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Den 9. Dezember 2019

Mit dem Stocherkahn auf dem Avon und zu Fuss über die Kraterwand

Gestern habe ich zuerst mal erkundigt von wo der grosse Zug, der TranzAlpine, abfahren sollte: dieser „scenic train“ fährt von Christchurch nach Greymouth an der Westküste, quer durch die Ausläufer der Südalpen, mit einem Zwischenhalt in Arthur’s Pass: eine Reise die ich heute als Tagesausflug machen werde. Ich möchte auch wissen wie lange ich brauchte um zu Fuss vom Motel zum Bahnhof in Addington zu gehen – fast eine halbe Stunde,, aber glücklicherweise fand ich bald einen Fussweg um die Route zu verkürzen! Nach einem guten Frühstück bei Ann’s Café (mit u.a. einem warmen cheese scone und einer grossen Tasse Kaffee – meinen favoriten long black) kehrte ich in die Stadt zurück um zu sehen was ich herumgehend auf meinem Weg auffinden wurde.

Christchurch ist der grösster Ort in was heute in administrativer Hinsicht die Region Canterbury heisst. Bevor „“the Crown“ 1852 entschied dass Neuseeland in Provinzen unterverteilt werden sollte, wurde die Gegend verwaltet von der Canterbury Association, einer Organisation die 1848 in London gegründet worden war. Einer der Initianten hinter der Kolonie Canterbury war John Robert Godley, der grosszügig gefördert wurde von der Church of England, auch vom Erzbischof von Canterbury (in England), und der Oberschicht von England. Die ersten settlers bauten ihre Häuschen an der Stelle wo jetzt Hagley Park ist (wie ich vorgestern schon gesehen habe auf der Erinnerungssäule). 1856 wurde Christchurch, benannt nach einem College der Universität von Oxford, wo J.R. Godley studiert hatte anerkannt als Stadt. Die meisten offiziellen und kirchlichen Gebäuden sind entworfen worden von Benjamin Mountfort in neogotischem Stil, wodurch die Stadt sehr „British“ antut. Christchurch wird überhaupt gesehen als “meist englische Stadt ausserhalb von England“… Der Fluss der durch die Stadt mäandert heisst auf Englisch Avon, aber auf Māori „Ōtākaro“, „Platz zum Spielen“. Vom meist westlichen Punkt des Hagley Parks erreichte ich eine Brücke über den Avon und sah grün und weiss gemalte hölzerne Schuppen und Häuschen: die „Antigua Boat Sheds“. Die Idee zog mich an, und nicht lagen nachher sass ich im Stocherkahn, im „punt“, mit dem Namen „Mary“, zusammen mit einem amerikanischen Ehepaar und mit dem „punter“ Sean, der ursprünglich aus Wales kam und der mit Geschick interessante Geschichten erzählte während der 30 Minuten dauernden Fahrt.

20191209_124922 - Neuseeland - Christchurch - Fluss Avon - Stocherkahn - Boothaus
Christchurch: Blick auf das ganze Gelände des Bootsverleihunternehmens am Fluss Avon

Wir glitten geräuschlos über das Wasser und genossen die Sonne. Ab und zu begegneten wir anderen „punts“ und Leuten in Kanos – jeder genoss das Fahren und den Sonnenschein! Wir fuhren entlang den Grenzen des Botanischen Gartens mit wundervollen alten Bäumen die ich vorgestern nicht gesehen hatte. Dabei war auch die grosse, alte Europäische Eiche die am 7. Juli 1863 gepflanzt worden ist zu Erinnerung an die Heirat des Prinzen Albert und der Prinzessin Alexandra von Dänemark, und womit auf dieser Weise den Botanischen Garten gegründet worden ist. Diese Eiche steht schon 151 Jahre an derselben Stelle und sieht ganz unzerstörbar aus! Es ist kaum vorstellbar dass diese Landschaft ursprünglich bestand aus Moraste und Sanddünen! Ein anderer Baum mit landschaftlicher Bedeutung ist eine Echte Trauerweide, wovon erzählt wird dass ein Franzose die sich auf der Halbinsel Akaroa niedergelassen hatte, zwei Stücke Holz „erhalten“ hatte der Weide die am Grab von Napoleon Bonaparte auf seinem Verbannungsort, der Insel St. Helena, stand. Einer der Holzstücke ist jetzt herangewachsen zu einer gigantischen Trauerweide die ein richtiger Blickfang ist entlang dem Avon. Fruchtbarer Boden also…

Das Wasser des Flusses Avon ist klar: der Fluss entspringt in den meist westlichen Vororten von Christchurch aus grosser Tiefe. Die sichtbare Verunreinigung ist minimal – das ist auch weil Sean und seine Kollegen jede Woche die Strecke wo sie stochern sauber machen! Es gibt grosse Aale und zwei Arten von Forellen. Es schwimmen natürlich die gewöhnlichen europäische Wildenten die wir auch in den Niederlanden sehen, aber wir sahen auch einige einheimische Entenarten. Eine von diesen ist die Māori-Ente (auf Englisch New Zealand scaup, auf Māori pāpango, Aythya novaeseelandiae), eine kleine braunschwarze Ente, die sehr niedlich aussieht mit einem runden Kopf und einem breiten Schnabel – das Männchen hat hellgelbe Augen. Die andere Art ist der „Paradiskasarka“ (auf Englisch „Paradise shelduck“, Tadorna variegata). Es ist eine grosse und auffällige Ente, die ein wenig der Nilgans ähnlich sieht und einen ziemlich dominanten Charakter hat… Das Weibchen hat einen weissen Kopf und einen weissen Fleck auf den Flügeln; das Männchen hat einen schwarzen Kopf.

Nach der Bootsfahrt ging ich weiter in die Richtung der Altstadt. Ich wählte den schönen Weg durch den Botanischen Garten. Ich passierten die Statue aus Bronze des Politikers und Staatsmannes James Edward Fitzgerald (1818–1896), die ich schon vom Wasser her auf einem hohen steinernen Sockel stehend gesehen hatte: er war der erste Superintendent der Provinz Canterbury von 1853 bis 1857. Geboren in England und von irischer Herkunft war er 1859 an Bord eines der vier Schiffe mit settlers in Lyttelton bei Christchurch angekommen. Nachdem er zuerst für die Canterbury Association gearbeitet hatte, beteiligte er sich immer mehr an der Politik und der Verwaltung. Am Avon steht das sogenannte „Curator’s House“, das 1920 gebaut worden ist, offensichtlich nach englischem Modell. Bis 1984 haben die jeweiligen Verwalter („curators”) des Botanischen Gartens hier gewohnt. Jetzt ist dort ein Tapas-Restaurant. Der Kräutergarten oberhalb dem Ufer des Flusses Avon ist schon erhalten geblieben. Der breite Fussweg geht vom Curator’s House zu einem der Ausgänge des Gartens beim Canterbury Museum entlang grünen Rasen mit hohen Bäumen hinter wundervollen Blumenbeeten mit einjährigen Pflanzen, die, wie angegeben auf einer Infotafel, mit den Saisons wechseln. Jedes Jahr wird aufs Neue ein Bepflanzungsplan aufgestellt. Das Ganze sah tatsächlich sehr schön und gepflegt aus: ohne ein einziges Unkraut! Beim Ausgang steht der bekannte “Peacock fountain“ aus 1911. 1897 war die Christchurch Beautifying Association gegründet worden (die noch immer besteht!) mit Ziel um die Stadt und die Umgebung des Flusses Avon so schön, grün und angenehm wie möglich zu machen. Der Handelsmann, Politik und settler der ersten Stunde John Thomas Peacock (1827–1905) hatte eine grosse Summe Geld zu Verfügung gestellt für einen Brunnen. Als dieser 1911 enthüllt wurde war nicht jeder begeistert – manche nannten den Brunnen etwas um ein Karussell zu schmücken… Nach vielen Jahren irgendwo im Depot versteckt zu seinist der Brunnen 1996 restauriert worden (und auch jetzt nicht nach jedem Geschmack!) und aufgebaut an der heutigen Stelle. Ein kleiner Trinkbrunnen stand nebenbei, mit Delphinen geschmückt.

Das Canterbury Museum ist 1882 gebaut worden in Form eines französischen château nach Entwurf des berühmten Architekten Benjamin Mountfort (1825–1898). Dieser gebürtige Engländer hat nach einem etwa zögernden Start als Architekt die Gestaltung und den Baustil in der Provinz Canterbury und bestimmt in der Stadt Christchurch sehr stark geprägt: er hat den neogotischen Stil auf ein hohes Niveau gebracht. Vor dem Museum steht eine Statue aus weissem Marmor auf einem grossen Sockel: William Rolleston (1831–1903), der ebenfalls in England geborene Politiker und vierte Superintendent der Provinz Canterbury von 1867 bis 1877. An der Ecke der Rolleston Avenue und des Worcester Boulevards steht ein Gebäude im selben Stil als das Museum, aus 1878: dort ist jetzt das Christchurch Art Centre zu Hause – und früher das Canterbury College (die Universität). Der „Vater der Kernfysik” und Nobelpreisgewinner (1908) Ernest Rutherford (1871–1937) hat hier studiert und geforscht: es wird auf einer Plakette am Eingangstor erwähnt. Es gibt einen grossen Innenhof mit Rasen und Bepflanzung. Verschiedene Aktivitäten fanden statt, wie ein Mittagskonzert mit Jazzmusikern. Das gefiel mir schon, aber ich möchte auch mit dem Shuttlebus zur Gondelbahn gerade ausserhalb von Christchurch… Einige der historischen Gebäude stehen noch in Gerüsten und werden abgestützt wegen Schäden und Instabilität durch die starken Erdbeben die in den Jahren 2010 und 2011 die Stadt hart getroffen haben. Nicht alle Gebäude waren schon verstärkt worden um besser stand zu halten gegen Erdbeben …

Im Stadtzentrum fährt auch eine historische Strassenbahn. 1882 ist der Basis kreiert worden für ein ausgedehntes Strassenbahnstreckennetz: zuerst wurde die Strassenbahn von Pferden gezogen. 1905 ist das System elektrifiziert; 1954 wurde die Strassenbahn endgültig von Bussen ersetzt. Seit 1995 fährt wieder eine elegante blau-mit-goldene Strassenbahn über eine Strecke von 2½ Kilometern durch die Altstadt, randvoll von Touristen: es fährt entlang allen wichtigen Sehenswürdigkeiten. 2015 ist die Linie noch erweitert worden. Dies verleiht der Stadt schon Atmosphäre, die so deutlich gelitten hat unter den Folgen der Erdbeben…

Ausser Statuen für berühmte Neuseeländer gibt es auch viele andere Kunstwerke im öffentlichen Raum: abstrakte Kunst, aber oft auch aus der Māori-Kultur. Auf dem Weg zum Cathedral Square passierte ich zuerst ein neues Kunstwerk 92019), bestehend aus zwei halbe Kreisen die auf einander stützen um aufrecht zu bleiben. Es hat den Titel „Ka mua Ka muri“ und ist kreiert vom Künstler Nazu Nakagawa, einem Japaner der schon seit langem in Neuseeland lebt, Er hat sich auch inspirieren lassen von origami und der Symbolik von Geben. Weiter weg steht das Rathaus, das Civic Building, das zwischen 1965 und 1981 – mit viel Beton – gebaut worden ist für das Postamt. Nachdem die Post 2007 das Gebäude verlassen hatte, ist die Stadtverwaltung nach umfassenden Umbauten in das kolossale Gebäude gezogen. An der Seite des Worcester Boulevards hat man über einem breiten und hohen Vorplatz Zugang ins Gebäude. Dort steht ein „pouwhenua“, ein Pfahl aus leichtem Holz (des Podocarpus totara, eine einheimische Nadelbaumart) mit symbolischer Holzschnitzerei vom 1964 geborenen Māori Künstler Fayne Robinson. Der Titel ist Te Pou Herenga Waka, was bedeutet dass dieser in der Erde aufgestellte Pfahl alle Menschen zusammenbringt. Weitere Māori-Kunst befindet sich am linken Ufer des Flusses Avon bei der City Promenade: ein mit farbigen Steinen „gewebter“ Teppich mit dem Titel „Pūtake aronga“, „Familie drängt durch alles was wir tun“. Im obersten und untersten Design werden die Tiefe der Worte und die Bedeutung der Lieder gezeigt die zu Gute kommen an die Familie und den Stamm. Im Mittelteil werden im poutama (das karierte Muster) die vielseitigen Aspekte der Sinngebung des Tages verflochten von den Erzählern und den Sängern. Auf dem Cathedral Square angekommen fiel ein 18 Meter hohes Kunstwerk auf: The Calice aus 2001 von Neil Dawson. Dieser überdimensionierte Kelch ist an der Aussenseite silberfärbig und an der Innenseite hellblau und ist vom Punkt an der Unterseite durchbrochen mit Abbildungen einheimischer Pflanzen. Es ist entworfen worden zum Anlass des neuen Millenniums und des 150-jährigen Bestehen Neuseelands. Neben den Zäunen um der zerstörten Kathedrale wirkt es schon etwas exuberant… In der Nähe steht noch ein anders fröhliches Kunstwerk mit dem Titel „Flo(we)r Power“ von Regan Gentry und ist auch ein Tribut zur Vergangenheit und zur Gegenwart von Christchurch: Laternenpfahle mit ins gesamt 153 Lichter wie Ähren gepflückt und mit einem Autoreifen zusammengebunden wie eine Garbe – eine Referenz zum landwirtschaftlichen Hintergrund der Stadt. Flower (Blume) und Flour (Mehl), witzig. Zwei klassizistische Statuen zweier sehr verschiedenen Persönlichkeiten aus der neuseeländischen Geschichte stehen in unmittelbarer Nähe. Bei der Kathedrale steht eine Statue aus Bronze für den Gründer von Canterbury, John Robert Codley (1814–1861): er stammte aus Irland und war ein Expert im Bereich der Einrichtung von Kolonien und Mitgründer der Canterbury Association. Dadurch hat er eine entscheidende Rolle gespielt in der Entwicklung dieser Region. Die Statue is kreiert vom englischen Bildhauers Thomas Woolner (1825–1892). Die zweite Statue ist aus weissem Carrara Marmor, kreiert 1917 und stellt der Antarktisforscher Robert Falcon Scott (1868–1912). Die Verbindung mit Christchurch ist dass Scott 1912 von Lyttelton seine zweite Antarktika-Expedition angefangen hatte… Die Statue ist 1917 gebildhauert worden von Scott’s Witwe, Kathleen Scott, eine berühmte Bildhauerin – es wird erzählt dass während des Ersten Weltkrieges kein Bronze vorhanden war und dass sie staatlicher Importbeschränkungen wegen nach Italien reisen musste um die Statue vor Ort im Marmorbruch von Carrara zu meisseln! Etwas entfernt vom Cathedral Square steht eine einsame aus Metallblöcken aufgebaute Person bis über seine Knien im Wasser des Flusses Avon: „Stay” aus 2015/2016, bestehend aus einem Diptychon(dieser Teil ist 2015 in den Avon aufgestellt worden) vom englischen Künstler Antony Gromley als Beitrag zur „Heilung“ der Stadt und ihrer Einwohner nach den Erdbeben.

Es fällt mir auf welche kulturelle Vielfalt in dieser Stadt zu finden ist und die spürbar die immer noch kurze Geschichte dieses Landes ist. Deshalb ist es desto tragischer dass die grossen Erdbeben von 2010 und vor allem das Beben von 22. Februar 2011 solche enorme Schäden angerichtet haben. Das war vor allem sichtbar bei den Trümmern der einst so prachtvollen Kathedrale von Christchurch. Auf einem Plakat sah ich wie eindrucksvoll dieses Gebäude aus dem 19. Jahrhundert aussah vor „the quakes“. Die Kathedrale die offiziell ChristChurch Cathedral of ook Cathedral Church of Christ heisst, ist gebaut worden in den Jahren 1864 bis 1904. Nach ziemlich vielen Problemen im Anfang der Planung hat auch hier der Architekt Benjamin Mountfort das Endresultat geprägt. 1881 sind das Schiff und der Turm eingeweiht. Nachher haben mehrere Erweiterungen der Kirche stattgefunden. Im Laufe der Zeit ist die Kirche mehrmals beschädigt worden durch Erdbeben (vor allem der Turm), aber die Beschädigungen waren nie so ernst wie bei den 2011-Erdbeben. Nicht nur stürzte Februar 2011 der Turm grösstenteils ein, aber ging auch das grosse Rosenfenster in Juni grösstenteils und in December 2011 komplett verloren. Es war klar dass die Kirche nicht mehr zu retten war und abgerissen werden sollte. Eben sind Gerichtsverfahren eingeleitet worden von Bürgern gegen die Kirchenverwaltung um der Abriss zu verhindern, aber der Richter entschied zu Gunsten der Kirche. Der Abriss ist jedoch bis auf heute nicht weitergeführt worden. Der gesamte Kirchenplatz bietet einen trostlosen Anblick mit den hohen Zäunen im weiten Areal rundum der Kathedrale, eben an diesem sonnenüberfluteten Sommertag… An den Zäunen sind Schilder mit Erklärungen befestigt worden, wie eine farbenreiche Abbildung einer Wandmalerei die der neuseeländische Künstler Chris Heaphy kreiert hat anlässlich der Wiedereröffnung des Cathedral Squares 2013 mit dem Titel „Kaitiakitanga“, das auf Māori etwa bedeutet „richtige Verwaltung der Erde, der Luft und des Meeres“ – eine holistische Sicht auf Umweltschutz. Hier hat der Künstler eine Verbindung zeigen wollen zwischen der für immer geänderten Stadt und der Natur, der Kultur und der Geschichte. Neben der Kathedrale – und jetzt auch innerhalb dem Zaun inmitten von Unkraut – steht das Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges. Auf einem anderen Plakat am Zaun erzählt ein Einwohner wie er früher am ANZAC-Day (den 25. April) immer bei der Kranzlegung war, aber dass dies 2011 sehr schwierig gewesen war: nur mit Sondergenehmigung und mit Helm und Sicherheitsweste… Er bringt seine Hoffnung zum Ausdruck dass je ein Tag kommen wird an dem man diese Vorsichtmassnahmen nicht mehr bräuchte.

In August 2013 ist eine Ersatzkathedrale eröffnet worden, die ein wenig ausserhalb der Stadtmitte steht: die „Transitional Cathedral“, besser bekannt mit dem mehr populären Namen „Cartboard Cathedral“, die, wie der Name schon zeigt, aufgebaut worden ist von u.a. Blöcken aus Pappe von 500 Kg je Stück. Statt des schönen Rosenfensters in der alten Kathedrale fällt das Licht hier hinein durch vielfarbige Dreiecken aus Buntglas. Man kann diese Kirche besuchen, aber ich habe sie nur gesehen vom Bus der mich vom Stadtzentrum zur Gondelbahn im Vorort von Christchurch, 10 Kilometer weiter, in Heathcote Valley.

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Christchurch: Blick aus dem Bus auf die „Cartboard Cathedral”, (Kathedrale aus Wellpappe), die „Übergangskathedrale“

Nach einer Fahrt durch die etwa deprimierenden Vororte von Christchurch mit farblosen und heruntergekommenen Häusern, die meistens eher als Wohnwagen aussahen, kam die Küste des Pazifiks in Sicht. Nicht lange nachher sass ich in einer Gondel die mich von Meeresniveau nach 445 Meter brachte. Dort entfaltete sich auf dem Mt. Cavendish ein beeindruckendes Panorama in alle Windrichtungen! Die Bergstation der Christchurch Gondola ist gebaut worden auf einem Grat der eigentlich die Wand ist eines vor ganz langer Zeit erloschenen Vulkans: die Banks Halbinsel die sich südöstlich von Christchurch ins Meer ausdehnt, wird gebildet von den Resten zweier Vulkane welche vor ungefähr 10 Millionen Jahre erloschen sind und deren Krater sich mit Meereswasser gefüllt haben: der eine ist der offene Verbindung mit dem Meer beim Hafen von Lyttelton und der andere ist ein Meeresarm mit dem Hafen des Ortes Akaroa an der äussersten Südseite , die von dieser Stelle nicht sichtbar ist. Schon konnte ich einen grossen See sehen im Südwesten und südlich der Halbinsel, der nur von einem schmalen Landstreifen vom Pazifik getrennt wird: es ist der See von Ellesmere (Lake Ellesmere), der wie ein hellblaues Band gegen den blauen Meer und die blaue Luft abstach. Es war sehr sonnig, aber ich konnte jedoch die Südalpen im Westen nicht unterscheiden… Es war auch schön um den Ort Lyttelton zu sehen, mit dem Hafen und der Schiffswerft, und zu wissen das dieser kleine Ort in den Anfangsjahren des Entstehens von Neuseeland, etwa mehr als vor 150 Jahre, so eine wichtige Bedeutung gehabt hat als Ankunftsort der settlers, aber auch als Abreiseort für die Antarktika-Expeditionen! Im Restaurant der Bergstation wurden auch weitere Bilder gezeigt über den Expeditionen von R.F. Scott und E. Shackleton und wurde auch ihre äussergewöhnliche Mut betont. Gleich wie so viele Gebäude und Installationen in Christchurch und Canterbury hat auch die Gondelbahn grosse Schäden erlitten bei den Erdbeben von 2011. Auf einer Erinnerungstafel ist angegeben worden dass die Gondelbahn wieder eröffnet ist am 19. April 2013 vom Neuseelands Prime Minister und dass die Tafel denjenigen gewidmet ist die sich angestrengt haben um diese ikonische Gondelbahn aufs Neue in Betrieb zu stellen. Ebenfalls werden die 185 Tote der Erdbeben geehrt. Auch hier gibt es deutlich ein „Vor“ und ein „Nach“ den Erdbeben…

Die Bergstation bildet den Anfang vieler längeren und kürzeren Wanderungen über den Kraterrand des alten Vulkans: ich folgte einer ganz kurzen Strecke einer grossen trail, die Christchurch 360 Trail mit einer Länge von 150 Kilometern um die Stadt. Ich stieg den Hang des Mt. Cavendish hinunter und den Hang des naheliegenden Mt. Pleasant hinauf, zum Gipfel wo ich eine interessante Konstruktion gesehen hatte. Sie sah aus wie eine Art Wetterstation, aber es war eine „Trig Station“: einer der geodätischen Koordinatenpunkte um Neuseeland zu vermessen. Hier war Nr. 1126! Ich konnte von diesem Punkt aus die Bergstation der Gondelbahn auf Mt. Cavendish sehen. Die Aussicht über den Pazifik mit Christchurch und der Mündung der Flüsse Avon und Heathcote war grossartig – es erinnerte mich an meine erste Reise nach Trieste in Mai 2018 und die Etappe 3 des Gelben Weges der Via Alpina am 13. Mai 2018: meine Wanderung von Opicina nach Westen und die wunderbare Aussicht über den Golf von Triest und das Adriatischen Meer mit der Küstenlinie Kroatiens in der Ferne…!

20191209_155507 - Neuseeland - Christchurch - Pazifik - Mt. Pleasant
In der Nähe von Christchurch: Aussicht vom Mt. Pleasant über die Vororte von Christchurch (l), die Avon Heathcote Estuary Mündung und den Pazifik

Auch hier wuchsen und blühten wieder viele Pflanzen und Blumen, wovon ich mittlerweile einige erkannte, aber andere wieder nicht: der rotblühende Mountain Flax (Phormium colensoi) in grossen Mengen beisammen oder gerade als Solitär. Die Blütenstiele stachen stolz und farbenfroh ab gegen den blauen Himmel. Hier und da waren Blätter halbwegs abgerissen und konnte ich richtig die feinen, weissen Fasern sehen, die die Māori verwenden zum Weben. Es gibt auch viele Pflanzen mit beeindruckenden Stacheln. Eine dieser Pflanzen ist ein Strauch der in grossen Büscheln wächst und hier Wild Irishman genannt wird und von den Māori Matagouri: ein stark verzweigtes Gestrüpp mit kleinen Blättern und langen scharfen Stacheln die von den Māori verwendet werden zu tätowieren… Eine andere Pflanze sieht was die Blätter angeht dem Mountain Flax ähnlich, aber die einen Blütenstiel hat der ganz überdeckt ist von langen Stacheln um die kleinen gelblichen Blumen zu schützen: der Spaniard oder das Speargrass (Aciphylla colensoi).

Nach eineinhalb Stunden war ich wieder zurück bei der Bergstation der Gondelbahn und hatte hinuntergehend aufs Neue eine schöne und sonnige Aussicht. Um Viertel vor fünf war ich unten. Ich schaute abermals nach oben: ich sah die kleinen Gondeln fahren, gerade wie in den europäischen Bergen, aber hier wuchsen schon andere Bäume, wie ein Cabbage Tree (Cordyline australis)! Ausserdem musste ich mich noch gewöhnen an die längeren Tage! Das schätze ich sehr…

Ich kehrte mit dem Bus in die Stadt zurück und verfolgte für eine Weile meinem Spaziergang entlang dem Avon. Ich bewunderte die schön gestaltete Brücke beim Worcester Boulevard, die die Erdbeben wie durch ein Wunder überlebt hat. Weiter sah ich auf einer kleinen Insel im Avon ein hölzernes Wasserrad das Symbol stand für die Getreidemühle die dort 1859 gebaut worden war. Die Maschinen wurden 1888 entfernt, nachdem die Miete beendet war. 1897 wurde das Grundstück an die Gemeinde verkauft und das Gebäude abgerissen. Die gerade gegründete Christchurch Beautifying Association schlug vor um die mittlerweile Mill’s Island (Mühleinsel) genannte Insel zu bepflanzen mit einheimischen und exotischen Bäumen. Die Insel bildete einen richtigen Ruhepunkt im lauten Verkehr der Stadt! Das Wasserrad ist 1997 aufestellt worden anlässig des hundertjährigen Bestehens der Christchurch Beautifying Association. Hinter einem von den Erdbeben schwer beschädigten alten Gebäude („Our City“, der ehemalige Gemeinderatsaal) das jetzt von vielen Abstützen aufrecht gehalten wird, steht das Kate Sheppard National Memorial, ein grosses Basrelief mit Flügeln der Suffragette und Vorkämpferin des Frauenstimmrechts in Neuseeland Kate Sheppard (1848–1934) gewidmet. Sie ist abgebildet worden auf der Mitteltafel inmitten anderer Frauen die eine Rolle gespielt haben in der Emanzipation der Frau. Das Denkmal ist entworfen worden von der Künstlerin Margriet Windhausen, die in den Niederlanden geboren ist, aber nach Neuseeland emigriert ist, und 1993 enthüllt worden: hundert Jahre nach der Einführung des Frauenstimmrechts in Neuseeland – das erste Land in der Welt. Auf der kleinen Gedenktafel am Boden werden auch noch Kamelien abgebildet die nach ihr benannt sind: es sich weisse Kamelien (dessen Sträucher ich am vorigen Tag im Botanische Garten gesehen hatte, aber wovon die Blumen schon verblüht waren). Diese stehen als Symbol für die weissen Kamelien welche die Befürworter des Frauenstimmrechts damals im Knopfloch trugen. Das Denkmal strahlt Kraft aus – gewiss vor dem Hintergrund des abgestützten alten Gebäudes…

Mittlerweile hatte ich wirklich appetit bekommen und setzte mich hin beim (von vielen gelobten und trendy Restaurant Fiddlesticks gegenüber dem ultramodernen Gebäude des Centre for Contemporary Art. Ich sass auf der Terrasse an der Sonne und ass ausserhalb Brot mit einem „gesunden“ Dip von roten Linsen und Curry, ein saftiges Lachsfilet aus Akaroa an der anderen Seite der Halbinsel wohin ich geschaut hatte vom Mt. Cavendish. Der Sauvignon blanc verlor sein Bouquet beim Currydip, aber erholte sich glücklicherweise beim Fisch!

20191209_184340 - Neuseeland - Christchurch - Lachs - Restaurant Fiddlesticks
Christchurch: beim Restaurant “Fiddlesticks” wird regionaler Lachs serviert!

Als ich nachher durch den Botanischen Garten zurückging zu meinem Motel sah ich irgendwo einen schönen Silberfarn (Silver fern, Cyathea dealbata) und auch die silberfarbige Unterseite der Blätter. Das Sonnenlicht des Abends schien auf wundervollen Weise durch den Baum. Es war ein schöner Abschluss eines angenehmen Tages in einer besondere Stadt!

20191209_191740 - Neuseeland - Christchurch - Botanischer Garten - Silver fern
Christchurch: der Silver fern (Cyathea dealbata) hat seinen Namen “Silberfarn” nicht von ungefähr – die Unterseite der Blätter ist silberfarbig