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Den 29. September 2019

Schöne Herbstwanderung entlang grünen Berghängen und durch ein beeindruckendes Tal

Heute Morgen war das Wetter strahlend, aber schon etwas kühler als gestern und mit viel mehr Wind! Mein Plan für den kommenden Tagen war um mal wieder weiter auf der Via Alpina zu wandern. Letztes Jahr hatte ich am 16. September mit der zweiten Hälfte der Etappe 96 des Roten Weges angefangen in Belalp oberhalb von Blatten und bin ich nach Mund gewandert. Dieses Jahr werde ich versuchen um Etappe 95 (Fieschertal nach Riederalp) zu folgen und den ersten Teil der Etappe 96 (Riederalp nach Belalp) zu vollenden: dann hätte ich vier grossen aneinandergeschlossenen Etappen gewandert. Etappen 95 bis auf 98 von Fiesch nach Leukerbad bilden eigentlich eine zusammenpassende Strecke innerhalb dem Rhônegebiet und dem Kanton Wallis. Nach einem guten Frühstuck mit vielen Sorten Müesli und hausgemachten Konfitüren machte ich mich auf den Weg zum Bahnhof um in den Zug von 09.48 Uhr zu steigen in Richtung Fiesch. Der Zug war vollbesetzt, bestimmt wegen der Kombination von Sonntag und schönem Wetter. Um 10.22 Uhr erreichte der Zug Fiesch: da häuften grosse Gruppen Leute zusammen auf dem Bahnsteig um nachher in die Richtung der Luftseilbahn nach Fiescheralp zu gehen, und wahrscheinlich auch noch von dort zum Eggishorn wegen der nicht angezweifelten wunderschönen Aussicht über den Grossen Aletschgletscher. Das war auch meine ursprüngliche Idee gewesen, aber auf einmal erwiderte es mich zu stark… Deshalb machte ich einen anderen Plan: ich konnte von Fiesch auch mit dem Postauto nach Binn einem Ort in einem wilden und nicht so bekannten Seitental des Rhonetals, fahren. Dort gibt es ebenfalls einen Etappenbeginn der Via Alpina, aber des Blauen Weges! Dieses Postauto würde erst viel später abfahren, deshalb machte ich vom Bahnsteig einige Bilder der Luftseilbahn die gerade nach oben fuhr und lief zum alten Teil von Fiesch, über die Brücke über den Wysswasserbach zur Rhone fliesst, zum Gnadenberg, mit der grossen St. Johann der Täuferkirche und der kleinen Klosterkapelle. Auf dieser natürlicher Erhöhung hat im 13. Jahrhundert eine Burg gestanden, aber auch schon eine Kapelle. Später ist eine Kirche in barockem Stil gebaut worden – diese Kirche ist 1883 ersetzt worden durch eine Kirche in neoromanischem Stil. Man erzählt die Geschichte dass die Werkzeuge für den Bau der ursprünglichen Kirche im 14. Jahrhundert wie von einer unsichtbaren Hand zum Gipfel des Hügels getragen wurden um dort nach der Wille Gottes eine Kirche zu bauen. Von 1343 bis 1489 hat am Westhang ein Augustinessenkloster gestanden. Das Kloster hiess Mons gratiae, den Gnadenberg. Die dazu gehörende Kapelle („Klösterli”) besteht noch immer, aber wird heute genutzt als Empfangssaal. Die Religion hat hier immer eine wichtige Rolle gespielt, sicher damals: im 17. Jahrhundert bangten die Einwohner von Fiesch und des benachbarten Fieschertals vor dem Aletschgletscher, denn wenn ein Teil des Gletschers abbrach und in einen der Bergseen stürzte, verursachte das Überschwemmungen in den Dörfern. Deshalb hatten sie das Gelübde abgelegt dass sie tugendhaft leben sollten und dass sie beten sollten dass der Gletscher nicht weiter wachsen würde. Dem Pabst war dieses Gelübde übermittelt worden. Mittlerweile ist der Gletscher 3,5 Kilometer kürzer als damals… Seit 2010 dürfen die Einwohner die Erderwärmung, die Klimawandel und die Gletscherschmelze in ihren Prozessionsfürbitten aufnehmen – mit päpstlicher Genehmigung.

Als das Postauto beim Bahnhof ankam, stieg ich als eine der wenigen PassagierInnen ein: dieser Bus würde nicht weiterfahren als Ernen, auf halbem Berghang . Eine halbe Stunde später sollte ein weiteres Postauto in Ernen halten und weiterfahren nach Binn. Das Warten war ein Vergnügen: es war vieles Interessantes zu sehen in diesem alten Dorf mit seiner grossen Vergangenheit. Der Ort wurde 1214 zum ersten Mal genannt in offiziellen Dokumenten; der spätere Ortsnamen Aernen entstand 1510. Weil das Dorf in günstiger Lage war auf dem Weg zu einigen damals wichtige Bergpässen, spielte es eine grosse Rolle beim Transport und bei der Lagerung von Gütern. Der dadurch verdiente Reichtum ist bestimmt auch sichtbar am Dorfplatz: dort stehen grosse, alte Häuser. Vor einem grossen Haus mit viel dunkelgebranntem Holz und hellem, verzierten Verputz (einem ehemaligen Restaurant) steht eine Staute eines berühmten Kardinalen, der in einem Weiler von Ernen, Mühlebach, geboren ist: Kardinaal Matthäus Schiner (1465-1522), des späteren Bischofs von Sion. Er war ein grosser Denker, befreundet mit Erasmus und Zwingli, aber wies Reformen wie Luther vertrat ab; er war auch ein tüchtiger Kirchenpolitiker. Ein anderes, grosses und aus reichen Beutel bezahltes Haus eines reichen Händler am Platz ist das „Tellenhaus“ aus 1576. Es hat ein Wohnteil oben und Lagerräume im Erdgeschoss. Auf der weiss verputzten Wand des Erdgeschosses werden Fresken mit vier Szenen aus der Geschichte von Wilhelm Tell gezeigt: der Schuss auf den Apfel, Gesslers Hut auf dem Stock, der Rütlischwur (der Schwur wobei „die Schweiz“ gegründet wurde) und Gesslers Tod. Sie datieren aus 1578 und sind die ältesten Fresken über Wilhelm Tell. Weiter sah ich dass oben an der dekorierten Fassade zwei Hirschköpfe mit Geweih aufgehängt worden waren, aber auf einem besonderen Brett: im Form eines Hirschkörpers. Es sah jetzt aus als ob die zwei Hirschen ruhig am Boden lagen und mit ihren Köpfen hochgehoben die Leute betrachteten!

Ein anderes Gebäude war ganz aus Stein gebaut worden und war weiss verputzt: es war das „Zendenrathaus“ aus 1750–1762. Ernen war im 17. und 18. Jahrhundert der Hauptort des Zendens Goms, wie eine Art grosse Gemeinde, wovon es damals sieben gab im Wallis. 1953 ist das Gebäude komplett restauriert und auf der Liste geschützter Denkmäler aufgenommen worden. Der in Genf geborene Künstler und Kunstrestaurator Paul-Henri Boissonnas (1894–1966) hat im selben Jahr ein Wandgemälde kreiert mit einem Fahnenträger der die Fahne mit dem Wappen von Ernen – zwei Felder von Rot resp. Weiss mit einem Griechischen Kreuz in Weiss rep. Rot – trägt. 2016 ist diese Malerei (zusammen mit zwei anderen) restauriert und konserviert worden. Auf einmal schauten alle Leute am Dorfplatz auf: wir hörten einen Kuckuck rufen – wieso… in September? Es zeigte sich dass es eine Kuckucksglocke war am obersten Stockwerk des alten Rathauses: das runde „oeuil-de-boeuf“ Fenster hatte sich geöffnet und der Kuckuck gab an dass es 12 Uhr war! Schon ein Witz!

An der Nordseite des Platzes sah ich einen wunderschönen Garten mit blühenden Stockrosen, Sonnenblumen und Schmuckkörbchen, aber auch mit grossen Lauchen und Mangold. Der Garten gehörte zu einem typischen Haus in Walser Stil, das stark kontrastierte mit dem Zendenrathaus. Die robusten Balken und die flachen Steine, die „Mäuseplatten“, waren gut erkennbar.

Vom Dorfplatz bin ich auch noch kurz durch enge Gässchen zum Aussengebiet gegangen um die Aussicht über das Tal und die Berge an der anderen Talseite zu geniessen. Welch eine Ruh um dort in der Sonne zu stehen und einfach gar nicht zu tun!

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Ernen: Panoramischer Blick auf den Dorfplatz “Hengert” mit den alten Häusern, dem Lindenbaum, dem Zendenrathaus und den Bergen nördlich von Fiesch

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Ernen: schöne Aussicht vom Dorf über das Rhônetal mit Fiesch, dem Eggishorn (l) und dem Grossen Wannenhorn (r)

Dieses kleine Walliser Dorf sieht ganz ruhig aus wie es gegen den Berghang liegt, aber es ist in Musik- und Kulturkreisen bekannt wegen der verschiedenen Musikfestivals die hier in den Sommermonaten organisiert werden. 1974 hat der ungarisch-amerikanische Pianist und Musikprofessor György Sebök (1922–1999) angefangen mit einem kleinen, intimen Musikfestival das sich im Laufe der Jahre kräftig entwickelt hat, vor allem auf der qualitativen Ebene. Das „Musikdorf Ernen” ist zum Begriff geworden.

Das Postauto kam um einigen Minuten nach 12 Uhr – mit demselben Burfahrer, also brauchte ich meine Fahrkarte nicht mehr zu zeigen! Nach ein im Anfang ruhiger Fahrt erreichten wir die Bushaltestelle Steinmatten: dort sollten wir durch einen fast 2 Kilometer langen Tunnel fahren um in Binn an zu kommen. Dieser Tunnel ist 1963–1964 gebaut worden, weil der alte Weg entlang der Aussenseite des Berges vor allem in Winter oft unbegehbar war und Binn dann längere Zeit nicht erreichbar war. Der Tunnel ist für heutigen Massstäben eigentlich zu eng: das Passieren von Fahrzeugen aus beider Seiten soll auf den Millimeter genau gehen… Auf halber Strecke im Tunnel ging das mal gerade gut aus! Beifall für den Busfahrer und nicht lange nachher stand ich in einem pittoresken Dorf mit kleinen weissen Kapellen und dunkelbraunen Häusern und Chalets. Auch die modern(er)en Häuser waren im gleichen Stil gebaut worden. Auf den vielen Schildern mit Anweisungen zu den Wanderwegen sah ich auch ein kleines Schild der Via Alpina, also dass gab schon ein gutes und vertrautes Gefühl.

Ich machte mich auf den Weg zum ersten Zwischenstopp auf Etappe 4 des Blauen Weges der Via Alpina, von Binn nach Rosswald: der Weiler Heiligkreuz mit der gleichnamigen Kapelle und dem Gasthaus. Diese Wanderung führt über den Kirchhügel der Pfarrkirche St. Michael in südliche Richtung ins Tal des Lengbachs. Weil ich in Fiesch entschieden hatte um von meinem ursprünglichen Plan ab zu weichen, ging ich die Route gemäss den Schildern: die Wanderkarte dieses Gebiets lag noch im Hotel… Es wurde trotzdem eine wunderschöne Wanderung mit grandiosen Weitblicken, weil ich von der St. Michaelskirche auf dem Höhenweg am Südhang des Tales ging. Ich konnte zuerst die tief verklüfteten, steilen und kahlen Berghänge des Breithorns (2.599m.ü.M.) sehen am Eingang zum Tal, ausgeschliffen vom kleinen Fluss Binna, der auch entlang Binn fliesst und in die Rhone mündet bei Grengiols, stromabwärts von Fiesch. Unter mir sah ich auch den kleine Stausee im Weiler Ze Binne. Das hellgraue Gestein des Breithorns wurde vage gespiegelt im grünblauen Wasser. Nach Süden schaute ich ins Lengbachtal das abgeschlossen wird von den Berggipfeln des Helsenhorns (3.272m.ü.M.) und des Hillehorns (3.181m.ü.M.). Die Sonne war noch sommerlich warm, aber es lag schon ein helloranger Kürbis bei einem der Häuser! In den Rändern der weiterhin kurzgemähten oder kurzgegrasten Wiesen blühten noch einige Blumen fröhlich: eine grosse Gruppe hellblaue Glockenblumen (Campanula) und zartrosa Herbstzeitlosen (Colchicum autumnale).

Der Weg wurde auch angedeutet mit „Bibelweg“ wegen der kleinen Bildstöcke mit Texten aus dem Evangelium von Markus über die letzten Tage Jesu, die auf hölzernen Kreuzen befestigt worden waren. Der Weg stieg langsam an und damit bekam ich immer schönere Weitblicke: nach Südosten über die Wiesen und die dunkelgrünen Wälder, wo am Ende des Tales die spitzen Gipfel des Helsenhorns und des Hillehorns hoch aufragen, als auch in die Richtung des Rhonetals und der mit Schnee und Gletschern bedeckten Berggipfel oberhalb von Fiesch, wo ich eigentlich hätte wandern sollen. Ich bereute jedoch meine “change of plans” bestimmt nicht…!

Nach den sonnigen Wiesen verschwand der Weg in einen dunklen Wald mit grossen, alten Nadelbäumen. Der Unterwuchs in dieser schattigen Umgebung war interessant: es gab eine ganz grosse Gruppe mit hellweissen, runden Pilzen mit vielen kleinen „Spikes“ (die Überreste der Haut die den Pilz im Anfang umhüllt): es waren Flaschen-Stäublinge (Lycoperdon perlatum). Sie waren noch nicht reif. Einer war schon angefressen worden – wenn sie jung sind scheinen sie auch für Menschen schmackhaft zu sein: sie riechen nach Radieschen und haben einen milden Geschmack. Hier hatte wahrscheinlich eine Schnecke sich ernährt, wenn man das Loch an der Seite der Kugel betrachtet. Dass es hier auch feucht war, wurde klar durch die vielen kleinen Wasserläufen die vom Hang hinunterflossen und den Weg ausgehöhlt hatten. Auf den Steinen wuchsen grosse Büschel von schuppigen Flechten. Eine grosse Fichte hat in ihren jungen Jahren eine erhebliche Beschädigung erlitten – war sie von einem Hirsch oder Rehbock genutzt worden um das Geweih zu fegen? Es war eine grosse Narbe am Fuss dieses Baumes, worin schon Löcher gebohrt wurden von einem Specht oder einem Kleiber, aber dieser Baum wird bestimmt noch lange durchhalten!

Der Weg stieg auch wieder stark ab. Einige Wanderer kamen mich entgegen – sie fragten mich, schnaufend, ob der restliche Weg auch noch so steil war. Ich konnte sie beruhigen! Um 14.00 Uhr kam ich an in Heiligkreuz. Die Häuser in diesem Weiler auf 1.450m.ü.M. datieren aus 1611 bis 1786. Die nach 1775 gebaute Kapelle war und ist noch immer ein berühmter Wallfahrtsort. Es gibt jedes Jahr am 14. September ein „Kapellenfest“ um zu feiern dass je das grosse Kreuz südlich der Kapelle erhöht worden ist. Das Innere der Kapelle ist sehr reich und farbenfroh ausgestattet. Die Kapelle sah sehr gut gepflegt aus – der Dachreiter mit einem kunstvoll geschmiedeten Kreuz ragte stolz in den blauen Himmel.

Auf einer kleinen Erhöhung oberhalb der Heiligkreuzkapelle liegt das Gasthaus Heiligkreuz: dahin bin ich gegangen. Das ursprüngliche Gasthaus aus 1667 ist 1999 leider einem Grossbrand zum Opfer gefallen, der das Gebäude in Schutt und Asche legte, gerade bis am Keller. Ab 2002 bis 2015 hat eine Familie aus Grengiols das Haus wieder aufgebaut – nach ihrem Wunsch ist es 2016 wieder als Gasthaus eröffnet: während den Sommermonaten (Mitte-Mai bis Mitte-Oktober) hat es seine Funktion als Gasthaus wieder zurück. Ich hatte gehofft dort Gabriela W. zu treffen, eine der drei Personen die das Gasthaus führen – ich habe Kontakt mit ihr über Facebook. Zufällig hatte sie an diesem Wochenende keinen Dienst… Trotzdem war es sehr angenehm um auf der Terrasse zu sitzen mit anderen Wanderern und die Ruhe und die Aussicht auf die umliegende Berglandschaft zu geniessen. Auf dem Tisch woran ich mich setzte, unter einem Parasol, der ab und zu ziemlich kräftig schüttelte im starken Wind, lag die Menükarte, die von einem Quarzbrocken mit Einschliessungen als Briefbeschwerung von Wegwehen behütet wurde. Ich wählte den Eintopf von Rind auf Saflischer Weise, der Bergpass auf dem Weg nach Rosswald. Das schmeckte hervorragend! Es war lustig zu sehen dass für Kinder einen „Räuberteller“(für null Franken) auf die Karte stand: Kinder bekommen dann einen leeren Teller und können bei den Erwachsenen stibitzen.

Gegen drei Uhr ging ich wieder fort o=um entlang dem Pilgerweg und der Twingi-Schlucht zur Bushaltestelle Steinmatten zu gehen, beim Autotunnel nach Binn. In den 1970er Jahren ist hoch über Heiligkreuz beim Chummibort auf mehr als 2.000m.ü.M. ein Stausee eingerichtet worden für das Erzeugen von Elektrizität aus Wasserkraft für den Kanton Neuenburg/Neuchâtel im französischsprachigen Schweiz. Dadurch ist ein beeindruckender Wasserfall verschwunden. Um Mitarbeiter zum Staudamm zu transportieren wurde dazu im tiefsten Punkt des Tales bei der Kapelle eine Schwerlastbahn gebaut und von Binn/Ze Binne ein Asphaltweg zur Talstation mit Turbinenhaus. Während Jahrhunderte hatte es einen Pilgerweg gegeben aus dem Tal zur Heiligkreuz-Kapelle, das mittlerweile ganz übergewachsen war. Wandere und Pilger sollten also fast die ganze Strecke von Ze Binne zur Kapelle über diesen harten Strassenbelag gehen, etwas das in keinerlei Hinsicht angenehm was. Deshalb ist 2017 eine Interessengemeinschaft gegründet worden, die IG Lengtalweg/Pilgerweg. Mit finanzieller Unterstützung aus dem Landschaftspark Binntal, dem Kanton Wallis und Sponsoren haben Freiwilligen und Gemeindemitarbeiter der Frostabteilung den alten Pilgerweg über eine Länge von fast 1½ Kilometern wieder zugänglich gemacht. Als ich dort ging, war es klar dass man tatsächlich tüchtig gearbeitet hatte: es war ein gut wiederhergestellter Weg geworden, der nur vor einigen Monaten (am 4. Juni 2019) eröffnet war und eingeweiht vom Pfarrer. Unterwegs passierte ich einen alten Schmelzofen. Ein grosses Schild erklärte vieles über den Bergbau in früheren Zeiten (1570–1770): in dieser Gegend um den Simplonpass und im Binntal wurde damals Magnetit, ein Eisenmineral mit einem hohen Gehalt an Eisen (70%) abgebaut. 2008 hatten Forscher schon die Überreste eines Schmelzofens entdeckt; 2015 ist das Gebiet um diesen Ofen abermals archäologisch untersucht worden. Es stellte sich heraus dass der Ofen unregelmässig ausgefüllt war mit Eisenerz aus einem Stollen beim Helsenhorn und Holzkohle. Es ist nicht klar ob es hier um einen Ofen handelt zur Vorbereitung des Schmelzens (ein „Röstofen“) oder ein richtiger Ofen. Solche Öfen sind in der Schweiz nicht oft vorgefunden worden und der hier angewendete Trichterform ist auch seltsam. Ein schmiedeeiserne Gitter das jetzt im Gasthaus Heiligkreuz vor dem Keller steht (und beim Brand nicht vernichtet worden ist!) ist das einzige Objekt aus Eisen das noch erhalten ist. Auf der Tafel ist auch eine Karte des Gebietes abgebildet wo Eisen abgebaut worden ist. Es ist ziemlich beeindruckend dass nach so vielen Jahren der Ofen noch so gut erkennbar ist…, und es wurde mir auch klar dass hier auch mit so viele Energie gearbeitet ist! Entlang dem Pilgerweg waren hier und da schon Bäume mit schönen Herbstfarben zu sehen. In den meisten Bächlein floss ganz klares Wasser, aber es gab auch ein das richtig rostbraunen Niederschlag auf den Steinen hatte – in diesem Gebiet ist deutlich noch viel Eisen im Gestein!

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Zwischen Heiligkreuz und Ze Binne: Überblick der Eisengewinnung beim Simplon und im Tal von Binn auf der Informationstafel beim Schmelzofen

Gegen vier Uhr kam der kleine Stausee bei Ze Binne in Sicht, der jetzt in einem ganz anderen Licht badete als heute gegen Mittag. Während ich eine Flasche Mineralwasser kaufte beim kleinen Restaurant am Ufer des Sees, das Alpsaga Twingi Stübji, sah ich eine schöne, runde, weisse Wolke am weiterhin blauen Himmel treiben – das war etwas Besondres! Umschauend konnte ich sehen wie die Berghänge am rechten Ufer des Lengtalbachs sich spiegelten im stillen See. Wieder ein Moment von Ruhe…

Stromabwärts des Staudammes im kleinen See, wo das Wasser des Lengtalbachs und der Binna sich mittlerweile vermischt war, fing die Twingi-Schlucht an, eine tief ausgeschliffene wilde Schlucht die in früheren Zeiten kaum passierbar war. Händler gingen doch vom Rhonetal bei Grengiols nach Binn und von dort über den Albrunpass nach Italien. Angeblich gab es im 14. Jahrhundert schon einen Weg. In den 1930er Jahren wurde der bestehende, aber sehr gefährliche Weg ausgebaut zu einem Schotterweg. 1938 fuhr das erste Postauto von Ernen nach Binn. Nach dem Bau des Tunnels 1963–1964 wurde der alte Weg nicht mehr gepflegt und zerfiel. Erst 2010 hat der Landschaftspark Binntal die Initiative ergriffen um dieses aus kulturell-historischer Sicht wichtige Bauwerk zu restaurieren. Jetzt sind u.a. die Mauern die den Weg abschirmen beim Abgrund und die Entwässerungsröhre der Bäche die unter dem Weg durchführen („tombinos“) wieder saniert worden. Es ist jetzt eine spezielle Erfahrung um hier zu wandern oder Rad zu fahren.

Dieses Jahr wurde schon zum 13. Mal die Kunstmanifestation Twingi Landart organisiert: internationale und Schweizer KünstlerInnen hatten sich inspirieren lassen von der Umgebung. Nicht alles gefiel mir in gleichen Massen. Was ich schon sehr schön fand war das Kunstwerk „Aurum“, ein Kreis aus Blattgold der von Joëlle Allet (Leukerbad) auf einer Bergwand angebracht war. Aus der Ferne sah es aus wie ein leuchtender Fleck, eine Sonne – näher kommend sah ich dass das Blattgold in die Rissen und Linien der Felswand gezogen war, wodurch sich im Kreis auch ein Art von Berglandschaft gebildet hatte. Im Laufe der Zeit wird das Gold verwittern und zerfallen, aber das ist auch die Absicht der Natur… – und angeblich auch der Künstlerin. Auf dem Weg entlang der Twingi-Schlucht sind auch einige Tunnels. Bei einem dieser Durchgänge hat ein niederländischer Künstler, Bart Ensing, ein Kunstwerk kreiert mit dem Titel „Connection“: er hatte viele himmelsblaue Bänder (Band für Zaune aus der Landwirtschaft) befestigt am metallen Geländer entlang der Schlucht und diese oben über den Felsen wodurch der Tunnel ging, gezogen um dadurch die beiden Tunnelseiten mit einander zu verbinden. Auch von der Farbe (und der Metalldraht in den Bändern) her wurde ein starkes Kontrast erreicht zwischen dem geometrischen Form des Kunstwerks und der wilden Natur herum. Eben aus der Ferne fiel es noch auf!

Um 17.00 Uhr war ich zurück beim Eingang des Autotunnels nach Binn und wartete auf das Postauto für die Rückreise. Es zog nicht nur kräftig durch den Tunnel, aber jedes Mal wenn ein Auto durch den Tunnel fuhr klang das als ob ein Flugzeug aufstieg… Das Postauto war glücklicherweise zeitlich. Es war gemütlich vollbesetzt von überbegeisterten Wanderern, die angeblich gerade so einen wunderbaren Tag erlebt hatten als ich! Die Aussicht auf dem Rückweg war schön mit dem späten Sonnenlicht auf die Landschaft – vor allem die Aussicht auf Ernen mit dem Fieschertal an der anderen Seite. Ich sah dort deutlich einen ganz grossen Wasserfall. In Fiesch stieg ich in den Zug nach Brig, wo ich rund halb sieben ankam. Wie schön war dieser Tag gewesen, wieder in einem Gebiet das neu war für mich, aber wo ich bestimmt nicht zum letzten Male gewesen bin!