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Zu Euer Information: auf der Seite Der Rhein als Nordgrenze (“Limes“) des Römischen Reichs steht eine kurze Erklärung über den Umfang des Römischen Reichs anfangs unserer Zeitrechnung, über den Rhein als Nordgrenze, den „Limes“, jenes Reichs und die damals angelegte „Limes-Strasse“. Auch wird dort der niederländische Fernwanderweg „Romeinse Limespad“ (Römischer Limesweg) beschrieben, der der Basis dieses Reiseberichts ist. Dieser Wanderweg mit einer Gesamtlänge von 275 Kilometern von Katwijk aan Zee an der Nordseeküste nach Berg en Dal an der Grenze zu Deutschland, also entlang der Nordgrenze des Römischen Reichs, die hier gebildet wird vom Rhein, wie dieser Fluss ursprünglich floss: der Niederrhein bis Wijk bij Duurstede, der „Kromme Rijn“ bis Utrecht und der „Oude Rijn“ nach Katwijk aan Zee.


Den 13. November 2022

Wie die Römer lebten in Meinerswijk und in Elst um 100 nach Chr.

Es gab zwei Anlässe um den letzten Teil der Etappe 14 und den ersten Tel der Etappe 15 des Fernwanderweges Römischer Limesweg noch einmal zu wandern: im Rahmen der niederländischen „Woche der Geschichte“ (und deshalb auch die Geschichte von Arnhem) wurde am 16. Oktober ein Happening organisiert im Römischen Garten (Hortus romanicus) in Arnhem-Süd, und auch sollten am 13 November, also heute, Führungen organisiert werden in den Katakomben der Werenfriduskerk Kirche in Elst (Gld.): dort liegen die Fundamente des grössten Römischen Tempelkomplexes nördlich der Alpen! An beiden Tagen war das Wetter wunderschön – das Wandern an diesen Tagen habe ich sehr genossen.

Die Führungen in der Kirche in Elst waren leider ausgebucht, aber ich bin trotzdem heute aufs Geratewohl die Etappe gewandert: um halb zehn überquerte ich mit der Nelson-Mandela-Brücke den Niederrhein: den Fluss der vor 2000 Jahren die Grenze des Römischen Reiches bildete! Es war ruhig und windstill – die John-Frost-Brücke, die ursprüngliche Brücke aus 1930 war deutlich zu sehen. Hier ruht ganz viel Geschichte – die zerstörende Schlacht um Arnhem am Ende des Zweiten Weltkrieges hat das Stadtbild für immer geändert… Der Fluss fliesst jedoch ruhig und ungerührt nach Westen – der Wasserpegel der letzten Sommer dramatisch niedrig gewesen war, hat sich ziemlich gut erholt.

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Arnhem: eine schöne Aussicht von der Nelson Mandela Brücke stromaufwärts über den Niederrhein

in den letzten Jahren bin ich mehrmals durch den Auenlandschaftspark Meinerswijk gewandert, wie ich es beschrieben habe: anfangs 2021 während meiner Wanderung entlang dem Römischen Limes – von Arnhem nach Bemmel, und später in jenem Jahr – von Arnhem-Süd zur Eisenbahnbrücke bei Oosterbeek. In jeder Jahreszeit ist das Gebiet interessant, aus Sicht der Geschichte (von der Zeit der Römer bis zur Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg) als auch der Natur. Am heiteren Sonntag heute lag der grosse südliche Teich, entstanden durch den Abbau von Tonerde, äusserst friedlich und blau da! Es gab noch nicht viele Leute, aber schon viele Gänze im Gras und Schwäne auf dem Wasser. Die Köpfe der Schwäne waren nicht sichtbar, denn sie waren beschäftigt mit Tauchen nach Futter im Wasser. Der Verkehrslärm war kaum hörbar.

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Arnhem-Süd: Blick nach Westen auf den südlichen See im Auenlandschaftspark Meinerswijk

Nicht lange nachdem ich über den schmalen Deich zwischen den zwei grossen Teichen gegangen war, erreichte ich das Castellum. In meinem ersten Reisebericht über diesen Teil von Etappe 14 schrieb ich hierüber:
Am Ende der 1970er Jahren hat man archäologische Forschungen durchgeführt nach eventuellen römischen Bauten. 1979 haben Archäologen Reste gefunden die man damals interpretierte als Castra Herculis, eine Festung oder Militärlager (castrum) von Hercules“. Hercules Magusanus war die romanisierte Version des Hauptgottes der Bataver. In der Vergangenheit sind mehrere mögliche Stellen vorgeschlagen worden für die Festung Castra Herculis, worunter Nijmegen en Elst. Nach Ausgrabungen des castellum bei Arnhem-Meinerswijk konkludierte man dass dies also jenes castrum gewesen sein sollte. Bis auf heute sind die Wissenschaftler sich noch nicht einig geworden… Wie auch immer – es ist ein beeindruckender Einblick in die Vergangenheit vor zwei Jahrtausenden!
Es ist schon das einzige römische Fort in der Provinz Gelderland dessen Bestehen – bis auf heute! – bewiesen worden ist.

Auf einer Informationstafel steht eine Artist Impression des Castellums – darauf lagen einige Herbstblätter (eines Weissdornes)…

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Arnhem-Süd: auf einer Informationstafel beim Castellum im Auenlandschaftspark Meinerswijk steht eine Artist Impression des Castellums

Die aus Gabionen aufgebauten Grundrisse des Castellums wirkten geradlinig im wilden Gras, wo normalerweise auch viele Konik-Pferde herumstreunen. Heute Morgen dagegen war ein grosser Teil der Herde an der Seite des Flusses: manche standen noch aufrecht, während andere im Grass lagen um aufzuwärmen in der Sonne.

Eine andere Gruppe halbwilder Huftiere in Meinerswijk besteht aus Galloway-Rinder: auch sie waren dieses Mal an der Westseite des Durchlasses der IJssellinie beim Drielsedijk Deich. Ich sah eines der Rinder in der Nähe stehen und hörte wie es konzentriert an einem Strauch knabberte. Ohne diese an die wilde Umgebung gewöhnte Tiere würde die Landschaft ganz zuwachsen. Sie kümmerten sich ebenfalls gar nicht um die Menschen um ihnen herum.

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Arnhem-Süd: im Auenlandschaftspark Meinerswijk ist auch eine grosse Herde mit Galloway Rindern – sie halten die Landschaft offen

Am 16. Oktober, am Römischen Nachmittag im Römischen Garten, wurde am Drielsedijk Deich schon angegeben wohin wir gehen sollten: an einem Rotanstock flatterte ein Banner mit dem Wappen der 10. Legion, Gemina: ein Stier in Gold auf einem roten Feld. Hatte vorher in Meinerswijk schon ein Pfeil gestanden der zum Castellum wies, hier hingen zwei temporäre Schilder am Wegeweiser der mit einem Arm nach Norden, nach Meinerswijk, und mit dem anderen nach Süden, nach Rom wies. Zu Fuss waren es nur 300 Meter, 10 Minuten, zum Castellum, aber der Weg nach Rom ist 1.565 Km lang. Römische Soldaten würden 63 Tage brauchen: sie wanderten mit Gepäck ungefähr 25 Kilometer pro Tag….

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Arnhem-Süd: beim Römischen Garten steht ein Wegweiser der nach Meinerswijk und nach Rom weist – 300M resp. 1.565Km (Bild vom 31. Januar 2021)

Die Sicht vom Drielsedijk Deich war schön: die Obstplantage des ehemaligen Bauernhofes Steenen Camer – mit Hochstammobstbäumen – lag am Fuss des Deiches in der Sonne, während das Banner der römischen Legion flatterte im Wind. Ein Blick nach Süden, zum Parkplatz und dem Garten, ergab ein etwas anachronistisches Bild: ein römischer Soldat in voller Kampfausrüstung lief zwischen den geparkten Autos!

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Arnhem-Süd: Blick vom Drielsedijk Deich nach Südwesten über die Obstplantage von „Steenen Camer“ mit auf der Vordergrund dem Banner der 10. Legion Gemina

Vom Parkplatz ging ich zum Römischen Garten. Der römische Krieger den ich auf dem Parkplatz gesehen hatte stand jetzt bei einem Stand wo Besucher das Schwertkämpfen lernen konnten. Es hingen Tuniken in verschiedenen Grössen an einem Gestell. Einige junge Kinder standen schon in ihren Tuniken parat in Erwartung vom „Unterricht“. Später sollte ich sie herumrennen sehen während ihrer „Kämpfe“ – eben auch durch den Römischen Garten…

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Arnhem-Süd: beim Römischen Garten war ein Zelt errichtet worden für Besucher die den Schwertkampf lernen möchten – unter Begleitung „richtiger“ Römischen Krieger

Die Idee um hier einen Römischen Garten an zu legen entstand anlässig der Entdeckungen über die römische Anwesenheit in dieser Gegend, vor allem über das Castellum in Meinerswijk. Im Anfang unserer Zeitrechnung hatte jedes römische Lager so einen Gemüsegarten. Dieser Römischen Garten ist 2015 gegründet worden von begeisterten Ehrenamtlichen die Mitglied sind des Biologischen Gartenbauvereins Elderveld, dessen Schrebergärten an der Ostseite des schmalen Zufahrtsweges liegen. Sie bekamen schon viel Unterstützung von Archäologen, denn gediegene Untersuchungen sollten stattfinden nach Gewächsen die damals in so einem Gemüsegarten gestanden hatten. Deshalb waren zum Beispiel Kartoffeln, Tomaten usw. fehl am Platz – diese wurden erst von Christoffel Columbus mitgebracht! Auf der Willkommenstafel steht eine farbenfrohe artist impression des Gartens, die ziemlich gut übereinstimmt mit der heutigen Situation.

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Arnhem-Süd: Schema mit der Einrichtung des Römischen Gartens im Stadtviertel Elderveld auf einer Infotafel beim Eingang

Während der Führung durch den Römischen Garten am 16. Oktober fiel mir auf dass es auch wegen des warmen Herbstes noch so viele schöne Gewächse gab. Die Anstrengungen der Ehrenamtlichen und die Tonerde hier in der Betuwe haben natürlich auch eine positive Auswirkung gehabt!

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Arnhem-Süd: Blick nach Norden über den Römischen Garten mit Publikum und noch vielen Gewächsen

Die Abtrennungen um den Römischen Garten sahen am 16. Oktober schon schön herbstlich aus: die Jungfernreben die entlang der Pergola beim Eingang wachsen trugen tiefviolette Beere und die Blätter hatten eine golden-rote Farbe. Das war heute immer noch der Fall. Der Garten war schon fast winterfertig!

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Arnhem-Süd: einige Wochen nach dem Römischen Nachmittag liegt der Römische Garten ruhig da mit schönen Herbstfarben

Während des Römischen Nachmittags war es vollbesetzt im Garten: im Kräutergarten um den mittlerweile leeren Brunnen wie im Gemüsegarten. Ehrenamtliche gingen herum, gekleidet in einem römischen Kostüm, und erzählten ganz begeistert über das Entstehen des Gartens und was dort wuchs. Und das war nicht nur Gemüse, sondern auch Blumen, mit oder ohne Heilkraft. Es gab viel Kohl in vielen Arten und Farben – die Römer liebten Kohl sehr und haben viele Kohlrassen nach dem Norden mitgebracht. Es wuchsen Pflanzen von Grünkohl (auch die violette Variante!), von Rosenkohl und auch einer mir ungekannten Kohlsorte: der Ewige Kohl (Brassica oleracea var. Ramosa), ein Blattkohl der in diesen Gegenden nicht blüht (dafür ist es zu kalt), sondern der sich vermehrt durch Ablegung. Einfach ein en Teil des Stangels abschneiden, in den Boden stecken und nach einigen Wochen hat man schon Blatt! Dieses Gewächs wurde bin ins 20. Jahrhundert angebaut als Viehfutter und als erste Frühlingsgemüse. Im Garten stand ein etwas unansehnliches Exemplar jenes Ewigen Kohls entlang dem Pfad, mit vielen Narben über die Länge des Stammes und ein wenig schiefgerutscht. So eine Pflanze kann wohl einen Alter von 40 Jahren erreichten – sie wird also ihrem Namen gerecht. Eine weitere Kohlsorte die gut wächst ist der Palmkohl oder auch Cavolo nero (Brassica oleracea var. palmifolia), der mehrere Meter hoch werden kann und durch das Abschneiden der untersten Blätter, während die Pflanze weiterwächst, die Form einer Palme bekommt. Später sollte ich ein Büschel dieser Blatter kaufen bei einem Stand!

Es wuchsen natürlich noch viel mehr Gemüsearten, wie die Artischocke (Cynara scolymus), die irgendwo in einer Ecke stand. Ich hatte im Sommer die wunderschönen violetten Blumen blühen gesehen, aber jetzt waren die verblüht zu grossen braunen Sternen, die dunkel abstachen gegen das noch helle, gefiederte Blatt. Im selben kleinen Acker war Wintergerste gesät worden – brav in Reihen. Der Ehrenamtliche erzählte dass sie zuerst die Körner einfach ausgestreut hatten, aber dass es dann gar nicht gut und gleichmässig aufgekommen war. Sie hatten schon die grosse Wermutpflanze in einem anderen Ecke stehen lassen: das Wermutkraut (Arthemisia absinthium) wurde bei den Griechen und den Römern verwendet als Heilpflanze und ist in geringen Mengen entzündungshemmend. Die Bitterstoffe sind die Grundlage für Wermut und Absinth. Die Gartenzwiebel (Allium cepa) die jetzt noch auf dem Land standen, hatten im Sommer geblüht. Die beeindruckenden kugelförmigen Blütenstände stand stolz auf ihren hohen Stängeln – sie waren mittlerweile auch braun verfärbt, aber die Struktur war immer noch schön. Manche waren von bemühten Gärtnern mit einem Pflasterstein abgestützt worden!

Die Römer tranken auch Bier: dazu bauten sie Gerste und auch Echten Hopfen (Humulus lupulus) an. Diese Kletterpflanze wuchs gegen die Pergola und hatte ausgiebig geblüht: nur die (weiblichen) Hopfendolden sind verwendbar. Nicht alle Blumen wurden geerntet. Das galt schon den Trauben die ebenfalls gegen die Pergola hochkletterten. Es war dieses Jahr ein gutes Erntejahr gewesen!

Nicht nur essbare Pflanzen wurden angebaut in einem Römischen Garten: es gab auch einen grossen Bedarf an Flachs (Linum usitatissimum) für die Herstellung von Kleidern. In diesem Römischen Garten war eine grosse Fläche reserviert worden für Blauflachs, aber es wuchs auch Rotflachs mit auffälligen Blumen. Es ging damals wahrscheinlich nur um die Fasern und nicht um die schönen Blumenfarben… Die Samen des Flachses, die Leinsamen, wurden natürlich auch genutzt, für das Öl.

Es wurden ebenfalls gute Beispiele gezeigt von Werkzeugen die in der römischen Zeit verwendet wurden um den Boden zu bearbeiten für den Bau, aber auch für die Landwirtschaft: auf einem der Tische beim Garten waren sie zur Schau gestellt. Es sind in England hergestellten Replikate von Originalwerkzeugen die beim Kops Plateau, gerade östlich von Nijmegen, aufgefunden worden sind: dort befand sich ab ungefähr 12 nach Chr. ein grosses römisches Kommandozentrum und später ein Auxiliarkastell. Man geht davon aus dass das Castellum von Meinerswijk auch mit solchen Werkzeugen erbaut worden sind. Es lagen eine Axt (auf Lateinisch eine Dolabra), einen Wiedehopf (ein Ligo) und einen Spaten (eine Pala).

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Arnhem-Süd: beim Römischen Garten werden Replikate römischer Werkzeuge zur Bodenbearbeitung zur Schau gestellt

Es war gemütlich voll bei den Ständen und im Garten und jeder genoss das schöne Wetter. Das war eine angenehme Beiläufigkeit: es hatte in den Tagen vorausgehend an diesem Römischen Nachmittag kräftig geregnet. Einer der Organisatoren war ganz rollenfest als Römer. Er erzählte strahlend dass er „während der ganzen Woche den Wettergöttern geopfert hatte“ und schau mal: das war nicht vergebens gewesen!

Bei einem der Stände für Heilkräuter war niemand: die Ehrenamtliche stand in der Kräuterabteilung des Römischen Gartens und erklärte mit Begeisterung die Anwendung und Heilkraft der verschiedenen Pflanzen die gut gepflegt in den Beeten standen. Sie erwähnte dass hier (glücklicherweise) keine richtige Giftpflanzen wuchsen…!

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Arnhem-Süd: im Römischen Garten steht während des Römischen Nachtmittags ein schön eingerichteter Stand mit Heilkräutern

Natürlich gab es auch leckere Sachen zum Essen: bei einem Stand lagen in einen Weidenkorb runde Brote ausgestellt, mit grossen Zweigen Lorbeer dazwischen. Aus einer grossen Gamelle wurden Becher gefüllt mit Suppe: für € 2,00 bekam man Römische Hühner-Gemüsesuppe. Die Einlagen waren Gemüse aus dem Römischen Garten wie Zwiebel, Kohl, Knoblauch und Kräuter. Die Suppe war gut und die Scheibe Brot dazu auch: das schmeckte nach Lorbeer, oder war es doch Rosmarin? Auf einen Schild stand dass die Römer Hühner in unsere Gegenden introduziert haben. Vorher werden die Menschen sich schon ernährt haben von wilden Wasservögel. Auch hier gab es wieder ein richtiges Anachronismus: man konnte sich nicht nur von Salz und Pfeffer bedienen, sondern auch von Maggi aus einer Flasche! Die Römer kannten schon ein ähnliches Kondiment, das sie herstellten aus fermentiertem Fisch, das Garum!

Im Stand daneben waren verschiedene Gemüse zur Schau gestellt, worunter kleine violette Knoblauchzwiebel: Römische Soldaten trugen immer einige Zwiebel bei sich, wegen der heilenden und verstärkenden Wirkung. Erst viel später sollten die Geschichten um den Knoblauch die Runde tun dass er den Teufel, Hexen und Vampire vertreiben würde… Auf einem Zettel wurde vermeldet welche Gartenkräuter die Römer (und früher schon die Griechen) vorzüglich verwendeten: Basilikum, Bohnenkraut, Majoran, Gartenkerbel, Kumin, Fenchel, Dille, Lorbeer. Rosmarin und Salbei waren vor allem Medizin. Senfkörner, feingestampft und verrieben mit Salz sollte beim Kauen helfen gegen Zahnweh… Die Römer waren verrückt nach scharfes Essen: deshalb wurde im Garten auch Schwarzer Winter-Rettich angebaut – dieses kohlartiges Gewächs mit der scharfschmeckenden Wurzelknolle hat dieses Jahr viel Erfolg gehabt! In einem Eimer vor dem Stand standen wunderschöne Blätter von Palmkohl und vielfärbigem Mangold. Ich gab nach zu einem Büschel Palmkohl!

Heute lag der Garten ganz in Ruhe im schönen Morgenlicht. Nur die Picknicktische standen noch bei der Obstplantage entlang der Zufahrtstrasse, dem Hannesstraatje. An der Südseite des Gartens hatte ich Sicht auf den Komposthaufen: dass jener Haufen fruchtbar war, zeigte sich schon an den enorm grossen Kohl der dort ausgiebig gewachsen war, mit Blättern die über den Rand des Beckens hingen! Das moderne hellblaue Netz dass über der eingesäten Gerste gespannt worden war, fluchte ein wenig mit dem Grün der Gewächse die daneben standen…

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Arnhem-Süd: Blick nach Westen auf den Römischen Garten mit einladenden Picknicktischen bei der Obstplantage
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Arnhem-Süd: Blick auf die Südseite des Römischen Gartens mit dem Komposthaufen worauf Vieles wächst!

Heute kehrte ich nicht heim, sondern ging ich weiter über die Route von Etappe 15, nach Elst. Also passierte ich an der Nordseite des Stadtviertels Elderveld: in der Ruhe dieses Sonntagmorgens fiel mir auf wie geräumig der grüne Band zwischen dem Drielsedijk Deich und der Überbauung entworfen ist: es gibt auch ein ganz breites Gewässer mit kleinen Brücken darüber. Manche Häuser haben kleine Anlegestege im Hintergarten, wo Ruderboote angebunden waren! Hier spürt man nicht viel von der gefürchteten „Steinigheit“ womit Neustadtviertel assoziiert werden.

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Arnhem-Süd: zwischen dem Drielsedijk Deich im Norden und dem Stadtviertel Elderveld liegt ein breiter Grünstreifen mit viel Wasser

Die Route war mir noch bekannt von letzten Mal: sie führt entlang Sportanlagen (es klangen begeisterte und vielstimmigen Anforderungen – aber für welche Seite?), entlang der Abwasserkläranlage und entlang dem Eisenbahndamm der Trasse Arnhem–Nijmegen. 2013 ist der Rad- und Fussgängertunnel unter der Eisenbahlinie angelegt worden. Die Wände des Tunnels sind bekleidet worden von Fliessen (wahrscheinlich um Graffiti zu verhindern, was ziemlich gut funktioniert hat). Das letzte Mal hatte ich die „Fliessentableaus“ oberhalb des Tunnels nicht gesehen, aber es waren witzige Vorstellungen: das eine einer Drache und das andere einer merkwürdigen Raupe die auf kleinen Fahrrädern fuhren wie Rowdies!

Der Weg von Etappe 15 des Römischen Limespfad verlief von der Eisenbahn nach Westen, entlang der Nordgrenze des Viertels Schuytgraaf, wo im Vergleich zu den letzten Mal, anfangs 2021, wieder viel dazu gebaut worden war. In den vergangenen Jahren sind während der Vorbereitungen schon viele Gegenstände aus der Zeit der Römer aufgefunden worden, wie ein Wettstein (aus dem 1.–2. Jahrhundert nach Chr.), die deutliche Gebrauchsspuren aufweist, und ein Fingerring aus Bronze mit einem eingeschlossenen und eingravierten Stück blauem Glas (aus dem 2.–3. Jahrhundert nach Chr.). Faszinierend dass diese Fundstücke dort während so vielen Jahre im Boden versteckt waren und die heute wieder so unversehrt heraus gekommen sind!

Die Äcker zwischen der ruhigen Achterstraat Strasse und dem Drielsedijk Deich lagen gradlinig gepflügt da und der Blick auf die Eisrandlage war schön. Die Bäume hatten schon richtige Herbstfarben – die Nadelbäume höher am Hang stachen dagegen sehr dunkelgrün ab. Ich konnte an einem markant weissen Haus unter am Hang sehen dass ich auf gleicher Höhe von Oosterbeek war!

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Arnhem-Süd: Blick nach Norden auf die Eisrandlage bei Oosterbeek von der Nordgrenze des Stadtviertels Schuytgraaf

Nach einem Spaziergang von ungefähr einer halben Stunden auf der Grenze zwischen den Häusern des Viertels Schuytgraaf und dem ländlichen Gebiet erreichte ich erneut einen Punkt wo die Römische Vergangenheit wieder sichtbar gemacht worden ist: ein Kunstwerk aus Cortenstahl steht en der Grote Molenstraat Strasse zwischen Driel und Elst (Gld.), die „Via Fluviale“, entworfen vom aus der Gegend stammenden Landschaftsarchitekten Harry Derks. Hierüber schrieb ich auch das letzte Mal:
Dort standen wie tableaux vivants zwei Ochse vor einem Wagen und zwei Soldaten mit Helm, Spehr und Schild aus tief-rostigem Cortenstahl. Es gab einen Graben (fossa) kreiert um diesen Figuren. Dieses Kunstwerk zeigt dass hier die Verbindungsstrasse zwischen den castella nach Süden abbog, nach Elst. 2005 ist die Trasse entdeckt worden: bei archäologischen Bohrungen wurde eine Kiesschicht im Tonboden gefunden in einem ungewöhnlichen, linienförmigen Muster. Als man weiter gegraben hatte kam eine Strassendecke zum Vorschein mit einer Breite von maximal 12 Metern und einer Dicke bis zu 60 Centimetern. Zwischen dem Kies wurden Scherben von römischer Keramik und Gewandnadeln gefunden, und auch Münzen, die vielleicht verloren worden sind von Soldaten, Händlern oder lokalen Batavern, deshalb wusste man dass es sich hier um einen römischen Weg handelte. Ausserdem bauten die Römer eine Trasse immer so gradlinig wie möglich aus, auf einer etwas höher in der Landschaft liegenden Flussablagerung. Daneben schlängelte sich an der Ostseite ein schiffbarer Wassergang. Deshalb ist beim Kunstwerk auch eine Anlegestelle für einen Kahn konstruiert worden.
Heute schaute ich zur Abbildung rundum den alten römischen Handelsweg mit seinen Gebrauchern und dem Ochsenkarren gegen den Hintergrund des modernen Teerweges mit vorbeisausenden (Elektro-)Wagen… Der Kahn sah vom Osten her schon etwas flach aus.

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Zwischen Driel und Elst (Gld.): Blick auf einen Ochsenwagen, Soldaten und einen Kahn im Kunstwerk „Via Fluviale“ von Harry Derks zur Erinnerung an den Römischen „Fernstrasse“ aus dem 1. Jahrhundert nach Chr. der hier gelaufen hat

Auf der Informationssäule stand auch eine gemalte Vorstellung einer gleichartigen Szene: der Kutscher des Ochsenkarrens, wovon nur die Seite und ein Rad sichtbar sind, ist in Gespräch mit einem Soldat mit Speer und Wappenschild, während ein Fischer Körbe einholt vom Steg am Ufer eines Flusses mit Sicht auf eine üppig-grüne und flache Landschaft. In der Ferne steht ein Wachturm. Auf dem Schild wird auch erklärt dass die Römer berühmt waren um ihren Strassenbau: die Via Appia aus 312 vor Chr. war die erste Strasse – diese verlief von Rom nach dem heutigen Brindisi an der Adriaküste. Schlussendlich war nach 700 Jahren ein Strassennetz von ungefähr 120.000Km entstanden, wovon der Weg worauf ich schaute ein Teil war!

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Zwischen Driel und Elst (Gld.): auf einer Informationstafel beim Kunstwerk „Via Fluviale“ über die wiederentdeckte Römische Fernstrasse steht eine grafische Wiedergabe der Nutzung solche eines Weges

Bis hier hatte ich immer um das Neubauviertel Schuytgraaf gewandert, aber auf einmal wurde ich von der durchgehenden Strasse ins Viertel geführt. Vorher passierte ich noch eine grosse Wasserpartie mit einem Waldrand und viel Schilfs. Als ich vor fast zwei Jahren auch hier war gab es noch eine Informationstafel mit Erklärungen über den „Primärwald“ der hier in der Anfangsphase war. In den zehn Jahren dass dieses Gebiet nicht länger genutzt wurde für den Abbau von Sand für das Viertel ist hier spontan ein neues Naturgebiet entstanden: in der Pionierphase dieses Primärwaldes wachsen hier nur Weiden und Schwarzerlen. In der Schlussphase wird der Wald bestehen aus Sommereichen, Ulmen und Eschen, aber das könnte wohl 100 bis 200 Jahre dauern. Auf der Infotafel wurde mit Begeisterung angeschrieben dass sollte man jetzt schon eine Eiche, eine Esche oder eine Ulme sehen die zwischen den Weiden wächst, man Zeuge ist eines wichtigen Schrittes in einem Prozess der hunderte von Jahren in Anspruch nehmen kann… Das Schild war mittlerweile verschwunden, aber der Wald war schön herbstlich gefärbt. Drei Blässhühner schwammen in Formation in die Richtung des Schilfgürtels.

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Arnhem-Süd: Blick auf den See mit Primärwald im Neubauviertel Schuytgraaf, entstanden nach Sandabbau

Von hier erreichte ich in einer Viertelstunde Park Lingezegen. Das letzte Mal habe ich darüber geschrieben:
Park Lingezegen ist ein Landschaftspark von ungefähr 1.700 Hektaren der sich wie eine grüne Lunge zwischen den Städten Arnhem und Nijmegen ausdehnt. Der Name hängt zusammen mit dem Fluss Linge der von Ost nach West, etwas nördlich von Elst durch das Land fliesst – der Teil mit „zegen“ betrifft sich auf „zeeg“, ein Wort aus der Region Betuwe das „gegrabener Wassergang“ bedeutet. Es handelt sich hier um die grösseren Wassergraben die in die Linge münden. Ich sollte später auf meiner Wanderung einigen begegnen. Schon anfangs der 1990er Jahre hatte man sich schon Gedanken gemacht über die Gründung dieses Landschaftsparks. Die „Vierde Nota Ruimtelijke Ordening Extra“ (Kürzel Vinex) der Regierung beinhaltete dass man kompakt bauen sollte und dass man sich bemühen sollte um Aussenbereiche ausserhalb des Viertels und der Stadt ein zu richten. Es dauerte jedoch bis 2008 bevor man hier der Idee Taten folgen liess: die Entwicklung diese grünen Zone zwischen Arnhem und Nijmegen. Ein Masterplan wurde aufgestellt für den räumlichen Entwurf und eine Verwaltungsvereinbarung zwischen den Gemeinden Lingewaard und Overbetuwe, der Städteregion Arnhem-Nijmegen, Staatsbosbeheer („Nationales Forstamt“), Waterschap Rivierenland (Wasserverband der Regionen zwischen der Deutschen Grenze und der (Beneden-)Merwede und Niederrhein und Maas) und der Provinz Gelderland wurde unterzeichnet. Die Gemeinde Arnhem unterzeichnete nachher, die Gemeinde Nijmegen sagte Geld zu, aber trat nicht bei. 2010 ist ein openbaar lichaam (wie eine Körperschaft des öffentlichen Rechts) gegründet worden um den Park zustande zu bringen. Nach Jahren harter Arbeit ist der Park wie in der Webseite angegeben ist „fertig, aber nie vollendet“. Auf der Webseite steht auch ein Video wobei man aus der Vogelperspektive mitgeführt wird über das Gebiet.
Im Ganzen gibt es sechs Teilgebiete: ich bin heute durch den meist nordwestlichen Teil gegangen – De Park. Der Name verweist nach einem alten Gut, wovon das Landhaus nicht mehr existiert. 2016 sind an der Westseite des Parks an der Grenze zum Golfclub Welderen Waldgärten gegründet, die vor zwei Jahren ziemlich schmächtig aussahen. Jetzt fand ich die Wälder schon etwas kräftiger geworden: in dieser Jahreszeit waren die Blätter noch an den Bäumen! Der Begriff „Waldgarten” ist in England entwickelt worden von Robert Hart (1913–2000). Das Vorbild für diese Praxis war der britische Laubwald, den er in sieben Schichten analysierte von hohen Bäumen über Kletterpflanzen und Sträucher bis hin zu bodendeckenden Pflanzen und Wurzeln. Er fand heraus, dass diese Vielfalt an Vegetationsschichten unterschiedlicher Höhe eine optimale Lichtausbeute gewährleistet und hohe kontinuierliche Produktivität auf relativ kleinem Raum. Er kombinierte Obst, Nüsse, Kräuter, Salatpflanzen und Gemüse in einem sich selbst erhaltenden mehrjährigen System ohne externe Düngemittel im Einklang mit veganen Prinzipien. Auf einer etwas schmuddeligen Informationstafel bei einem anderen Waldgarten im Park Lingezegen wird mit einer Skizze der Aufbau solch einer Fläche „neue Landwirtschaft“ gezeigt: von der Schattenseite zur Sonnenseite ist die Fläche zusammengesetzt worden aus einer Schicht mit Sträuchern, einer Zwischenschicht, einer Schicht mit Kräutern, schliesslich in der Mitte aus einer Schicht mit hohen Bäumen worin Kletterpflanzen wachsen können, wieder einer Zwischenschicht, einer Schicht mit Sträuchern und schlussendlich einer Schicht mit Kräutern.

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Zwischen Arnhem-Süd und Elst (Gld.): auf einer Informationstafel steht ein schematischer Aufbau eines „Waldgartens“, einer Landwirtschaftsweise in „Permakultur“

Das letzte Mal hatte mich auch die Einrichtung von Park Lingezegen beeindruckt: es führen breite mit Betonplatten belegte Deiche in einer grossen Rechteck durch diesen Teil des Parks, mit dem Namen Romeinse Lint (Oost en West) (Römisches Band Ost und West), anschliessend bei der Geschichte dieser Gegend. Die hohe Lage verlieh ein richtiges Gefühl von Geräumigkeit – und es gab Platz für alle: nicht nur für die zahlreichen Wanderer und herumtobende Hunde und Kinder, sondern auch für Schwäne die majestätisch im Wasser neben dem Deich schwammen gegen den Hintergrund eines Schilfgürtels, einem Teil der Obstplantage und ganz in der Ferne einige Satteldächer der neuen Häuser, und für zwei schwarzbunte Blaarkop Kühe (wörtlich: mit „Blasen am Kopf“ – mit schwarzen Kreisen um den Augen), die gemütlich neben einander lagen beim Wiederkauen inmitten einer Gruppe Graugänse wovon manche im Grasland standen und anderen im Wasser trieben. Hier war in der Ferne nicht nur die Bebauung von Arnhem-Süd, sondern auch die dunkel bewaldete Eisrandlage im Norden sichtbar. Geräumigkeit, Licht und Aussicht!

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Zwischen Arnhem-Süd und Elst (Gld.): ein Schwan schwimmt im Wasser entlang dem Wanderweg durch den Landschaftspark südlich von Arnhem, Park Lingezegen
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Zwischen Arnhem-Süd und Elst (Gld.): zwei „Blaarkop“ Kühe sind am Wiederkauen zwischen den Graugänsen im Landschaftspark südlich von Arnhem, Park Lingezegen

An der Südseite von Park Lingezegen liegt neben dem Wanderweg an der Westseite eines Grabens wieder ein Waldgarten, der Santackergaard. Dieser blumenreicher Waldgarten wird verwaltet von einer Stiftung, die zum Ziel hat um den Wald zu verwalten wie ein Blumen-, Bienen- und Waldgarten in Park Lingezegen, Teilgebiet De Park. Dieser Garten besteht aus Böden mit sowohl landwirtschaftlichen als Naturzwecken, wobei die Wechselwirkung zwischen Natur, Mensch und Gesellschaft gefördert wird. Hierbei wird die Förderung der natürlichen Diversität betont. In diesem Waldgarten wurde die erste Hecke angepflanzt während des „Nationalen Baumpflanztages“ 2017. Danach ist auch eine Obstplantage angelegt worden mit Hochstammbäumen der alten Pflaumenrasse aus der Betuwe: die „Eldense blauwe“ mit kleinen blauvioletten Früchten (wunderbar in Konfitüren!). Die sah ich stehen, schon grossgewachsen, aber jetzt schon kahl. Laut dem Schild beim Eingang wachsen hier u.a. Trauben und Himbeere. Auch gibt es einen Bienenstall für Honigbienen und ein Insektenhotel für wilde Bienen. Das Ganze lag stille da, als ob der Winterschlaf schon begonnen hatte.

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Zwischen Arnhem-Süd und Elst (Gld.): Blick auf den blumenreichen Permakultur-Garten „Santackergaard“ – im Vordergrund die Hochstammobstplantage mit „Eldense blauwen“ Pflaumen

Mittlerweile war der Kirchturm von Elst schon in Sicht gekommen: am Südrand von Park Lingezegen führt der Weg mit einer Brücke über den Fluss die Linge. Dieser Fluss wovon der Name im (mittelartigen) Altniederländisch „das lange Wasser“ bedeutet, hat auf der Höhe des Parks tierfreundliche Ufer bekommen. Dieser teils künstliche (denn ausgegrabene) Fluss durchquert die Betuwe von Doornenburg am Niederrhein bis Gorinchem, wo er in die Nieder-Merwede mündet. Das Wasser fliesst hier langsam und friedlich nach Westen. Die Äcker am Südufer lagen gradlinig gepflügt in der Herbstsonne, auch bereit für den kommenden Winter.

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Zwischen Arnhem-Süd und Elst (Gld.): Blick nach Westen, stromabwärts, auf den sich schlängelnden Fluss die Linge

Als ich das letzte Mal über den Römischen Limespfad in Elst ankam hatte ich nicht gewusst dass es hier im Anfang unserer Zeitrechnung ein wichtiges religiöses Zentrum der Römer gegeben hatte mit grossen Tempeln – die grössten nördlich der Alpen! Der Kirchplatz mit der Grossen oder Werenfriduskirche liegt an einer erhöhten Stelle. Darüber schrieb ich damals:
Auf der erhöhten Stelle wo jetzt die Kirche steht war in prähistorischen Zeiten schon ein Heiligtum der Bataver. In der römischen Zeit wurde um 50 nach Chr. ein gallorömischer Tempel gebaut mit einem Grundriss von 11½ zu 8½ Metern. Dieser Tempel wurde wahrscheinlich während des Bataveraufstandes 69 na Chr. zerstört. Auf den Fundamenten bauten die Römer um 100 nach Chr. einen viel grösseren Tempel, der 31 zu 23 Meter war und 15 Meter hoch. Für den Bau sind römische Legionäre der Zehnten Legion eingesetzt worden. Er war Hercules Magusanus, dem Hauptgott der Bataver gewidmet, der verwandt war am germanischen Gott Donar. Die Römer waren in religiöser Hinsicht sehr tolerant: sie erlaubten dass zwei Kulturen verschmelzen konnten – solange der römische Kaiser geehrt wurde, dürften die Bataver ihre eigenen Traditionen fortsetzten…

„Im 4. Jahrhundert, nach der Abreise der Römer, geriet der Tempel in Verfall. Auf einer Informationstafel bei der Kirche steht dass das erste romanische Kirchlein im 8. Jahrhundert auf den Fundamenten des Grossen Tempels gebaut worden war. Es wurde St. Martin gewidmet. Im 10. Jahrhundert wurde diese einfache Saalkirche erweitert mit einem grosseren Schiff und einer Krypte, wo die Relikten des Gründers der ersten Kirche, Werenfridus, aufbewahrt wurden. Im 15. Jahrhundert wurde das Kirchlein abgerissen und ersetzt von der heutigen gotischen Kirche. Das einzige das von der romanischen Kirche übriggeblieben ist, ist ein Teil der Chormauer in der nördlichen Seitenwand des heutigen Chores. Auf der Tafel ist auch sichtbar wie die Grundrisse der zwei Tempel und der drei Kirchen aussehen.

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Elst (Gld): auf der Infotafel bei der Grossen Kirche stehen die Grundrisse der verschiedenen gallorömischen Tempel und christlichen Kirchen die an dieser Stelle gebaut worden sind von 50 bis 1484 nach Chr.

Bis nach dem Zweiten Weltkrieg hatte man eigentlich nicht gewusst dass unter der Kirche sich noch die Fundamente der früheren Kirchen befanden. Im Herbst 1944 hat Elst in der Feuerlinie gelegen während der Operation Market Garden, mit grossen Zerstörungen zur Folge. Die Kriche wurde ebenfalls schwer beschädigt. Als man mit dem Wiederaufbau anfing hat es 1947 archäologische Untersuchungen gegeben nach den Kirchlein aus dem 8. Und 10. Jahrhundert. Dabei stiess man zufällig auch auf die Fundamente der Tempel aus der Römerzeit.

Die Kirche wurde wieder aufgebaut und von den Kriegsschäden ist nichts mehr sichtbar. An der Südwestseite steht ein beeindruckender Gingko (Ginkgo biloba), wovon die Blätter jetzt goldgelb verfärbt waren und in der Sonne strahlten…

In der Grossen oder Werenfirduskirche gibt es auch das Tempelmuseum, das schon seit 1955 besteht. Die Kirche was das letzte Mal zu, aber heute nicht wegen der Führungen. Obwohl ich daran nicht mehr teilnehmen konnte, ging ich schon in die Kirche hinein und habe eine Weile mitgelauscht mit manchen Führungsleitern. Die Katakomben durfte ich nicht hinein, aber es gab mehr als zureichend zu sehen in den Schaukästen die entlang der Nordwand des Schiffes aufgestellt worden waren. Da stand auch ein grosses und detailliertes Modell des Zweiten Tempels aus 100 nach Chr. Das gab schon ein guter Eindruck der Grösse dieses Gebäudes!

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Elst (Gld.): in der Grossen oder Werenfriduskirche steht ein Modell des zweiten Römischen Tempel aus dem 1. Jahrhundert nach Chr.

Auf einer grossen Informationstafel wurde gezeigt wie die Entwicklung gewesen war vom ersten, kleinen, einfachen Gallo-Römischen Tempel aus 50 nach Chr. zum zweiten, viel grösseren Tempel aus 100 nach Chr. und viele Jahrhunderte später der Kirchen aus dem 8. und 10. Jahrhundert zur Kirche im 15. Jahrhundert, deren Form noch grösstenteils übereinstimmt mit der heutigen Kirche. Es ist etwas Besonderes wie diese Stelle so eine lange Geschichte hinter sich hat als „Kultplatz“.

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Elst (Gld.): in der Grossen oder Werenfriduskirche hängt eine Übersicht mit den Entwicklungen im Laufe der Jahrhunderte von den Römischen Tempeln zur heutigen Kirche

In den Schaukästen waren viele Funde ausgestellt worden. Sehr ins Auge springend war ein Teil eines Dachziegels aus der Römischen Zeit mit deutlichen Pfotenabdrücken eines Hundes! Dieser Dachziegel ist hergestellt worden in der römischen Ziegelei von De Holdeurn bei Berg en Dal. In dieser enorm grossen Ziegelei sind hunderttausende Dachziegel und verschiedene Sorten von Fliessen gebacken worden. In der gesamten Provinz Germania Inferior, von Bonn bis an die Nordsee, sind Dachziegel aufgefunden worden mit den Stempeln aus De Holdeurn. Diese orangefärbige Keramik wird auch ook Holdeurnse oder Nijmeegs-Holdeurnse Keramik genannt. Sie trug oft den Stempel „Legio X Gemina“: deshalb vermutet man dass die Produktion organisiert wurde aus den Lagern bei Ulpia Noviomagum Batavorum (Nijmegen). Ich habe die Stelle dieser Ziegelei gesehen als ich im Frühling 2021 die letzte Etappe des Römischen Limespfad gewandert habe: von Nijmegen nach Berg en Dal. Seit 1972 ist diese archäologische Stelle ein rijksmonument (national denkmalgeschützt): es ist heutzutage eine grosse, von Brombeeren überwucherte Grube, die auf dem ersten Blick nicht zurück zu führen ist auf einen der grössten Ofenkomplexe im nördlichen Teil des Römischen Reiches – zum Glück gab es eine Informationstafel… Es ist eine merkwürdige Gedanke dass vor fast 2000 Jahren ein Hund ganz gemächlich über den noch nicht gebackenen Dachziegel gegangen ist – und dass die Pfotenabdrücke dadurch „Ewigkeitswert“ gekommen haben!

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Elst (Gld.): in der Grossen oder Werenfriduskirche wird ein Dachziegel gezeigt der in der Römischen Ziegelei bei Nijmegen hergestellt worden ist – mit Pfotenabdrücken eines Hundes!

In einem Schaukasten des Tempelmuseums in der Grossen Kirche von Elst liegen auch Bruchstücke einer Mauer der cella des Zweiten Tempels. Eine cella ist der Raum für die Götterstatue im Tempel. Die kontrastierenden Farben des Anstrichs sind gut erhalten geblieben! Die Fragmente sind an verschiedenen Zeitpunkten aufgegraben worden, aber gehören schon zusammen: manche sind 1947 aufgefunden worden bei den ersten archäologischen Untersuchungen und andere wieder viel später, 2001 oder 2002 bei Bauarbeiten in der Nähe der Kirche.

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Elst (Gld.): in der Grossen oder Werenfriduskirche werden Bruchteile einer bemalten Mauer einer „Cella“, des zentralen Teils des zweiten Römischen Tempels gezeigt

Es wird auch vieles gezeigt über die Fundierung der Tempel. Es standen drei Pfähle aufgestellt. In einem Schaukasten wird mit einer Zeichnung das Prinzip solcher Fundierung erklärt. Die Aussenwände standen auf scharf angespitzten Pfählen aus Eichenholz von 1,15 bis 1,35 Meter hoch. Die Unterseite der steinernen Fundierung ist ungleichmässig: der Wasserpegel konnte nämlich variieren. Die hölzernen Pfähle rotteten nicht, denn es gab keine Zufuhr von Sauerstoff. Wo die Steine in Sich kamen, wurde das Mauerwerk regelmässig. Neben der Zeichnung war ein Querschnitt eines Gründungspfahles zu sehen. 2002 sind bei der Kirche Untersuchungen durchgeführt: man hatte damals eine flache Scheibe aus dem Gründungspfahl gesägt um die dendrochronologisch zu untersuchen. 64 Jahrringe sind gezählt worden und dadurch ist das Holz datiert worden (mit einer Fehlerquote) zwischen 58 vor Chr. (das Pflanzen) und 6 nach Chr. (die Rodung). Man weiss nicht ob dieser Pfahl wiederverwendet worden ist oder dass die Mauer die darauf lehnte dort früher gestanden hat als der Erste Tempel. Es wird auch ein Überblick gegeben von wichtigen Ereignisse, in Verbindung zu den Jahrringen des Baumes:

  • 58 vor Chr.: der Baum wird gepflanzt
  • 44 vor Chr.: Julius Ceasar wird ermordert
  • 27 vor Chr.: Augustus wird der erste Kaiser des Römischen Reiches
  • 12 vor Chr.: die ersten Römischen Legionäre erreichen den Unterlauf des Rheines
  • Jezus wird geboeren
  • 6 nach Chr.: der Baum wird gefällt

In einem weiteren Schaukasten werden verschiedene Gebrauchsgegenstände aus der Römerzeit (200–250 nach Chr.) ausgestellt, u.a. einige Reibeschüssel und Öllampen. Es lag ein Fragment eines kleinen achteckigen Lämpchen aus olivschwarz-bräunlich gelber Keramik mit einer aufstehenden Kante. Die Lampe war an sich nicht länger erkennbar, aber die Farben waren noch immer deutlich sichtbar – auch nachdem es so viele Jahre im Boden gelegen hatte! Daneben stand eine kleine braungelbe Lampe mit einer Tülle, die fast intakt war. Diese Gegenstände sind schon 1947 ausgegraben worden bei der Kirche.

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Elst (Gld.): in der Grossen oder Werenfriduskirche liegen ein Teil einer achtförmigen Lampe mit erhöhter Kante und eine fast komplette Lampe mit Tülle, 1947 ausgegraben bei der Kirche

In wieder einem anderen Schaukasten liegen die Scherben einer Amphore aus der Mitte des 2. Jahrhunderts nach Chr. Diese sind aufgefunden worden während der Bauvorbereitungen des Neubauviertels Westeraam an der Ostseite von Elst. Diese Amphore ist importiert worden aus dem Nordwesten von Frankreich, ehemalig Gallien, und sollte laut Experten 40 cm hoch sein. Die Scherben bilden einen Teil des Halses des Kruges. Was der Inhalt war, ist nicht mehr herauszufinden, aber man vermutet dass es hier der Fundstelle wegen – am südlichen Palisadengraben des Tempels – um einen Bauopfer handeln könnte. Der Schwierigkeitsgrad dieses Puzzles wird betont durch das Klebeband und die Tube mit Klebstoff (Bisonkit)…! Auf dem Schild mit Erklärung steht eine Abbildung der Amphore – in Terrakottafarbe wird gezeigt welche Scherben gefunden worden sind und an welchen Stellen der Amphore diese Teile gehörten.

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Elst (Gld.): in der Grossen oder Werenfriduskirche liegen Bruchstücke einer Amphore aus Terrakotta aus dem 2. Jahrhundert nach Chr., aufgefunden im Neubauviertel Westeraam, wo damals ein Tempel gestanden hat

Im Boden von Westeraam sind auch viele Fibeln gefunden worden in vielen Formen und Grössen, aus vielen Materialien und Zeiten: es sind Sprangen um Mäntel und sonstigen Gewänder zu schliessen. Diese fibulae sind angeblich verloren worden während des Besuches am Tempel. Sie wurden getragen von Männern, und auch von Soldaten und Damen, in der Zeit vom Anfang des 1. Jahrhunderts bin in die zweite Hälfte des 2. Jahrhunderts nach Chr. Es werden 14 Typen von fibulae angegeben auf einer Liste, wobei auch Abbildungen stehen. Die älteste ist eine La Tène fibula aus der erste Hälfte des 1. Jahrhunderts: eine grosse Sprange (9,2cm) die doch schon einer Sicherheitsnadel ganz ähnlich sieht… Eine auffallende fibula war die Dolchfibel aus dem 2. Jahrhundert mit farbigen modern-anmutenden Details die noch ganz gut sichtbar sind. Weitere Mantelsprangen waren deutlich etwas mehr erodiert vom längeren Aufenthalt im Boden.

Auf dem Weg nach Elst war ich auch jetzt wieder entlang einem ziemlich unbedeutend aussehenden Stück Land gekommen, worauf einige Sträucher in Herbstfarben und Schilf wuchsen. Es hatte eine kleine Informationstafel gegeben: hier hatten Amateurarchäologen ein Grab aus dem Frühen Mittelalter (5. bis 10. Jahrhundert) entdeckt worin drei Personen lagen. Dazu fand man besondere Grabbeigaben, u.a. 36 Perlen aus Glas, Fayence (Keramik mit einer Glasurschicht), Bronze und Bernstein. Ein spezielles Exemplar war eine grosse grüne Perle aus Fayence mit Riffeln (eine sogenannte „Melonenperle“) ) die aus der römischen Zeit datierte – man vermutet dass sie als Erbstück in der Familie weitergereicht wurde! Es stand auch ein Bild dabei von den Perlen wie sie aus der Erde gekommen waren: gezeigt auf Händen die noch von Tonerde bedeckt waren. Im Tempelmuseum lagen neun echte Perlen auf einem schönen Tuch aus Seide in einer Holzkiste – die „Melonenperle“ im Vordergrund. Die Perlen sehen wunderschön aus: sie könnten in unserer Zeit auch noch getragen werden!

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Elst (Gld.): in der Grossen oder Werenfriduskirche werden 9 der 36 Perlen gezeigt die als Gabe in einem Grab aus dem Frühen Mittelalter lagen und die 2015 im südlichen Teil von Park Lingezegen ausgegraben worden sind

Nach diesem interessanten Besuch an die Stelle wo der Erste und der Zweite Tempel im Dorfzentrum von Elst gestanden hatten, ging ich auch noch weiter zur Stelle im Neubauviertel Westeraam, wo ein nächster Tempelkomplex gestanden hat. Hier sind also 2002 während der vorbereitenden Bodenarbeiten so viele interessante Entdeckungen getan. Das letzte Mal war es kühl und ziemlich neblig gewesen. Heute schien die Herbstsonne ausgiebig. Damals schrieb ich hierüber:
dort hatte auch ein grosser gallorömischer Tempel gestanden, die möglicherweise auch dem Hauptgott der Bataver Hercules Magusanus gewidmet war. In der Mitte dieses Viertels war ein grosser viereckiger Rasen kreiert worden mit etwas erhöhten Rändern. In der südöstlichen Ecke stand eine aus Holz geschnittene Büste eines römischen Herrschers auf einem Sockel – er schaute ein wenig wehmütig über die Ebene. Nebenan war auch ein Replikat einer Münze mit einem Pferd, einer Lorbeerkranze und der römischen Zahl XII an der Oberseite auf einem hölzernen Pfahl moniert worden. Das einzige das etwas Farbe an die Umgebung verlieh war ein himmelsblaues Kunstwerk, „Framework“ des niederländischen Bildhauers und Land Art Künstlers Pjotr Müller (* 1949) aus 2008 wobei zum Tempelgebiet verwiesen wurde: im Innere der begehbaren Metallstruktur werden auf drei Ebenen ein Plan, Teile des Fundaments und eine Maquette des Tempels gezeigt.
Jetzt schien der römische Feldherr jedoch schon etwas weniger traurig zu schauen – was ein wenig Sonnenschein erreichen kann!

Vom kletterbaren Kunstwerk von Pjotr Müller, „Framework“, hatte ich eine schöne Aussicht über das Gelände wo um 100 nach Chr. das Tempelkomplex gestanden hatte. Es bildete schon einen Gegensatz zu früher als die Umgebung um den grossen Tempel leer gewesen war!

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Elst (Gld.): Blick vom Kunstwerk von Pjotr Müller über das heute unbebaute und grüne Gebiet wo um 100 nach Chr. der Gallo-Römische Tempel von Westeraam stand

Die Sicht nach Westen war ebenfalls schön: über das Grün des Grases, das Orangegelb der Herbstblätter und die modernen Häuser sah ich in der Ferne den Kirchturm. Es war schon eine sonderbare Gedanke dass hier in der römischen Zeit zwei grosse Tempel gestanden hatten und dass Elst dadurch zu den wichtigsten römischen Kultplätzen nördlich der Alpen gehört hatte!

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Elst (Gld.): Blick vom Kunstwerk von Pjotr Müller nach Westen auf den Kirchturm – dort hatte um 100 na Chr. der andere Gallo-Römische Tempel gestanden!

Schliesslich lief ich zurück zum Bahnhof. Dass ich einige Zeit warten musste auf meinem Regionalzug war nicht schlimm: die Sonne schien warm ins Gesicht, während ich noch diese schöne Wanderung Revue passieren lassen konnte, die so viel Vertiefung gebracht hatte. Im Zug kannte ich viele Punkte wieder wo ich zu Fuss gegangen war. Ein herrlicher Tag!