Voor het blog in het Nederlands a.u.b. hier klikken!
For the blog in English please click here!

Um die Karte zu vergrössern klicken Sie bitte auf das Kästchen in der linken oberen Ecke. Die grössere Karte wird in einem neuen Fenster geöffnet.


Den 22. Juli 2018

Rätoromanisch in der Praxis….

Gestern am Nachmittag bin ich in Scuol angekommen nach einer Übernachtung in Frankfurt am Main. Im Gepäck waren auch die Schulbücher für den Kurs Rumantsch der Morgen, Montag den 23. Juli, anfängt. Aber zuerst noch einen freien Tag: und Zeit für eine Wanderung die mir hilft um mich an zu passen an den 1½ Kilometer mehr Luft auf meinen Schultern. Deshalb ging ich mit dem Postauto nach Ramosch und von dort mit dem Minibus nach Vnà.

Von Vnà aus kann man in anderthalb Stunden zu einem gemütlichen Bergrestaurant wandern, Hof Zuort, das auch noch eine Niederländische Note hat: der berühmte Dirigent Willem Mengelberg kam hier gerne und öfters. Diese Wanderung mache ich selber häufig – sie gefällt mir gut.

Vnà ist ein kleines Dorf das seine Eigenheit richtig behalten hat und wo auch auf vielen Haus- und Stallwände Schilder mit Verben auf rumantsch befestigt sind. Welch eine gute Übung für Morgen! Hier folgt ein kleiner Überblick:

Das Wetter war beim Anfang der Wanderung noch nicht so schön – es hat gestern den ganzen Tag geregnet. Das war schon „breaking news“, denn in den vergangenen Wochen hat es ja kein Tropfen Regen gegeben! Dieser Regen setzte schon das Grüne in Gang, und es gab auch witzige Details, wie aktive Weinbergschnecken und Wassertropfen an Grashalmen.

Beim Verlassen des Dorfes fiel mein Blick auf etwas Blaues: drei „Schwindel-Schafe“ standen bei einem authentischen Stall… Könnte es sein dass sie etwa zu viele Enziane gegessen haben oder sind sie doch gefärbt worden mit der RAL-Farbe Enzianblau?

20180722_095907

Vnà: haben diese Schafe etwa zuviel Enziane gegessen…?

Einmal ausserhalb des Dorfes lief ich über einen breiten Weg ins Tal. Entlang dem Weg stand ein geräumiger Stall, der jetzt leer war, aber durch die Spalten zwischen den Brettern sah ich dass es noch Stroh und Heu gab. Mehrmals standen Wegweiser nach Hof Zuort. Andere Wegweiser gaben die Richtung ins Val Sinestra an, u. A. über eine Hängebrücke – das ist für ein anderes Mal!

Unterwegs begegnete ich viele interessante geologische Aspekte: Bächlein die zusammen strömten und wovon das eine rotbräunliches Wasser hatte und das andere normales heiteres Wasser: der Unterschied zwischen eisenhaltigem und normalem Wasser!

Weiter in die Richtung von Hof Zuort ist die Erosion deutlich sichtbar: eine scharfe horizontale Linie zwischen dem noch zugewachsenen Talboden und einem Steilhang mit Geröll der durchschnitten wird von tiefen hinunterlaufenden Rillen. Im Winter sind sie noch besser sichtbar.

Auch eine Besonderheit sind die Erdpyramiden in der Nähe von Hof Zuort. Ein Erdpyramide ist das ultimative Effekt der Erosion. Durch diese Erosion verwittert das zarte Gestein. Liege ein hartes Stück Stein an der Oberfläche, dann formiert dieser Stein eine Art von „Hut“ wo herum das zarte Gestein im Laufe der viele , viele Jahrhunderten weiter verwittert. Dies führt zu turmhohe steinerne Pfeiler. Hier bei Hof Zuort kommen sie vor, aber auch in der ganzen Welt (und in der Schweiz, u.a. im Kanton Wallis). Auch sind sie ist im Winter besser sichtbar als im Sommer.

20170303_141022

Vnà: beim Hof Zuort sind sogenannte Erdpyramiden sichtbar (im Winter)

Diese Erdpyramiden sollten unterschieden werden von den sog. „Steinmännchen“, die von Wandern in allen Zeiten entlang dem Weg, im Flussbett oder auf Passübergängen hergestellt werden, wobei immer wieder einen Stein am Haufen hinzugefügt wird – wie ein Ritual oder ein Wegweiser. Diese „Steinmännchen“ können grosse Höhen und Dimensionen erreichen – manchmal sind sie klein und bescheiden wie dieses „Steinmännchen” auf einem abgesägten Baum: hier habe ich es nicht gewagt um einen Stein hinzu zu fügen vor Angst dass der fragile Haufen einstürzte…

20180722_123844

Vnà: auf dem Weg zu Hof Zuort ein mit Recht kleines “Steinmännchen”

Endlich kam nach anderthalb Stunden Hof Zuort in Sicht. Das Hauptgebäude liegt in einer idyllischen Umgebung und ist ganzjährig geöffnet. Es war früher auch ein Grenzpost zwischen der Schweiz und Österreich – davon zeugt der Schild über der Eingangstür.

Drinnen in der „guten Stube“, der „Stüva“ sieht es richtig aus wie in einem Engadiner Haus von damals: ein mit Holz abgedecktes Kamin und ein Büffet mit Holzschnitzerei für das schöne Geschirr. Ich wählte von der Speisekarte die „Knödelsuppe mit Käse“, auf Romanisch „Schoppa de canedals da chaschöl“. „Chaschöl“ ist ein der Wörter auf Romanisch das man nicht zurückführen kann auf etwas bekanntes auf Lateinisch oder Französisch…, ebenso wie „ün majöl“ für ein Glas… Das macht, meiner Meinung nach, eine Sprache interessant!

Nachher stieg ich noch ein wenig höher um die kleine Kapelle von Willem Mengelberg zu besichtigen. Willem Mengelberg, geboren 1871 in Utrecht und gestorben 1951 in Zuort, war ein berühmter Dirigent des Concertgebouworkest Amsterdam und wurde in den Jahren vor dem Ausbrechen des Zweiten Weltkrieges sehr bewundert, auch wegen seinen Kontakte mit Gustav Mahler: dadurch hat das Concertgebouworkest eine geprägte Mahler-Tradition. Durch seine Wahl um während der Deutschen Besatzung der Niederlande weiter zu dirigieren geriet er in Diskredit, weshalb er nicht länger im Dirigentenambt beim Concertgebouworkest verbleiben konnte. Er starb in seiner Chasa Mengelberg in Zuort, gerade bevor sein sechsjäriges Amtsverbot um in den Niederlanden zu dirigieren aufgehoben werden sollte. Die Kapelle ist ein kleines Gebäude aus Holz, das Willem Mengelberg bauen liess aus Dankbarkeit dass sowohl die Schweiz als die Niederlande im Ersten Weltkrieg verschont geblieben sind von Elend und Kriegsgewalt. Es steht auch auf einer Tafel an der Mauer. Auch auf der Website von Hof Zuort sind viele Informationen über Willem Mengelberg und seinen Aufenthalt in Zuort geschrieben.

Weitergehend erreichte ich eine kleine, marode Bank. An einem Baum war auf einem Schild ein handgeschriebenes Gedicht von Giacomo Leopardi, ein Italienischer Aristokrat aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts (1798 – 1837). Sein Gedicht „L’Infinito“ („Das Unendliche“) ist international bekannt: auch hierbei spielen die Themen Unendlichkeit, Angst für den Tod und Melancholie eine zentrale Rolle. Von jenem Punkt aus war die Aussicht nicht ganz unendlich der Nebelfaden wegen, aber die Ruhe war da. Auch der Blick auf die Chasa Mengelberg, mit ihrer Vergangenheit ist ergreifend: neben Musikalität braucht man angeblich doch auch noch andere Gaben…

Auf dem Hin- und Zurückweg sah ich doch noch viele blühende Blumen, und auch noch Schmetterlinge, wie das Sumpfhornklee-Widderchen, eine der vielen Arten von Widderchen. Irgendwo im Schatten blühten eine Alpenakelei und auch noch der rosablühende Mücken-Händelwurz (Gymnadenia conopsea) und, wie es aussah, das Rundblättrige Wintergrün (Pyrola rotundifolia). Es war auch hier wieder ein Fest der Farben.

Wieder zurück in Vnà nam ich einen anderen Weg durchs Dorf als den zur Bushaltestelle: es gibt keinen Minibus nach Ramosch um 14.00 Uhr. Ich passierte alte Häuser im Engadiner Baustil, mit schönen Wandmalereien und sgraffiti. Viele Häuser haben bedeutungsvolle Sprüche auf den Wänden von zierlichen Dekorationen umgeben. Der Engadiner Baustil wird gekennzeichnet von den dicken Mauern aus Stein die mit sgraffiti versehen sind, den tiefliegenden Fenster, dem Erker und den beiden Zugangstoren in das Arbeitsraum (sulèr) und den Stall an der Stirnseite des Hauses. Es ist ein dreistöckiges Wohn-Stallgebäude. In Vnà wird viel Aufmerksamkeit betrachtet zum Instandhalten des ursprünglichen Baustils, obwohl es auch Möglichkeiten gibt zu Erneuerung. Oft wird die Renovierung vom Kanton Graubünden subventioniert. Deshalb gibt es vor allem im Unterengadin glücklicherweise noch viele authentische Dorfansichten.

Die Wanderung bergab von Vnà nach Ramosch zu Fuss dauerte weniger als eine Stunde. Halbwegs passiert man die Ruine einer Burg aus dem 13. Jahrhundert: Schloss Tschanüff. Auf einer Informationstafel wird in zwei Sprachen (Deutsch und Englisch) einiges geschrieben über Ramosch und die Geschichte der Burg. Auf der Tafel war ein Aufkleber mit der kernigen Frage, warum der Text nicht auch auf Romanisch war: „per rumantsch?“.

Das Postauto führte mich von Ramosch rasch nach Scuol zurück, wo ich mich vorbereiten konnte auf eine Woche Studieren mit der Frage: „per rumantsch?“. Es ist schön um hier wieder zurück zu sein.