzte in die Tiefe und riss den Knecht mit sich…

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Rees: an der Ostseite der Stadt steht der Mühlenturm aus 1470 der als Mühle und als Wachturm diente

An der Nordseite des Mühlenturmes ist ein grosser, weisser Stein eingemauert worden mit einem Text. Der Stein hängt sehr hoch und deshalb ist der Text nicht ganz lesbar. „IN FEBR Ao 1608 HET DE RHYN SYN ISS BIS UNDER DIESEM STEIN GEBRACCHT […]“. Die Mitteilung dass in Februar 1608 das Eis im Rhein bis an die Unterseite dieses Steines kam, sollte schon „TOT GEDACHTNYS SPREKEN“…! Der Mühlenturm kann bestiegen werden: im Inneren der weiterhin leeren Mühle ist ein Gerüst aus Rostfreistahl aufgerichtet worden mit einer breiten Spindeltreppe. Vom weiterhin leeren Flachdach der Mühle ist die Aussicht in alle Himmelsrichtungen wunderschön.

Die Stadtmauer verläuft weiter nach Norden und scheint auf ersten Blick sehr hoch. Jedoch kam der Rhein beim Extremhochwasser von 1926 bis fast eineinhalb Metern unter der Mauerkrone der Stadtmauer… Auf einer Informationstafel stand davon ein Foto. An der Rheinpromenade hatte ich schon einen Pegelstock gesehen mit daneben die Wasserhöhen im Laufe der letzten 150 Jahre: 1926 übertraf dabei alles, aber auch früher (1883 und 1920) und später (1995, wie viele von uns sich bestimmt noch erinnern werden) erreichte das Wasser extreme Höhen. Schwerer Eisgang bereitete nicht nur 1608, wie angegeben wurde am Mühlenturm, Probleme – es war auch sichtbar auf einem Bild aus 1929: auf dem aufgetürmten Berg Eis scheinen die Menschen schon ganz winzig…

Am nordöstlichen Punkt der Stadtmauer am Rondell zum Bären steht eine Statue aus Bronze, der Spanischer Offizier die vom deutschen Künstler Dieter von Levetzow 1989 kreiert worden ist. Auch hierzu gehört eine traurige Geschichte, die Sage vom Bärenwall. Im Krieg gegen die Niederländer hielten die Spanier 1598 auch die Festung Rees besetzt. Auf den Stadtmauern standen Tag und Nacht spanische Wachposten. Ein spanischer Hauptmann wollte die Furchtlosigkeit seiner Mannschaften prüfen. Dazu hüllte er sich in einem Bärenfell, wobei der Bärenkopf seinen Kopf und die Vorderbeine seine Arme bedeckten. In der Nacht ging er aufrecht und laut brummend über die Stadtmauer. Als die ersten Soldaten es sahen, warfen sie ihre Waffen weg und flüchteten davon. Es gab nur einen der Mut zeigte; er legte an, feuerte und der Bär stürzte zum Boden. Als sie später nachschauten fanden sie ihren toten Hauptmann im Bärenfell…

Rees verlor den grössten Teil ihrer Festungswerke 1945 bei den zerstörenden Bombenangriffen. Heutzutage haben sie Denkmalstatus – damit ist auch die Interesse der Bürger geweckt worden. Als man anfangs dieses Millenniums den Rheindeich nach Norden verlegte, entdeckte man durch Zufall die Fundamente des Verteidigungsdammes „Festung zum Bär“. Diese wurden sorgfältig restauriert. Das freigelegte Bauwerk aus früheren Jahrhunderten mit den Grasflächen zwischen den bröckligen Mauern scheint gut zu passen zu den geometrischen Formen vieler Kunstwerke im Skulpturenpark von heute!

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Rees: Blick auf die Überreste eines Verteidigungswerk aus dem 17. Jahrhundert das sich von der Stadtmauer nach Norden ausdehnte, wie es 2002 ausgegraben worden ist

Auf einer Informationstafel steht wie in verschiedenen Zeiten die Kasematten der Festung am Bär ausgebaut worden sind. Die ältesten Teile die am nächsten zur Stadtmauer liegen stammen aus dem späten Mittelalter (14.–15. Jahrhundert). Anfangs des 17. Jahrhunderts folgte die grösste Erweiterung mit der Schleuse und dem Hornwerk. Im 18. Jahrhundert ist das Ganze verstärkt worden. Dieser Verbindungsdamm bildete die Trennung zwischen den Festungsgraben die aus dem Rhein gefüllt wurde und dem Graben an der Landseite. Durch eine Schleuse mit einem Schiebemechanismus war es möglich um den Wasserpegel im ausseren und inneren Festungsgraben zu regulieren. Ausserdem schützte der mit Ton gefüllte und von Mauerpfeilern verstärkte Bär die Stadt gegen Hochwasser und Eisgang.

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Rees: auf einer Informationstafel wird ein Überblick gegeben des Verteidigungswerk an der nördlichen Stadtmauer und dessen Bau im Laufe der Jahrhunderte

Auch hier beim Festungsdamm steht ein Wachturm, wie es mehrere auf den Festungswerke erbaut sind. Es ist nicht richtig sichtbar dass dieser Turm nicht originell ist: im 19. Jahrhundert hat man den Turm abgerissen, aber 1983 wahrheitsgetreu wieder aufgebaut! An einer anderen Stelle bei den Stadtmauern in Rees steht auch solch ein Wachtürmchen: das ist 1480 bei den damaligen Erweiterung der Festung erbaut worden, aber 1945 schwer beschädigt worden. Erst 1992/1933 hat man es wieder neugestaltet nach Vorbild des Originals. Vom Wachturm beim Festungsdamm hat man einen Panoramablick über das nördliche Hinterland von Rees. In der Nähe des Wachturmes liegt ein gigantisch grosser Kugel aus Bronze, der die Sonne darstellt. Hier fängt der Planetenweg an, der 2004 zustande gekommen ist, initiiert von einigen Reeser Bürgern und finanziert mit Spenden. Der gesamte Weg ist 6 Kilometer lang und folgt dem Deich nach Nordosten, zum kleinen Ort Mehr, wo der Planet Pluto sich befindet. Unterwegs wird man informiert über die verschiedenen Planeten – die Tafeln sind auf Findlingen montiert worden die dadurch gut in die Landschaft einblenden. Etwas für ein nächstes Mal?

An der Nordseite der Stadtmauer liegt der Skulpturenpark. Dieser Park wurde Juli 2003 im Rahmen des ersten grenzüberschreitenden Projektes „Skulpturenpark Rees – St. Antonis“ in den Niederlanden eröffnet. Auf einer Fläche von 5.500 M2 werden sowohl abstrakte als konkrete Kunstwerke ausgestellt von deutschen und internationalen KünstlerInnen. Alle drei Jahre wechselt die Sammlung. Nur der Brunnen mit dem runddrehenden Kugel aus Granit der vom Anfang an in der Mitte des Skulpturengartens steht, hat dort eine feste Stelle gefunden.

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Rees: Blick nach Norden auf den 2003 gegründeten Skulpturenpark von der Stadtmauer

Im Skulpturenpark war eine Vielfalt an Kunstwerken zu sehen – die heutigen Sammlung bleibt dort bis 2023. Nicht alles gefiel mir in gleichem Masse, aber es gab recht genügend Schönes und Interessantes zu sehen. Zum Beispiel war die Installation „Sisyphus“ des aus Portugal stammenden Künstlers Ernesto Marques (*1975) vor allem von ihrer Position her anregend: gegen den Hang der alten Stadtmauer wo die Überreste des alten Verteidigungswerkes darauf anschliessen, war eine kleine Person aus Bronze beschäftigt um einen grossen Kugel aus hellem Sandstein über einer Platte gegen den Hang hinauf zu drücken. Anscheinend war er fast oben angelangt, aber wir kennen alle das Ende dieser Legende aus der griechischen Mythologie: als der Kugel fast oben ist, wird dieser wieder hinunterrollen und der Sisyphus kann aufs Neue anfangen… Diese „Sisyphusarbeit“ bekommt eine extra Dimension, denn oben am Hang ist der grossen Kugel aus Bronze sichtbar: die „Sonne“ als Ausgangspunkt für den Planetenweg… Eine weitere Skulptur ist vom niederländischen Bildhauer Leo Horbach (*1951): er arbeitet gern mit Marmor – der weiss oder hellgrau „marmoriert“ ist und abgebaut wird im norditalienischen Ort Laas um genau zu sein. In diesem Skulpturenpark wird seine Skulptur „Sirene“ ausgestellt, die er 2016 kreiert hat. Er sagt hierüber: „She makes me weak, but challenges my strength”. Auch gibt es zwei Kunstwerke aus Stahl und/oder Cortenstahl die sich auseinandersetzen mit Gesichtern und die beide 2020 an die Sammlung zugefügt worden sind. Die Künstlerin Annemarie Schott-Reintjes hat auf einer rechteckigen Metallplatte zwei Gesichter in kontrastierenden Farben wiedergegeben, die einander anschauen. Zusammen bilden diese seriös aussehenden Gesichter ein fröhlich lachendes dritte Gesicht. Der Titel „1+1=3“ seht aus wie eine witziger Rechenfehler, aber das ist es aus metaphorischer Sicht nicht! Das andere Kunstwerk mit Gesichtern vom deutschen Künstler Reimund Kasper (*1947), der meint dass „Miteinander“ entstanden ist durch das Observieren von Menschen in ihrem Lebensraum. Gerade durch den zunehmenden Arbeitsdruck und die schneller werdende Kommunikation entsteht ein grosses Bedürfnis nach menschlicher Nähe. Durch dieses Bild eines konkreten Gesichtes mit darin einem ausgeschnittenen, imaginären Gesicht wird dieses Bedürfnis betont. Durch die Schattenwirkung wird dies ebenfalls verstärkt.

An der Westseite der Altstadt von Rees liegt die „Bastei am Westring“, ein weiteres Verteidigungswerk das aus 1583 stammt und in den 1920er Jahren wiederentdeckt worden ist. An der Aussenseite sieht es aus wie ein Hügel aus Erde, aber die gemauerten Kasematten liegen unterirdisch. Heute ist an der Westseite ein Ehrenfriedhof angelegt worden wo deutsche Soldaten ruhen die während des Zweiten Weltkrieges in Rees und Umgebung gefallen sind. Ein grosses Holzkreuz markiert dieses Ort.

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Rees: Blick auf die Bastei am Westring die eingerichtet ist als Ehrenfriedhof für deutsche Soldaten die während des Zweiten Weltkrieges in Rees und Umgebung gefallen sind
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Rees: Blick auf die Schiessscharten der “Bastei am Westring” aus dem 16. Jahrhundert an der Westseite der Altstadt – die Kazematten können besichtigt werden

Eines der damaligen Stadttore ist das Rhinwicker Tor das zwischen 1344 und 1350 erbaut worden war als Teil der westlichen Festungsmauer an der Landseite. Auf dieser Weise konnte der Zugang zum Banndeich überwacht werden. Das Fundament dieses runden Tores ist restauriert worden: es ist frei zugänglich. Der aussere Umriss beträgt 11½ Meter und die Dicke der Mauer ist 2,3 Meter. Wegen der Zunahme des Verkehrs im 19. Jahrhundert wurde das Tor abgerissen.

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Rees: an der Westseite der Altstadt sind die Umrisse des Rhinwicker Tores aus dem 13. Jahrhundert im Strassenbild sichtbar gemacht

Als ich in Richtung des Rheins ging kam ich bei der südliche Stadtmauer, wo heutzutage die Ruine des „Weissen Turmes“ steht den man auf eigene Gefahr hochgehen kann. Die kleinen Stufen der Treppe sind tatsächlich schon ein wenig schmal und steigen schräg hinab… Der aus 1410 stammende Turm hiess ursprünglich der Wyskirchenturm. Im 17. und 18. Jahrhundert diente das damals weiss gemalte und hohe Gebäude als Stadtgefängnis. Jetzt ist die Aussicht auf den Froschteich schön und friedlich, aber auf einer Informationstafel steht auch ein Bild der angeblichen Schäden an die Stadtmauern verursacht von den Kriegshandlungen aus 1945.

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Rees: bei den südlichen Stadtmauern ist auch die Ruine des Weissen Turmes aus 1410 der heutzutage mit einer Treppe zugänglich ist
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Rees: auf einer Informationstafel bei den südlichen Stadtmauern steht auch ein Foto aus 1945 worauf die Kriegsschäden deutlich sichtbar sind

An der Südseite der Stadt liegt auf der etwa 8 Meter breiten Stadtmauer beim Weissen Turm ein alter jüdischer Friedhof: um 1700 verkaufte die Stadt Rees dazu der Jüdischen Gemeinde ein Grundstück auf der Stadtmauer um einen Friedhof an zu legen der standhalten würde gegen Hochwasser. Die Stelle dieses alten Friedhofes ist für das Rheinland einmalig. Die damaligen Vorschriften der Stadtbehörden beinhalteten dass Juden ausserhalb der Stadtmauern begraben werden sollten, aber dann würden diese Gräber weggespült werden bei Hochwasser. Es fand sich heraus dass Begraben auf der Stadtmauer die Anweisung der Stadt nicht verletzten… 1786 wurde der Friedhof erweitert. Um 1872 was der Friedhof voll und wurde ein zweiter Friedhof eingerichtet im nördlichen Teil der Stadt. Auf einer weissen Gedenktafel an der Stadtmauer wird hier noch hinzugefügt dass die Gräber sehr gelitten haben unter den Wettereinflüssen, aber bestimmt auch von den Kriegshandlungen in 1945. Ausserdem wurden viele Gräber zerstört während der Reichskristallnacht am 9. auf 10. November 1938. Unter an der Tafel steht:
Hier ruhen Reeser jüdischen Glaubens im Haus des Lebens und der Ewigkeit. Wir betrachten es als unsere Pflicht, diese Stätte im Zeichen unserer Verantwortung zu hüten – Stadt Rees 2016 – 5777
Ich konnte durch die Gitterstäben des Eingangstores schauen und sah dass auf einem Grabstein einige weisse Steine lagen – sie stachen hell ab gegen die niedrigen Sträucher. Ein Ort mit einer besonderen Atmosphäre…

Südlich der Festungsmauer liegt ein hügeliger Park mit einem grossen Teich, den Froschteich. Es ist nicht vorstellbar dass hier bis in den 1990er Jahren eine Käsefabrik gestanden hat. Als sie ihr Betrieb einstellte, möchte die Stadtverwaltung die Festungsmauer wieder in alten Glanz zurückbringen. Zusammen mit dem begeisterten Verkehrs- und Verschönerungsverein der in der Stadt schon viel verschönert hat, hat sie das alte und im Krieg schwerbeschädigte Wachtürmchen im Originalzustand zurückgebracht und auch den Park mit dem Teich angelegt.

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Rees: Blick von meinem Hotel auf den Froschteig, die Stadtmauer und auch den „Froschkönig“ im frühen Morgenlicht

Auch hier gibt es verschiedene Skulpturen. An der Ostseite des Teiches steht auf dem Rasen eine grosse Skulptur aus 2004, mit dem Titel Schattentanz I von Alfred Gockel (*1952). Hier werden Rhythmus, Tanz und Spannungsfeld zwischen Menschen dargestellt. Durch den Winkel worunter die zwei Figuren aus Cortenstahl stehen bekommt die Skulptur im Laufe des Tages eine stetig neue Ausstrahlung wegen der ändernden Schatten.

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Rees: im Park um den Froschteig steht die grosse Skulptur aus Cortenstahl „Schattentanz I“ des deutschen Künstlers Alfred Gockel (*1952)

Bei der Einrichtung des neuen Parks bekam der Künstler Dieter von Levetzow den Auftrag um eine Skulptur zu entwerfen – es wurde der Froschkönig, nach dem berühmten Märchen der Brüder Grimm. Da liegt also, in der Nähe des Teiches, in Bronze gegossen, ein übergrosser Frosch sehr zufrieden und stolz ausgestreckt – er stützt seinen Kopf auf der einen Vorderpfote, während er die andere Vorderpfote locker in seiner Seite ruhen lässt. Er ist sehr zufrieden, denn er hat den goldenen Ball den die Prinzessin beim Spielen in den Brunnen fallen lassen hatte, für ihr aufs Trockene geholt. Als Vorschuss auf seiner zukünftigen Rolle hat er schon eine kleine Krone auf dem Kopf: wenn die böse Bezauberung verbrochen wird, werde er die Prinzessin heiraten.

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Rees: im Park südlich der Festungsmauer liegt beim Teig die Statue aus Bronze „Froschkönig“ des deutschen Künstlers Dieter von Levetzow aus 1993 nach dem gleichnamigen Märchen der Brüder Grimm

Nach meinem Spaziergang am Samstag Abend war die Sicht auf den Rhein stimmungsvoll mit einem schönen Sonnenuntergang. Die Graupelschauer waren vorübergezogen.

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Rees: Blick von der Rheinpromenade stromabwärts auf den Rhein, den Aalschokker „Anita“ und die Rheinbrücke am Abend

Am nächsten Morgen waren auch die Wolken verschwunden und glitzerte der Rhein in viele Schattierungen Blau in der Sonne. Es was ziemlich kühl, aber es versprach ein schöner Tag zu werden. Ideal für eine Wanderung durch den Wald, die „Waldführung“.

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Rees: Blick von der Rheinpromenade stromabwärts auf den Rhein und die Rheinbrücke am frühen Morgen

Nach einem reichhaltigen Frühstück im Speisesaal mit Panoramasicht auf den Rhein machte ich mich auf dem Weg für die Waldführung im Nachbardorf Haldern, auf 6 Kilometer vom Hotel: ich nahm den Wagen, denn es war zu weit um zu Fuss zu gehen. Wir wurden um 9.30 Uhr erwartet an der Turmallee, einem kleinen Weg in einem Waldgebiet östlich des Dorfes Haldern. Auf dem Parkplatz hatten sich schon einige Interessierte versammelt, Niederländer und auch Deutschen. Der Parkplatz gehörte eigentlich dem deutschen Ehrenfriedhof Haldern. Ich ging mal hinüber. Auf einer grossen Informationstafel beim Eingang zu diesem Ehrenfriedhof stand dass hier 871 gefallene deutsche Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg liegen, wovon bis auf heute 347 nicht identifiziert sind. Es sind hauptsächlich Soldaten die in September 1944 nach den alliierten Luftlandeoperationen um Nijmegen gefallen waren, aber auch bei dem grossen Offensiv in Februar 1945 und der Überquerung des Rheins einen Monat später. Die Toten wurden zuerst in provisorischen Gräber gelegt auf einem bestehenden Friedhof und Später auf Sportfeldern… 1946 wurde ein Grundstück von einem Mitbewohner des Dorfes um sonst zu Verfügung gestellt, wo die Toten wiederbestattet werden konnten. U.a. die Abteilung Nordrhein-Westfalen der Organisation für deutsche Kriegsgräber, der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, hat ab März 1946 die Erweiterung des Friedhofes auf sich genommen. 1948 waren die definitiven Pläne fertig. Feldgräber in den umliegenden Orten wurden geräumt und die deutschen Soldaten übergeführt nach Haldern. Die Gefallenen an alliierter Seite die dort auch gelegen hatten, wurden übergebracht nach alliierten Friedhöfen anderswo. Um diese Räumungen zu ermöglichen hatten die deutschen Behörden im Herbst 1946 eine Einsammlung organisiert unter der örtlichen Bevölkerung, die viel Geld einbrachte. Auf dieser Weise wurde überzeugend bewiesen dass die Bevölkerung des Gebiets die vom Krieg und von seinen Folgen schwer betroffen war, doch bereit war ihre Toten einen würdigen letzten Ruheplatz zu geben. Am 29. Oktober 1950 wurde der Ehrenfriedhof feierlich eröffnet. 1961/1962 sind die hölzernen Kreuze die zuerst bei den Gräbern gestanden hatten, ersetzt worden von witterungsbeständigen steinernen Kreuzen. Der Friedhof ist heutzutage denkmalgeschützt. Das frühe Morgenlicht fiel auf den breiten Grasstreifen mit den in Reihen aufgestellten kleinen Grabsteinen. Es herrschte eine Ruhe die schon nachdenklich stimmt…

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Haldern: auf dem deutschen Ehrenfriedhof aus dem Zweiten Weltkrieg fällt das Morgenlicht auf die steinernen Kreuze mit im Hintergrund den Buchen im Frühlingskleid

Eine mehr als lebensgrosse Pieta aus Bronze steht auf einem steinernen Plateau an der Ostseite des grossen Friedhofes. Die Statue ist kreiert worden vom deutschen Bildhauer Lorenz Zilken (1901–1991). Die Informationstafel beim Eingang vermeldet über dieses Kunstwerk, dass es eine besondere Vorstellung von Totenehrung ist: auf dem scharfen Gesicht der Frau ist der Schmerz ab zu lesen und ihr Körper neigt sich in Trauer. Mit ihren Armen versucht sie den Körper des Gefallenen zu halten, aber er droht ihrem Griff zu entgleiten. Mit einer unsagbar zärtlichen Gebärde hält sie den Kopf des Toten. Der Schmerz der hier dargestellt wird ist ein Ruf und eine Warnung um nie wieder solch ein Leid geschehen zu lassen und um sich mit allen Kräften ein zu setzten für ein friedlicheres Zusammenleben von Menschen. Wie die Statue da stand, gegen den Hintergrund von mächtigen Buchen die schon zartgrüne Blätter hatten und wodurch die Morgensonne schien, war dieser Aufruf nach Frieden wirklich spürbar…

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Haldern: auf dem deutschen Ehrenfriedhof aus dem Zweiten Weltkrieg steht eine beeindruckende „Pieta“ aus Bronze des deutschen Bildhauers Lorenz Zilken (1901-1991)

Ich kehrte zurück zum Parkplatz wo sich mittlerweile eine noch grössere Gruppe Menschen versammelt hatte. Die Niederländer fanden es ganz okay dass Stef seine Waldführung auf Deutsch halten würde. Stef gab uns Anschauungsunterricht mit einer Art „Tableau vivant“ über die verschiedenen Wachsstadien der Rotbuche (Fagus sylvatica): die jungen Trieben und die gerade entkeimten Früchte passten am besten zu dieser Jahreszeit und nicht die leeren Fruchtstände und die dürren Blätter an den Zweigen! Wir machten uns auf dem Weg, zuerst über die Teerstrasse. Obwohl es noch früh im Frühling war und es bis auf heute ziemlich kalt gewesen war, blühten in den Wegrändern jedoch schon einige Pflanzen: ich sah gelbes Scharbockkraut und ein niedriges, kriegendes Gebüsch von (roten?) Johannisbeeren – vermutlich der Effekt von beeren-essenden Vögeln! – mit blassgrünen Blümchen. Auch gab es (Einjähriges) Silberblatt oder Judassilberling (Lunaria annua) mit einer Wolke von hellvioletten Blümchen. Nichts an dieser Farbstellung lässt ahnen dass im Herbst die typischen mondförmigen und durchscheinenden silberfärbigen Innenseiten der Schötchen übrig bleiben – hieran verdankt die Pflanze ihrem Namen!

Wir fuhren los und es wurde nicht sosehr eine Wanderung wobei wir zügig weiterliefen, sondern eher ein „Happening“ wobei wir bei jedem Baum und an jeder Weggabelung anhielten um Stef‘s interessante Geschichten an zu hören. Es handelte sich nicht nur von Bäumen, sondern auch vom Entstehen dieses Gebietes, das heutzutage ziemlich stabil ist, mit dem Rhein südlich von Haldern und mit dem Boden festgelegt unter Gras, Wald und auch vielen Häusern. In der Landschaft war jedoch noch vieles zu sehen von wie es ganz früher ausgesehen hatte. An Hand grosser versiegelten Blätter die er aus seinem Rucksack holte, skizzierte er ein Bild der Situation von der Römischen Zeit an und des sich stetig ändernden Flusses. Nordwestlich von Haldern sind die alten Flussbette noch immer sichtbar als Senken in der Landschaft und in der Vegetation an solchen Stellen. Auch sind Sanddünen entstanden in der Zeit dass der Sand, der vom Fluss mitgeführt worden war, uneingeschränkt vom Wind weggeblasen konnte werden. Diese Sanddünen sollten wir später sehen.

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Haldern: westlich des Waldgebietes der Turmallee liegt eine Wiesenlandschaft wo die ehemaligen Flussbette des Rheins noch sichtbar sind

Demnächst gingen wir in den Wald. In der Einladung zu diesem „Wald-Spaziergang“ war schon den Schleier ein wenig gelüftet worden vom Blickfeld unserer Wanderung: Bäume und Menschen teilen mehr als 25% ihres genetischen Material und das sollte von grosser Bedeutung sein für das was wir wissen über Bäume und ihre Umgebung. Ausserdem kommunizieren Bäume über den „Wood-Wide-Web“, eine Art von unterirdischem Internet, wodurch sie nicht nur in der Lage sind um Mitteilungen zu vermitteln, sondern auch Nähr- und Abwehrstoffe weiter zu leiten um einander zu helfen. Als Stef das sagte, reagierten wir alle etwas kichernd – wir dachten zweifelsohne etwas wie „Könnest Du mal den Zucker weiterreichen, bitte?“… Man braucht aber nicht zu kichern – und es ist eben auch nicht gerecht. Das Bestehen dieses Wood-Wide-Webs ist wissenschaftlich bewiesen worden. Auf unserem eigenen Internet gibt es darüber ziemlich viele Informationen, wie ein interessantes Video! Bäume sind angeblich in der Lage um mit einander zu „kommunizieren“ über die unendlich langen Drahte von kleinen Pilzen die grundsätzlich Bäume (und andere Pflanzen) über die ganze Welt mit einander verbinden. Das Prinzip beruht auf Gegenseitigkeit zwischen den Bäumen unter einander, aber auch zu den Pilzen: diese verlangen schon eine „Provision“ in Form von Nahrung für sich selbst… Dass das Ganze mit einander zusammenhängt in der grossen Aussenwelt wissen wir schon, aber was dies angeht gibt es schon einen Denkanstoss! Im kleinen Bereich konnten wir die Kommunikation auch wohl sehen in jenem kleinen Waldstück beim kleinen Ort Haldern. Wir schauten nach oben, zu den heute noch kahlen, aber mächtigen Kronen der Buchen und dann wieder zum Boden wo kleine Keimlinge entsprossen waren und wo schon etwas grössere Bäumchen standen. Es war eigentlich gar nicht möglich dass dieses „Kleinzeug“ selbständig überleben könnte gegen die Konkurrenz der grossen Bäume. Die Erklärung war dass hier nicht sosehr ein Buchenwald wuchs, sondern tatsächlich eine Buchen-Grossfamilie, bestehend aus vielen Generationen. Jene mächtigen Bäume schützen das was darunter wächst und versorgen die kleineren Bäumchen mit Nahrungsstoffen, bis die Zeit gekommen ist dass diese mächtigen Bäume herunterfallen und die nächste Generation die Gelegenheit bekommt um ihren Platz in der Familie ein zu nehmen und ihrerseits wieder die jüngeren und verletzlichen Familienmitglieder zu betreuen… Der „circle of life“ hat also viele Gesichter! Wie Stef schon gesagt hatte: auf dieser Weise werden wir nächstes Mal den Wald mit anderen Augen betrachten!

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Haldern: Blick nach oben während der “Waldführung“, wo die Kronen der mächtigen Bäume im Buchenwald abstechen gegen den blauen Frühlingshimmel

Weiter im Wald wurde erneut klar weshalb der Rucksack von Stef so schwer war: er holte eine dicke Scheibe Buchenholz in Form eines Wedges hervor um uns die Jahrringe zu zeigen. Auch holte er dazu noch für jeden Teilnehmer ein kurzes Stück Birkenholz heraus. Als wir alle solch ein Stück Holz bekommen hatten sollten wir darauf blasen. Es geschah nicht viel. Schliesslich ging Stef herum mit einem Seifenspender (auch aus seinem Rucksack!) und spritzte ein wenig Spülmittel am Ende des Holzes. Wir bliesen abermals auf dem Holzstückchen und da entstand eine grössere oder kleinere Mass mit winzigen Seifenblasen! Zweck dieser Aktion war um zu zeigen wie der Aufstieg von Wasser mit Nährstoffen in einem Baum funktioniert: nämlich durch die kleinen „Röhrchen“ im Holz. Wir fühlten uns wieder mal wie junge Kinder: der Wald ist doch wie ein grosses Abenteuer!

Nach einem Spaziergang von ungefähr eineinhalb Stunden erreichten wir wieder den Parkplatz wo wir aufgewartet wurden von Edith mit Thermosflaschen „Waldtee“, der wärmend war und auch überraschend würzig und süss schmeckte durch u.a. Brombeerenblatt und Kiefernadel. Nachdem wir unserem Waldführer einen finanziellen Beitrag überreicht hatten „als Dank für das angenehme Verweilen“ gingen die meisten Leute aus der Gruppe wieder weg. Ich wurde jedoch zum Mittagessen eingeladen. Dazu fuhren wir mit den Autos hinter Stef über kleine Waldwege, zuerst zu einem grossen Bauernhof. Dort möchte Stef uns noch einen guten Beispiel von Sanddünen zeigen. Solche Dünen waren wir während der Wanderung auch mal begegnet: diese Sandrücken sind vor langer Zeit entstanden durch die Einwirkung des Windes auf die kahle Landschaft mit dem vom Fluss hinterlassenen Sand. Die Sicht auf die Dünenreihe beim Bauernhof war schon beeindruckend, eben wenn sie heutzutage zugewachsen ist mit grossen, dicken Buchen. Ich dachte unbewusst zurück an die unterirdische Kommunikation zwischen jenen Bäumen… Weil die Bäume noch keine Blätter hatten, waren die Umrisse der Dünen sehr gut sichtbar! Es gab einen geraden Übergang vom bewaldeten Hügel zur grünen Wiese.

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Zwischen Haldern und Sonsfeld: südöstlich des Waldes bei der Turmallee sind die, heutzutage mit dicken Buchen zugewachsenen, Sanddünen deutlich sichtbar

Bei diesem Bauernhof standen die Kühe im Stall – sie schauten uns neugierig an, während sie ruhig wiederkauten. Es gab auch Jungvieh: diese Kälber sahen rührend aus. Ich glaube dass sie zur Limousin Rasse gehörten. Man konnte Kartoffeln und auch Honig kaufen: Geld sollte man in einem Behälter (Kasse des Vertrauens) hinterlassen – den Behälter sahen wir nicht, deshalb wurde das Geld einfach auf die Werkbank gelegt…! Stef erzählte dass auf dem Land dieses Bauern verschiedene Bodenarten vorkommen: ein nässerer tonartiger Teil und ein sandiger Teil der besonders geeignet ist für den Anbau von Spargeln. Der Hochstammobstgarten mit u.a. Birnenbäumen stand in voller Blüte. Eine kleine Oase von Ruhe!

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Zwischen Haldern und Sonsfeld: bei einem grossen Bauernhof stehen die Limousin-Kühe zufrieden im Stall

Nach einer kurzen Fahrt über die Teerstrasse errichten wir einen Campingplatz mit einem Restaurant „Strandhaus Sonsfeld“, wo wir zum Mitagessen erwartet wurden. Das war nicht nur gemütlich, sondern auch noch gut: auf der Karte standen viele Spargelgerichte! Die Spargel stammten vom… Bauernhof wo wir unseren Zwischenstopp gehalten hatten. Frischer war eigentlich nicht möglich. Ich wählte einen abenteuerlichen Salat: Spargel, Baumnüsse, Feta und Erdbeeren! Es war ganz frisch und speziell.

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Sonsfeld bei Haldern: ein besonderer Spargelsalat mit Erdbeeren und Baumnüssen beim Restaurant Strandhaus Sonsfeld

Der Strand wozu der Name des Restaurants verwies lag an einem alten Rheinarm, die „Haffensche Landwehr“ oder auch das „Hagener Meer“. Die meisten alten Flussarme in der Umgebung waren im Laufe der Zeit verlandet und zugewachsen, aber dieser bei Sonsfeld nicht. Der heutige Lauf des Rheins weiter nach Süden war nicht sichtbar, schon ragten ganz in der Ferne zwei winzige Punkte am Horizon auf: es waren die Türme des Doms von Xanten, in Luftlinie ungefähr 30 Kilometer nach Südosten. Die straff flatternden Fahnen zeigten dass es kräftige wehte – die Aussicht war schön.

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Sonsfeld bei Haldern: Blick von der Terrasse des Restaurants Standhaus Sonsfeld nach Südosten, in Richtung von Xanten

Wieder zurück in Rees ging ich noch mal durch die Stadt. In der Altstadt steht die römisch-katholische St. Mariä Himmelfahrtkirche. An dieser Stelle haben schon sehr lange Kirchen gestanden. Die erste Kirche was aus Holz und wurde um das Jahr 700 nach Chr. erbaut. Von 1021 bis 1040 baute man eine Kirche aus Stein. Als diese Kirche 1245 abbrannte, wurde sie wiederaufgebaut mit gotischen Elementen. Im Laufe der Jahrhunderte hat man hier und da schon Einiges angepasst, aber trotzdem was sie so baufällig geworden dass sie 1817 einstürzte. Dann wurde sie ersetzt von einer Kirche die nicht länger auf einer Achse von Ost nach West lag, sondern auf einer Achse von Nord nach Süd. Sie bekam auch das klassizistische Äussere das sie heute noch immer hat. Am 14. und am 16. Februar 1945 wurde die Kirche grösstenteils zerstört von schweren Bombenangriffen der Alliierten. Beim Wiederaufbau der von 1956 bis 1970 dauerte, hat man die klassizistische Form behalten. Das Eingangstor mit der Tür aus Bronze wurde 1970 hinzugefügt. In den 28 Feldern sind Ereignisse aus dem Leben Jesu dargestellt worden von Seiner Geburt bis zu Seinem Leiden und Sterben mit seiner Wiederauferstehung als Schluss. Die Türen sind kreiiert worden vom deutschen Entwerfer sakraler Kunst Ulrich Henn (1925–2014). Die Kirche war angeblich wieder restaurierungsbedürftig, denn es standen Bauzaune herum. Schon war das Denkmal für den mittlerweile seliggesprochen Priester Karl Leisner (1915–1945) zugänglich das an der Ostseite des Haupttores zur Kirche steht. Sein Brustbild aus Bronze steht gegen eine rechtwinkelige Platte aus Bronze. Der deutsche Künstler Jürgen Ebert (*1954) hat auch diese Skulptur kreiert. Der in Rees geborene Pater Leisner hat sich in seinem kurzen Leben kräftig gewehrt gegen das Hitler-Regime und das mit seinem Leben gezahlt: er ist in verschiedenen Konzentrationslagern, mit Inbegriff von Dachau, inhaftiert worden, wo er viele Entbehrungen erlitten hat die schlussendlich zu seinem Tod geführt haben, gerade nach Kriegsende. Er wird gesehen als Märtyrer und ist deshalb 1996 seliggesprochen worden.

Rees hat im Stadtzentrum auch eine reformierte Kirche, die erste als solche erbaute Kirche am rechten Rheinufer, in Gegensatz zu vielen anderen Kirchen die zuerst katholisch waren und bei der Reformation reformiert worden sind. Als die holländischen Truppen ringsum Rees stationiert waren wurde diese Kirche 1623–1624 erbaut nach Vorbild einer Kirche in der holländischen Stadt Deventer. Zuerst lag die Kirche verdeckt hinter den Häusern am Markt, weil man vom Weg die Kirche nicht sehen durfte. Erst als eines der Häuser gekauft werden konnte und abgerissen wurde, was die Kirche vom Markt her erreichbar. Deshalb liegt noch immer ein ruhiger Hofgarten vor der Kirche. Nach der Besetzung der französischen Truppen des französischen Königs Ludwig XIV fingen harte Zeiten an für die Reformierten: 1817 fusionierten die lutherische und die reformierte Kirchengemeinden um ihr Fortbestehen zu sichern. Der Zweiten Weltkrieg ist nicht unbemerkt an der Kirche vorbeigegangen. Erst 1949 hat man die Restaurierung angefangen die bis Oktober 1954 gedauert hatte. Heutzutage sieht die Kirche schön aus mit weiss verputzten Wänden und einem Zugangstor das imponierend ist wegen der geradlinigen hölzernen Türen mit darüber einer runden Umrahmung von Reliefs mit u.a. Todesköpfen mit gekreuzten Gebeinen…

Unterwegs wurde mir Einiges klar über die Wasserversorgung aus der Zeit bevor das öffentliche Wasserleitungsnetz ausgebaut wurden – vor 1929. Im Wasserbedarf wurde vorgesehen von Wasserpumpen und -brunnen. Ein Beispiel war der Brunnen bei der Rheinpromenade. Nach 1929 sind die meisten Wasserpumpen abgerissen worden. Trotzdem gibt es noch einige: u.a. eine schöne aus rotem Backstein gemauerte Pumpe am westlichen Teil des Marktes (der Marktbrunnen) und auch noch eine in der Dellstrasse, die vom Markt nach Norden führt. Als man 1986 diese Strasse neueinrichtete, fand man die alte Brunnenkammer wieder. Der Verkehrs- und Verschönerungsverein von Rees hat schliesslich mit Beiträgen aus der Bevölkerung die Wasserpumpe wieder in alten Glanz zurück bringen lassen.

Auf meinen Spaziergängen durch die Altstadt von Rees sah ich noch weitere Skulpturen aus Bronze, womit der öffentliche Raum ganz aufgeheitert wurde. Drei dieser Skulpturen sind kreiert worden vom deutschen Künstler Jurgen Ebert (*1954). Eine spielerische Szene wurde gebildet von zwei Burschen aus Bronze die einander helfen um über eine Mauer zu klettern: der eine der schon auf der Mauer sitzt zieht mit beiden Händen den anderen hoch der versucht gegen die Mauer hinauf zu kommen. Der Titel ist „Freundschaft verbindet“. Er hat das Schalkhafte der Situation treffend wiedergegeben! Eine andere Statue aus Bronze steht seit 2012 an der westlichen Seite der Rheinpromenade: dort sitzt ein junges Mädchen gemütlich auf einer Bank und liest ein Buch („Die Lesende“), aber trotzdem sieht es aus als ob sie die Umgebung genau beobachtet. Das gilt bestimmt auch für die Skulptur „Zeitungleser“ (oder „Sich Zeit nehmen“), der seit 2006 weiter weg auch auf einer Bank sitzt, aber nicht einmal tut als ob er liest: er schaut forschend um sich herum ob jemand mit ihm in Gespräch geraten möchte. Neben ihm ist nämlich noch Platz auf der Bank! Eine schon ältere Skulptur aus Bronze ist 1987 kreiert worden vom deutschen Künstler Dieter von Levetzow (*1925): der „Rhinkieker“. Hier sieht man ein etwas freches Kerlchen in Arbeitskleidung und mit einer Mütze auf dem Kopf vorübergeneigt stehen auf einer Strassenecke und in die Strasse in Richtung des Rheins hinunter schauen. Er hat ein schräges Lächeln auf seinem Gesicht. Diese Skulptur ist den Einwohner von Rees gewidmet, die täglich an der Wasserkante stehend das Geschehen auf dem Fluss beobachten und das Leben in der Stadt kritisch besprechen…

Viele (alte) Gebäude sind gebaut worden in Backstein. Trotzdem stehen an zwei Stellen in Rees Natursteine aufgestellt: der eine an der Rheinpromenade und der andere am Markt beim Rathaus. Der eine ist ein grosser Findling aus Tertiär-Quarzit, ein zusammengepresster Sandstein aus der Zeit lange vor den Eiszeiten. Auf einem Informationsschild wurde angegeben dass dieser Findling möglicherweise stammt aus dem Gebiet um Köln und Düsseldorf und dass dieser Felsbrocken während der Eiszeit von den Gletschern in einer dicken Eisschicht mitgeführt worden ist. Am Markt in Rees ist 1991 von deutschen Künstler Christoph Wilmsen-Weigmann (*1956) ein Kunstwerk realisiert worden, wobei er aus einem Granitblock einen Brunnen gemacht hat mit neun Öffnungen: eine für jede Siedlung um Rees. Das Wasser fliesst danach in einer schlängelnden Rinne, die den Rhein darstellt. Er hatte das Kunstwerk “Erdkruste Rees” genannt. Dazu ist der bearbeitete Felsbrocken von 21 Gewichtstonnen, der 3.6 mal 2.6 Meter gross und 1,1 Meter hoch ist, den ganze Weg von Sardinien nach Rees verfrachtet worden. Es unterbricht den grossen Raum des Marktplatzes auf angenehmer Weise, vor allem weil die Farben abweichend sind und hoch ist!

Ich hatte schon früher ein grosses Fahrgastschiff gesehen das am Kai bei der Rheinpromenade lag, in der Nähe des Hotels. Der Fahrplan zeigte dass am Sonntag ausser einer kurzen Rundfahrt bei Rees auch eine Hin- und Rückfahrt nach Emmerich angeboten wurde: die Abfahrt sollte dann um 16.30 Uhr sein – unter der Voraussetzung dass es mindestens 30 Personen mitfuhren. Ich wartete deshalb geduldig bis MS „Germania“ zurückkehrte von seiner Runde um Rees. Leider gab es schlussendlich zu wenig Passagiere und fand die Fahrt nicht statt… Ich habe mich trotzdem an Bord und am Oberdeck umgesehen.

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Rees: Blick auf MS „Germania“ das vom Westen her stromaufwärts zum Anlegesteg bei der Rheinpromenade fährt

Vom Schiff das also nicht auslief hatte ich einen schönen Blick auf Hotel Rheinpark das mir gut gefallen hatte und auch auf das farbenfrohe Kunstwerk „Wind-Spiel“ aus 2003 mit den Blütenblättern (oder sind es doch stilisierte Hände?) der deutschen Künstlerin rosalie (Pseudonym für Gudrun Müller, 1953–2017). Das kommt hier gut zurecht: die farbigen Flächen die nur von Windkraft bewogen werden, bilden einen Willkommensgruss an vorbeifahrende Schiffe und an Gäste und Einwohner am Ufer. Die Künstlerin hat hiermit den ZuschauerInnen „Poesie, Farbe, gute Laune und konstruktive Motivation“ vermitteln wollen. Das strahlt für mich diese Stadt auch aus, deshalb habe ich mich bestimmt vorgenommen hier mal wieder zu kommen auf meinen Touren entlang dem Rhein!

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Rees: Blick vom Rhein auf die Rheinpromenade, Hotel Rheinpark und das Kunstwerk „Wind-Spiel“ der deutschen Künstlerin rosalie (1953-2017)

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