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Den 26. September 2019

Kraftorte und eine Schlacht des Generals Suworow 1799

Heute Morgen regnete es wieder mal kräftig. Ich hatte also jetzt Zeit um zu erzählen über die vergangenen Tage in Andermatt die ich als etwas ganz Besonderes erlebt habe. Ich landete eigentlich eher zufällig in die Gedenkfeierlichkeiten um den russisischen „Generalissimus Suworow“ und sein mutiges Verhalten in der Schöllenen Schlucht in seinem Kampf mit den Truppen von Napoleon am 24. und 25. September 1799, gerade 220 Jahre her. Der russische Adlige Alexander Wassiljewitsch Suworow, geboren am 3. November 1729 oder 1730 in Novgarod, wurde unter Zarina Katharia der Grossen ein berühmter Krieger und Militärstrateg, der in seiner lange Karriere nie eine Schlacht verloren hat. Ihm wurde denn der höchstmögliche Militärrang von Generalissimus verliehen. Nach dem Tod von Katharina der Grossen 1796 fiel er in Ungnade bei ihrem Nachfolger Zaren Paul I. Er wurde rehabilitiert und zu Befehlshaber der russisch-österreichischen Armee ernannt auf ausdrücklicher Bitte der Österreicher: sie wollten mit niemand anderem als Suworow als Befehlshaber in den Krieg ziehen. Er was damals schon fast 70 Jahre alt. In der Schweiz ist er vor Allem bekannt und berühmt als Befehlshaber der russisch-österreichischen Truppen während des Zweiten Koalitionskrieges 1799, wobei er die französischen Truppen schlug beim Gotthardpass (am 24. September 1799). Auf seinem Durchzug über Andermatt nach Altdorf am Vierwaldstättersee musste er durch die Schöllenenschlucht gehen, wo er aufs Neue die Franzosen bekämpfen musste. Die Teufelsbrücke über den Fluss Reuss aus 1595 wurde dadurch schwer beschädigt. Seine Truppen mussten ihren Weg durch mehrere Täler im Gebiet östlich des Vierwaldstättersees und über Bergpässe in den Kantonen Glarus und Graubünden wörtlich bekämpfen. Die Bergpässe der Zentral- und Bündner Alpen (u.a. der Panixer Pas), waren mittlerweile (Anfangs Oktober) schneebedeckt. Schlussendlich kam ein grosser Teil der russischen Truppen, ausgehungert und erschöpft, über Chur in Österreich an. Die Schweizer sind immer noch voller Lob über General Suworow. Er hat mit seinen Handeln beigetragen zum Ende der von den Franzosen etablierten Vasallenstaat, der Helvetischen Republik. Deshalb gibt es an vielen Orten in der Schweiz wo er ist gewesen, Gedenktafeln und Denkmäler zu seiner Ehre, wie auch in der Schöllenen Schlucht.

In einem der alten Herrenhäusern von Andermatt ist das Talmuseum Ursern zuhause, ein Museum über die Geschichte des Urser(e)ntales das sich vom Furkapass im Südwesten nach Andermatt ausdehnt und wodurch der junge Fluss Reuss fliesst. Auch dort wurde Aufmerksamkeit geschenkt an General Suworow, nicht nur in der eigenen Sammlung, sondern auch in einer temporären Ausstellung über ihn und den Zug der österreichisch-russischen Armee durch die Alpen, „Suworow’s Spuren in der Schweiz“ im Herbst 1799. Um zwei Tagen „Suworow“ ab zu schliessen habe ich heute Nachmittag das Museum besucht (es hat in dieser Zeit nur beschränkt geöffnet: von Mittwoch bis einschliesslich Samstag, von 16.00 bis18.00 Uhr). Es war interessant zu sehen und zu lesen wiesehr die Schweizer in den Gegenden durch welche Suworow mit seiner Armee gezogen ist, ihn noch immer ehren und eben „anbeten“! Neben einem schönen Portrait des Generals selber und einige Bilder über den mutigen Kampf mit den Franzosen bei der Schöllenenschlucht war auch Platz für eine Reihe moderner Bilder eines jungen russisichen Malers, Alex Doll (*1990), worauf Orte in der Schweiz gezeigt werden wo Suworow gewesen war. Auf dieser Weise wurden die 200 Jahre schön überbrückt.

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Andermatt: in der temporären Ausstellung über General Suworow im Talmuseum werden auch moderne Bilder über seine Spuren in der Schweiz gezeigt

Andermatt liegt an einer besonderen Stelle in der Schweiz: hier in der Umgebung entspringen vier Flüsse die schlussendlich durch einen grossen Teil Europas fliessen und in drei Meere münden! Die Rhône entspringt zum Südwesten des Furka Gebiets auf der Grenze des Kantons Uri mit dem Kanton Wallis und mündet ins Mittelmeer, der Rhein entspringt östlich des Oberalppasses auf der Grenze mit dem Kanton Graubünden, die Reuss entspringt in der Nähe des Gotthardpasses und des Furkapasses, ernährt sich mit vielen Bächen der alle ein Präfix am Namen geben, aber die nach dem Zusammenfliessen einfach weiterfliesst als „Reuss“ und mündet in der Schweiz in die Aare, die selber wieder mündet in den Rhein und schlussendlich in die Nordsee. Dann gibt es auch noch einem für uns Holländer nicht so bekannten Fluss, den Ticino, der dem Kanton Tessin ihren Namen gegeben hat: der Ticino entspringt an der Südseite des Gotthardmassivs, fliesst über dem  Lago Maggiore nach Süden, mündet nach 250 Kilometer in den Fluss Po und schlussendlich ins Adriatische Meer! Wegen dieser geographischen Situierung geht viel Aufmerksamkeit aus zur Anwesenheit der sogenannten „Kraftorte“, Orte welche eine starke Erdstrahlung vorweisen sollten mit einer (meistens) positiven Auswirkung auf den Menschen. Obwohl ich zwar eine etwa nüchternen Einstellung habe, bin ich in der Vergangenheit jedoch an Stellen gewesen wo ich doch wirklich etwas Extras gespürt habe: ich denke dabei an meine Wanderung zu den Wasserfällen von Batöni bei Weisstannen in St. Gallen, zum „Menhir von S-chanf” im Engadin oder zur Saaser Alp im Prättigau… Hier in Andermatt hat die Touristeninformation eben etwa zehn  Wanderungen entlang verschiedenen Kraftorten beschrieben. Als ich am vergangenen Montag in Andermatt ankam bin ich schon mal durch das Dorf gegangen und einige der in der Broschüre angegeben Orte besucht. Am Dienstag habe ich auf dem Weg zur Schöllenenschlucht an einigen anderen Orten der Kraft angehalten und gestern auf dem Weg nach Göschenen auch wieder. Die Stellen in der Nähe von Wasser gefallen mir am besten…

Bei Andermatt ist die Reuss ein schon ziemlich breiter Fluss. Entlang Hotel Drei Könige& Post fliesst die Unteralpreuss, die dann schon zusammengekommen ist mit der Oberalpreuss, wie der Name schon andeutet, vom Stausee beim Oberalppass her in südwestlicher Richtung fliesst. Die Unteralpreuss fliesst durch das Dorf vom Osten nach Westen. Bei einer Fussgängerbrücke steht eine Statue eines „Brückenheiligen“ aufgestellt: der Märtyrer aus dem 14. Jahrhundert und später heiliggesprochene Johann Nepomuk, von wem es in Prag auch eine Statue bei der Karlsbrücke gibt. Die Unteralpreuss mündet im breiten Urserntal in die Reuss, die schon das Wasser der Gotthardreuss und der Furkareuss aufgenommen hat. Die Stelle des Zusammenfliessens sollte auch so ein „Kraftort“ sein. Vor Allem ist dort eine schöne Auenlandschaft entstanden. Der Unterschied in Farbe und Strömungsgeschwindigkeit fällt schon auf!

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Andermatt: das Zusammenfliessen der Unteralpreuss (oben) mit dem Fluss Reuss – hier sollte ein „Kraftort“ sein

Als ich vorgestern, am Dienstag, vom Punkt wo die Unteralpreuss in die Reuss fliesst weiter dem Fluss stromabwärts ging, sah ich ein Schild das zur Schöllenenschlucht wies. Ich sah auch grosse Menschenmengen, mit u.a. Kränzen und Blumen, in jene Richtung gehen. Viele Autos mit Kennzeichen des diplomatischen Dienstes standen geparkt. Ich fügte mich in den Menschenstrom, weil ich mittlerweile verstanden hatte dass es bei der Schöllenenschlucht eine offizielle Veranstaltung geben sollte. Der Weg dahin war beeindruckend: nicht nur verlaufen der Weg und die Eisenbahn Göschenen-Andermatt durch den engen Raum zwischen den Felswänden, aber die Reuss zwängt sich auch dadurch; von der Ruhe die der Fluss bei Andermatt noch hatte ist nicht viel mehr übrig! Die Zahnradunterstützung der Züge is hier deutlich sichtbar – ebenso wie verschiedenen Brücken über den Fluss und Tunnels durch Felspartien. In den Felswänden sind Militäraussichtposten aus verschiedenen Zeiten zu sehen: ab 1890 sind sie vor Allem gebaut worden um den Durchgang zum Gotthardpass, die wichtige Verbindung zwischen Nord- und Südeuropa, zu beschutzten. Andermatt ist auch der Standort eines Spezialunterteil der schweizerischen Armee: das Kompetenzzentrum Gebirgsdienst der Armee wo die „Gebirgsspezialisten“ trainiert werden – der einzige Armeegruppe die im Hochgebirge einsatzbereit ist (auch für Rettungsoperationen in den Bergen).

Entlang der Verkehrsstrasse, kommend von Andermatt, ist ein grosse Mosaik zu sehen entworfen vom schweizerischen Künstler Werner Ernst Müller (1910–1987), das er kreiert hatte aus Anlass der Eröffnung des Gotthardtunnels 1956. Der Spruch „em>Der alte Weg zur neuen Zeit”bezieht sich auf den Fortschritt und die Bedeutung der internationalen Transportweg über den Gotthardpass, von der „Säumer“-Zeit als Händler zu Fuss mit ihren Waren auf dem Rücken eines Maultieres oder Eselchens mühsam den Weg gingen bis zum modernen Transitverkehr.

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Andermatt: Mosaik von Werner Ernst Müller (1910-1987) aus Anlass der Eröffnung des Gotthardtunnels 1956

Wir passierten auch das Urnerloch: einen für heutigen Begriffe kurzen Tunnel von 70 Meter Länge, aber schon den ersten Wegtunnel  in den Schweizer Alpen. In 1707–1708 wurde der Tunnel gebaut um die sogenannte “Twärrenbrücke” zu ersetzen, eine aus aneinander gebundenen Holzbrettern bestehende Brücke die an der Aussenseite der Felswand befestigt war. Jene Brücke wurde mit jedem Hochwasser der Reuss mitgerissen. Heute Nachmittag sah ich im Talmuseum einen alten Stich worauf der erste Tunnel abgebildet war. Im Laufe der Jahrhunderte ist der Tunnel stetig ausgebessert und erweitert worden.

Das Realisieren eines Durchganges in der Schöllenenschlucht hat sich seit Menschengedenken eine fast unmögliche Aufgabe erwiesen. Verschiedene Theorien sind ausgedacht worden über die Frage wer zuerst eine Passage geschaffen hat. Heutzutage geht man davon aus dass der „alemannische“ Stamm der Walser mit den Kenntnissen der Konstruktionen der Suonen, der Irrigationskanäle, vielleicht imstande gewesen war um hier eine Brücke zu bauen. Nach der bereits erwähnten „Twärrenbrücke” ist 1595 die erste feste Brücke, die Teufelsbrücke, gebaut worden. Als diese im Kampf zwischen den französischen Truppen unter Anführung von General Lecourbe und den österreichisch-russischen Truppen unter Anführung von General Suworow schwer beschädigt worden war und dadurch nicht länger nützbar war, wurde 1830 die zweite Teufelsbrücke gebaut. Diese Brücke die heute noch immer in gutem Zustand ist, wird von Wandern und Bikern benutzt. Die erste Brücke stürzte 1888 völlig ein – am Nordufer sind noch einige Überreste der Fundamente sichtbar. 1958 ist der jetzige Verkehrsbrücke eröffnet. Es ist etwas Spezielles um in dieser engen Felsenschlucht so viele Brücken nah aneinander zu sehen… Hier wirbelt und sprudelt das Wasser der Reuss schon unendlich viele Jahrhunderte lang und hat dadurch ein tiefes Bett ausgeschliffen. Welch eine Urkraft strahlt diese Wasserspektakel aus – für mich ein richtiger „Kraftort“!

Es gibt eine Legende über den Namen „Teufelsbrücke“. Weil es sich so schwierig zeigte um eine Brücke über diese Schlucht zu bauen, sollte einer der lokalen Behörde mal ausgerufen haben: „Do sell der Tyfel e Brigg bue!“ (Da soll der Teufel eine Brücke bauen!). Die Worte waren aber kaum gesprochen und da erschien der Teufel . Er stimmte zu um die Brücke zu bauen, aber unter einer Bedingung: er sollte die Seele bekommen des ersten Lebewesen das die Brücke überqueren würde. Der Teufel baute die Brücke, aber die schlaue Bevölkerung von Uri ersann einen Trick: sie schickten nicht einen Menschen über die Brücke, sondern einen Geissbock… Der Teufel kochte vor Wut und wollte einen enormen Felsbrocken auf die Brücke werfen. Eine fromme Frau konnte jedoch ein Kreuz im Stein kratzen, wodurch der Teufel ganz in Verwirrung geriet. Der Stein änderte seinen Kurs, verfehlte die Brücke, rollte durch das ganze Tal hinunter in die Richtung von Göschenen und blieb gerade ausserhalb des Dorfes liegen. Dieser mehr als 2 Tonnen schwere „Teufelsstein“ ist noch immer da. Eine moderne Erweiterung dieser Legende erwähnt dass, nachdem man 1973 den Teufelsstein um 127 Meter verschoben hatte für den Bau des Gotthardtunnels, der Anzahl der Verkehrsunfälle an jenem Teil des Tunnels stark zugenommen ist! 1950 hat der aus dem Kanton Uri stammende Kunstmaler Heinrich Danioth (1896–1953) ein auffälliges Ölgemälde kreiert wobei der Teufel und der Geissbock feuerrot abgebildet sind.

Teufelsbild Schöllenen-Schlucht SRF

Zwischen Andermatt und Göschenen: das Wandgemälde “Der Teufel und der Geissbock” von Heinrich Danioth (1896-1953)
srf.ch/news/regional/zentralschweiz

Während wir uns in einer grossen Gruppe versammelt hatten auf dem schmalen Pfad zum Suworow-Denkmal mit Blick auf die Teufelsbrücke, die wild-fliessende Reuss und das Wandgemälde von Danioth bei der Einfahrt in den Tunnel des Weges, kamen an der anderen Seite der Schlucht in der Ferne in authentischen Uniformen der napoleonischen, aber auch der russischen Armee gekleidete „Armeeeinheiten“ anmarschieren mit einem Banner an der Spitze und begleitet von Tamburen. Neben einigen Fotografen war auch ein russischer Geistlicher dabei. Es dauerte noch eine Weile bevor diese Truppe über die alte em>Teufelsbrücke beim nahegelegenen Restaurant ankam – das gegen das Ende der Feierlichkeiten beim Denkmal, die sehr beeindruckend waren. Es zeigte sich dass sie russische Reenactors waren. Unter grossem Interesse wurde eine Parade abgenommen. Anno 2019 wurde alles festgelegt von Kameras und Drohns. Zu Vergleich: heute Nachmittag sah ich im Talmuseum einen authentischen Rucksack eines französischen Soldaten…

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Zwischen Andermatt und Göschenen: bei der Schöllenenschlucht stehen russische Reenactors als napoleonische und russische Soldaten in Reih und Glied

Wegen der grossen Menschenmenge konnte ich nicht genau sehen was sich ereignete am Fuss des Suworow-Denkmal, das auch schon das „Russendenkmal“ genannt wird. Der russische Botschafter in der Schweiz war anwesend, ebenso wie der Kommandant der Einheit der Schweizer Armee, der Territorialdivision 3 mit Arbeitsbereich die fünf Kantons in der Zentralschweiz (Uri, Schwyz, Graubünden, Tessin und Zug). Russische Armeeangehörige waren da, aber auch (bewaffnete) schweizerische Armeeangehörige, russische Geistliche, eben Mitglieder eines russisch-schweizerischer Motorradvereins und weiterhin viele Interessierte: russisch, schweizerisch, oder einfach mehr oder weniger zufällige Passanten, wie ich. Die Suworow Kadetten der Militärakademie aus Moskau spielten zuerst die russische Nationalhymne, und anschliessend den „Schweizerpsalm“, die schweizerische Nationalhymne. Es wurde ein grosser Kranz niedergelegt. Dann hielt der Botschafter eine Ansprache auf Russisch die nachher, auf Deutsch übersetzt, vorgelesen wurde von einem Russen. Es handelte sich vor Allem von den freundschaftlichen Beziehungen zwischen Russland und der Schweiz über die Jahrhunderte hinweg, und auch über das Leben und die Bedeutung von General Suworow: er war ein Befehlshaber die seinen Einheiten sehr nah war: das machte sie stolz auf sich und bereitwillig um Opfer zu bringen. Anschliessend folgte die Enthüllung einer Gedenktafel an der Felswand beim Denkmal, worüber später Näheres. Dann nahm der Kommandant der Territorialdivison 3 das Wort auf Deutsch, das naher auf Russisch übersetzt, von einem schweizerischen Soldaten vorgelesen wurden. In der Ansprache unterstrich er dass diese Erinnerungsveranstaltung alle Soldaten betraf die während der Schlacht in den Septembertagen gefallen sind, gleich welcher Nationalität. Das Ziel der heutigen Zeremonie ist vor Allem um die Erinnerung wach zu halten. Er sprach auch vom Entstehen von Krieg, entweder es im Krieg anno 1799 war oder in irgendeinem Krieg: Krieg entsteht oft durch schlimme wirtschaftliche Voraussetzungen, durch machthungrige Herrscher und verblendende Ideologien, aber bringt immer Unheil und Schrecken mit sich. Wir freie Menschen wie wir heute sind, sollten eine „edlere“ Welt nachstreben, in uns selbst und in unserem direkten Umfeld. Auch Suworow hatte mit seinem Feldzug versucht um ein idealeres Europa nach zu streben. Dann kam eine Passage die mir sehr gefiel, aber mich auch berührte, es handelte sich um Hoffnung und Sinngebung. Der Kommandant fuhr weiter dass wir deshalb mit Respekt denken sollten an die Soldaten in 1799, die nicht die Wahl hatten zwischen Krieg und Frieden – sie hatten nur die Wahl zwischen kämpfen und vielleicht überleben oder doch zu Grunde gehen. Es war die Hoffnung die ihnen Mut gab und sie weitergehen liess. Und Hoffnung ist nicht die Überzeugung dass etwas gut endet, es ist die Erkenntnis das es Sinn hat was man tut, egal wie es ausgeht. Dies war gerade was General Suworow während seinen Feldzug in der Schweiz, am Gotthardpass und hier in der Schöllenenschucht getan hatte: er hatte seinen Soldaten Sinngebung geboten und ihnen Hoffnung gegeben, und sie folgten ihm, weil sie ihn vertrauten. Das ist ein Musterbeispiel guter Führung, das heutzutage auch noch immer gilt. Nach seiner Ansprache wurde vom russischen Geistligen der Segen ausgesprochen über die neue Gedenktafel und das Suworow-Denkmal. Ich konnte nur den beeindruckenden Gesang hören – alle Anwesenden waren ganz still. Man hörte nur wie das Wasser in der Reuss vorbeidonnerte und ab und zu ein Lastwagen über die Verkehrsbrücke fuhr. Nachher konnten auch andere Leute Blumen beim Denkmal niederlegen. Damit war die Zeremonie beendet und entstand die Möglichkeit für etwas Leichteres, wie posieren beim Denkmal. (Mittlerweile ist die ganze Zeremonie zu schauen und zu hören auf YouTube…)

Über das Denkmal selbst ist auch das ein und andere zu erzählen: 1898 beschloss ein russischer Fürst und Philanthrop, Fürst Sergei Michailowitsch Golyzin (1843–1915) dass im Hinblick auf die 100. Gedenkfeier der Schlacht bei der Schöllenenschlucht ein Denkmal für General Suworow errichtet werden sollte. Er war dafür der Geldgeber. Es war jedoch ein langer Weg (oder besser Bergweg…) bevor das Denkmal realisiert wurde. 1883 hatte der schweizerische Bundesrat die Errichtung eines Denkmals begutachtet, aber hatte dazu auch Bedingungen verlangt: es sollte kein Denkmal sein um einen ausländischen General zum Helden zu machen – das würde in Widerspruch sein mit der Neutralität der Schweiz. Es sollte deshalb zu Ehren aller Gefallenen sein. Ein früherer Entwurf war auf diesem Grund abgewiesen worden. Hätte man gedacht dass es um eine einfache Gedenktafel handeln wurde, dann war das ein Missverständnis: da entstand ein enormes aus dem Urner Granit gehauen Kunstwerk von 24 mal 24 Metern mit einem grossen Kreuz von 12 Metern hoch, mit Beschlag aus Bronze und einem Sockel mit in kyrillischer Schrift dem Text: „den heldenmutigen Mitkämpfern des Generalissimus Feldmarschall Graf Suworow-Rimniski, Fürst Italiski, die bei der Überschreitung der Alpen im Jahre 1799 gefallen sind“. Das Denkmal sieht tatsächlich kolossal aus, aber ist schon vom Umfang und dem Relief im grauen Felsen her beeindruckend. Im Talmuseum ist auch dem Denkmal Aufmerksamkeit geschenkt worden: alte Fotos des Denkmals hängen an der Wand ebenso wie die originelle offizielle Einladung zur Einweihung am 26. September 1898. Auf Russisch, Französisch und Deutsch wird ausserdem angegeben dass an jenem Tag neben der üblichen Züge auch noch ein Spezialzug aus Luzern nach Göschenen abfahren wurde: um 9.18 Uhr! Die Eisenbahnlinie über Göschenen durch den Gotthardtunnel nach Airolo was schon seit 1882 fertiggestellt worden! Schon jene Zugreise an sich und die Einweihung sollten  ganz besondere Ereignisse gewesen sein…

Viel Aufmerksamkeit für den juristischen Status des Denkmals und des Bodens hatte man damals nicht gehabt. Dieser Punkt kam auf peinliche Weise zur Sprache in den 1980er Jahren als das Denkmal komplett einsturzgefährdet war. Die Landvermesser des Kantons Uri konnten im Grundbuch keine Anweisungen auffinden über den Besitz der Parzelle worauf das Suworow-Denkmal stand. Die kantonalen Behörden gingen davon aus dass der Boden in Besitz der Gemeinde Urseren geblieben war, obwohl die Sowjets, als Rechtsnachfolger der Zaren (!), in den 1950er Jahren gezahlt hatten für Reparaturarbeiten. Die Russen beriefen sich zwar auf ihre Eigentumsrechte, aber Dokumente gab es nicht, … bis der Kreml einen Brief der Gemeinde Urseren, datiert auf den 13. Oktober 1893 wiederfand, worin geschrieben war dass die Gemeinde unanim beschlossen hatte um das Grundstück benötigt für das Denkmal gratis und umsonst an die Russen ab zu treten. Plötzlich wurde klar dass mitten im Kalten Krieg ein Stück Land im Herzen der Schweiz den Sowjets zugehörte… Die Lage ist heutzutage dass der russische Staat zwar Eigentümer ist, aber dass die 563 M² grosse Parzelle (Fels und Zugangsweg) im Grundbuch der Gemeinde Andermatt eingetragen ist und dem schweizerischen Recht unterworfen ist. 1999, bei der Gedenkfeier von 200 Jahren Suworows Feldzug durch die Alpen, war der Kalte Krieg vorbei, die Sowjet-Union auseinandergefallen und die Beziehungen aufgetaut. Heutzutage ist ein Besuch an das Suworow-Denkmal fester Bestandteil des Programms wenn russische Delegationen die Schweiz besuchen und gibt es jedes Jahr um den 24. und 25. September eine Gedenkfeier beim Denkmal.

Ich fand es natürlich etwas ganz Besonderes, dass ich dieses Jahr Zeuge dieser Gedenkfeierlichkeiten konnte und dürfte sein! Im diesen Jahr kam noch etwas Spezielles dazu: die Einweihung der goldfärbigen Gedenktafel in Erinnerung an Fürst Golyzyn, der damals das Denkmal ermöglicht hatte. Sie wurde enthüllt von einem Neffen des Fürsts und nachher gesegnet von den russischen Geistlichen. In Relief ist oben an der Gedenktafel der Kopf des Fürsts abgebildet. An der Unterseite ist eine Abbildung einer Ikone die die Familie Golyzyn besitzt. Die neue Gedenktafel hängt zwischen zwei anderen Gedenktafeln an der graniten Felswand. Es gab viel Interesse der Anwesenden, die sich verdrängten um Bilder zu machen.

Nach der Gedenkfeier breiteten die Besucher sich aus. Viele blieben noch eine Weile bei den russischen Reenactors stehen, andere gingen ihren Weg über die kurze, aber interessante Wanderroute entlang der Schöllenenschlucht. Dieser Rundgang führt von der Verkehrsstrasse zum Suworow-Denkmal und entlang dem Restaurant, von dort über die alte Teufelsbrücke mit den faszinierenden Tiefen der Schlucht. Es gibt auch einen Tunnel, der am Ende des 19. Jahrhundert konstuiert worden ist als man anfing Verteidigungswerke zu bauen im Gotthardgebiet. Weil man bei einem feindlichen Angriff eventuell auch die Teufelsbrücke sprengen konnte, hatte man jedenfalls noch die Möglichkeit um durch den Tunnel zu entkommen. Der Tunnel war lang und schmal, aber glücklicherweise schon gut beleuchtet. Bei den Leuchtstellen wuchs ein wenig Moss! Am Ende des Tunnels war wieder Sicht auf alle Brücken und das wirbelnde Wasser der Reuss in der Schlucht. An einer offenen Stelle war eine Mauer aufgerichtet worden aus grossen Felsbrocken mit darauf die Wappen des Kantons Uri (der schwarze Stier mit dem roten Nasenring auf einen gelben Hintergrund) und des Ursenentales (der schwarze Bär der ein weisses Kreuz trägt auf einem grünen Hintergrund): es ist der „Platz der Begegnung“. Hier wird betont dass die Schöllenenschlucht immer ein wichtiges Bindeglied gewesen ist im Handel zwischen dem Norden und dem Süden über den Gotthardpass, schon seit die Zeiten der „Säumer“. Dieser Verkehr hat nicht nur die Entwicklung dieser Region stark beeinflusst, sondern auch die Beziehung zwischen dem Kanton Uri und dem Urserental gefestigt, das auch von seiner Lage her bis auf heute eine grosse Selbständigkeit hat. Über neu installierte Treppen aus Stahl ging ich zuerst nach unten, entlang dem Fluss, dann unter dem Weg durch und dann wieder nach oben zum Restaurant Teufelsbrücke. Der Spaziergang dauerte ungefähr eine halbe Stunde.

Beim Restaurant ist der „Franzosenplatz“ oder auch „La Place de la France“ kreiert worden. Auch hierzu gehört wieder eine Geschichte. Als die Russen am Ende des 19. Jahrhunderts um Genehmigung baten um ein Erinnerungsstätte zu errichten bei der Schöllenenschlucht, möchten die Franzosen, die ehemaligen Feinde, dort auch „ihr“ eigenes Denkmal haben. Das wurde damals abgelehnt mit Verweisung zur Neutralität der Schweiz. Erst 1999, zweihundert Jahre nach der Schlacht, haben „Freunde von Frankreich“ als Pendant des Russen-Denkmals eine bescheidene, schlichte Erinnerungsstätte eingerichtet: auf einer Gedenktafel im Form eines blau und weiss emaillierten Strassennamenschildes wie man sie auch in Frankreich sieht, steht die Ehrung der gefallenen französischen Soldaten die unter Anführung von General Lacourbe gegen die Russen gekämpft haben. Neben der Gedenktafel ist ein Replikat eines grossen Bildes aufgehängt worden auf welchem die Schlacht ist wiedergegeben. Als ich von meinem Rundgang über die Brücken wieder zum Restaurant zurückkam, hatten die Reenactors ihre Gewehre beim Bild hingestellt – das verlieh dem Bild schon viel Kraft!

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Zwischen Andermatt und Göschenen: bei der Schöllenenschlucht werden mit dieser Gedenktafel auf dem „Franzosenplatz“ die am 25. September 1799 gefallenen französischen Soldaten erinnert

Die Terrasse des Restaurants war voll besetzt: die Würdenträger, die Armeeangehörigen anno 1799 und 2019, die Mitglieder des Motorradvereins und sonstige Anwesenden waren mit Gläsern und Tellern in der Hand animiert mit einander in Gespräch, meistens auf Russisch oder auf Deutsch mit einem Akzent… Nicht lange nachher stand auch ich mit einem Gläschen Rotwein und einem erwärmenden Buchweizeneintopf zwischen den anderen. Die Dame mit dem deutlich russischen Kopftuch mit Röschen dekoriert die den Eintopf aus einer grossen Armeegamelle ausservierte, sprach kein Wort „über die Grenze hinweg“, deshalb konnte ich erst später aus der Namen die sie nennte das Gericht Gretschnewanja Kascha ableiten… Dieses Gericht, Russlands Volksspeise Nr. 1, war die salzige Variante, mit viel Zwiebeln und Fleisch- und Speckbröckchen – es passte auch gut beim etwa kühleren Wetter. Es gab auch Häppchen, wie Roggenbrot mit Hering und einem äusserst scharfen roten Chilipfeffer oder mit einer Käsesorte und ein dito gelben Chilipfeffer. Kurzgesagt es war ein schöner Abschluss dieses historischen Happenings!

Fast wieder zurück in Andermatt, im Teil der Altkirch genannt wird, habe ich das kleine Kirchlein besucht das dem St. Kolumban gewidmet ist – auch einer der „”Kraftorte“auf der Route. Die Kirche ist benannt worden nach dem irischen Abt und Heiligen Columbanus (540–615), der um 590 von Irland zum europäischen Festland gereist ist um in Frankreich einige Klöster zu gründen und auf seinen Reisen auch durch die Schweiz gezogen ist. Der älteste Teil der Kirche datiert aus dem 11. Jahrhundert; spätere Erweiterungen sind aus dem 13. Jahrhundert. Es sollte schon im 9. Jahrhundert eine kleine Kapelle gestanden haben das erbaut war vom Kloster in Disentis (im Tal an der anderen Seite des Oberalppasses in Graubünden). In Kanton Uri ist die Kirche einer der ältesten Bauten in romanischem Stil. Die kleine Kirche mit dem etwa schiefen Kirchturm ist gegen dem steilen Berghang des Chilchenbergs gebaut worden der über Andermatt ausragt. Die Verbindung mit Irland ist immer noch sichtbar durch einen Erinnerungsstein mit der Abbildung einer irischen Harfe. In Gälisch steht ein Text zu Erinnerung dass die letzten Prinzen von Irland hier vorbeigekommen sind: in den Jahren 1607–1608. Das aus Naturstein gehauene Denkmal ist am 17. März 2008, vierhundert Jahre später, vom Botschafter von Irland in der Schweiz eingeweiht worden.

Das Wetter hat sich etwas erholt, deshalb hatte ich einen Ausflug mit der Gondelbahn zum Chilchenberg geplant um den Blick über das den Plan gemacht Urserental zu geniessen. Ich war schon bei der Kasse als ich bemerkte dass mein Halbtax-Abo im Hotel zurückgelassen hatte, das mich, wie der Name schon aufweist, berechtigt um für halbes Geld mit dem Öffentlichen Verkehr in der Schweiz zu reisen. Der Rabatt mit meiner Gästekarte die ich im Hotel gekommen hatte war nur 10%. Ich sagte dem Mann am Schalter dass ich gleich wieder zurückkehren sollte, mit meinem Halbtax-Abo.

Beim Hotel Drei Könige & Post änderte ich blitzschnelle meine Pläne: auf einem Schild stand angeschrieben dass auf dem Parkplatz die Musikkapelle der Suworow Kadetten ein Konzert geben würde! Also stand ich wieder mit den Menschen die ich auch beim Suworow-Denkmal gesehen hatte auf der Terrasse und den Treppen des Hotels und konnte nichts anderes als die Musik geniessen! Die jungen Musikern führten einen grandiosen Show auf “mit Gesang und Tanz“. Bei manchen Musikstücken sangen die russischen Zuschauer lauthals mit, bei anderen klatschten wir alle mit. Es gab auch Solo-Auftritte von Bläsern die nicht mehr auf den Dirigenten hören wollten, weil sie sich wie richtige Stars betrachteten und dadurch die Lacher auf ihrer Seite hatten. Der Tuba-Spieler tat so als ob er sein Instrument ins Publik schleudern wollte (es sah wirklich realistisch aus!), aber dadurch fiel seine Schirmmütze vom Kopf, die vom Dirigenten mit einer sauren Mine vom Boden aufgehoben wurde, mit übertriebener Präzision abgewischt und zurückgegeben wurde, wofür der Tuba-Spieler ihm wieder ganz übertrieben bedankte. Die Sonne schien ausgiebig, das Publikum applaudierte und die Atmosphäre war ausgezeichnet! Nach mehr als einer halben Stunde marschierte die Musikkapelle wieder ab – dass fanden wir alle schade… Es war ein grossartiger Auftritt gewesen!

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Andermatt: Auftritt der Musikkapelle der Suworow Kadetten aus Anlass der Gedenkfeier für die Schlacht bei der Schöllenenschlucht 179

Gestern, den 25. September, machte ich mich wieder auf den Weg, aufs Neue auf die Spuren der „Kraftorte“. Dieses Mal möchte ich mit einem Umweg über die Kapelle Maria Hilf, die ich von meinem Hotelzimmer sehen kann, wieder durch die Schöllenenschlucht nach Göschenen gehen, also eigentlich den Weg den ich am vergangenen Montag mit dem Zug gegangen bin, aber jetzt zu Fuss und in die Gegenrichtung.

Die grosse weiss verputzte Pfarrkirche mit dem hohen Turm von einem roten Dach versehen, die St. Peter und Paul Kirche, ist aus der weiten Umgebung zu sehen. Der Bau hat 1602 angefangen nach Entwurf des berühmten Kirchenarchitekten Bartholomäus Schmid aus dem benachbarten Hospental. Die Kirche war erst 1692 fertig. Das Kircheninnere ist aussergewöhnlich prunkvoll. Dieser Kraftort bedeutete mir nicht viel… Auf dem Friedhof vor der Kirche gab es nicht nur Gräber, sondern auch die Überreste eines vor sehr langer Zeit gesägten Baum!

Etwas höher am Berg östlich von Andermatt liegt die kleine Kapelle Maria Hilf, die 1740 gebaut worden ist an der Stelle wo schon früher eine kleine Wahlfahrtskapelle war. Diese Kapelle ist vor Allem errichtet worden um zu bitten um Beschützung gegen die Gefahren von Lawinen. Es gibt auch ein Gnadenbild für Maria. Das Innere ist auch hier sehr reichlich und farbig dekoriert. Die Buntglasfenster filterten das hineinscheinende Morgenlicht der Sonne die noch schien. Von der Kapelle aus hatte ich einen schönen Blick über Andermatt. Der grosse Bergkamm an der Westseite des Tales wurde grösstenteils von weissen Wolken verhüllt – nur ein kleiner Teil des Gipfels, mit dem treffenden Namen „Spitzi“, ragte hinaus. Die St. Peter und Paul Kirche wurde fast den Blicken entzogen von einem gigantischen Mehlbeerenstrauch, überladen von Beeren. Vom Berghang oberhalb der Maria Hilf Kapelle schien die Kapelle von ihrer gehobenen Stelle tatsächlich das Dorf zu beschützen!

Weiter auf meiner Wanderung entlang den Kraftorten kam ich bei einer Bergweide, worin gerade Jungvieh hineingetrieben worden war von den höher situierten Weiden. Sie waren deutlich etwas desorientiert, aber doch schon wieder beim Grasen. Es war rührend zu sehen wie drei von ihnen jedoch Schutz bei einander suchten durch ganz nebeneinander zu bleiben… Ich sprach kurz mit den Leuten die das Jungvieh in einem nicht-offiziellen Alpabzug nach unten getrieben hatten (mit dem Wagen glaube ich!). Die Weidesaison war definitiv beendet: die Solarzelle für den Elektrozaun war im Kofferraum. Ich ging auf schmalen Pfaden durch einen Teil des Moorlehrpfades, eines Lehrpfades entlang einem kleinen revitalisierten Naturgebiet mit Informationstafeln über das Entstehen von Hochmoor und welche besondere Flora und Fauna hier (wieder) vorkommen. Es war ein interessanter Spaziergang – und für mich, auch durch den aufkommenden Nebel, eher ein Kraftort als die Kirche und die Kapelle…

Ich kehrte zurück und ging durch die Dorfstrasse, entlang dem Bahnhof und wieder in die Richtung der Schöllenenschlucht, wo es gestern so voll gewesen war. Beim Restaurant das jetzt auch ziemlich verlassen aussah, lief ein Reenactor, in russischem Uniform. Das überraschte mich ein wenig, also ging ich abermals zum Suworow-Denkmal, eigentlich vor Allem um zu schauen ob die Blumen noch schön waren. Da traf ich eine komplett russische Gruppe: alle Reenactors des vorherigen Tages und ziemlich viele russische Besucher, worunter die Motorradfahrer und der russische Geistliche der gestern die Parade geleitet hatte. Es war nun viel einfacher um näher ans Geschehen zu kommen. Weniger einfach was die Kommunikation mit den anderen Zuschauern, die nicht viel mehr sagen konnten als „It’s OK, no problem“, „Thank you“ und „Sorry“, aber irgendwie spielte das keine Rolle. Es wurde eine intime, russische Veranstaltung, die qua Emotionsgehalt der offiziellen Zeremonie des Vortages nicht nachstand. Dieses Ereignis was ganz im Zeichen der Religion und Geschichte: den 25. September war ja der Tag worauf 1799 die Schlacht in der Schöllenenschlucht stattgefunden hatte. Es dauerte eine Weile bevor die Truppen schön in Reih und Glied standen. Dann trat der Geistliche nach vorne in einem schwarzen Gewand mit einer schönen goldenen und roten Stola und mit einer schwarzen Kopfbedeckung, worunter sein grauer Pferdeschwanze sichtbar war. Obwohl ich ihn nicht verstehen konnte, was es klar dass er den Segen aussprach über das Denkmal und die versammelten Truppen. Er bat mit einer kräftigen Bassbaritonstimme, teils singend, teils deklamierend – wie schade dass ich ihn nicht verstehen konnte… Vom Ereignis ging viel Kraft aus, das auch bestimmt die russischen Zuschauer stark berührte. Nach ungefähr 20 Minuten war auch diese Zeremonie beim Suworow-Denkmal vorüber.

Ich verfolgte meinen Weg über die alte Teufelsbrücke und passierte den Eingang des Militärtunnels, damals realisiert um entkommen zu können in Richtung von Andermatt und schaute nochmals um zum Denkmal mit den Besuchern die aussahen wie kleine Puppen gegen der beeindruckenden Felswand mit dem Kreuz. Der Wanderweg nach Göschenen folgte dem unregelmässig ausgeschliffenen Tal wodurch die Reuss fliesst und ab und zu laut wirbelt. Die Galerien des Autoweges und der Eisenbahn umrahmten beide Berghänge. Ab und zu führten Wasserfälle noch mehr Wasser zur Reuss. Die Dynamik dieser Landschaft gefällt mir sehr.

Auf einmal hörte ich marschierende Stiefel hinter mir auf dem runtergehenden, schmalen Pfad. Ich schaute um und da kamen die französischen Truppen anmarschiert, gefolgt von einer stark reduzierten russischen Gruppe. Auch hier war wieder etwas Theatrales: vor Allem die Reenactors in den russischen Uniformen zogen sehr galant ihren Zweispitz vor mir! Ich stand dort als einsame Wanderin entlang ihrem Weg und habe sie zugejubelt. Sie gingen stramm in Glied weiter über die Häderlisbrücke die weiter unten beide Ufer der Reuss verbindet.

Einer der Kraftorte auf dem Weg nach Göschenen ist diese Häderlisbrücke, die aus 1649 stammt. Um diese Brücke zu bauen brauchte man den Teufel nicht, aber schon viel Liebe und Anstrengung, weil die ursprüngliche Brücke wurde in der Nacht vom 24. auf 25. August 1987 vom Hochwasser der Reuss weggeschwemmt und vernichtet… Weil es hier um eine geliebte, alte Brücke handelte hat der Kanton Uri beschlossen um mit Unterstützung der föderalen Behörden und des Schweizerischen Baumeisterverbandes die Brücke wieder auf zu bauen mit Steinen die man mit der Hand bearbeitet hat und die aus einem Steinbruch gewonnen waren der noch weniger als 300 Meter entfernt von der ursprünglichen Brücke war. Auch alte Stiche und Fotos waren beim Wiederaufbau nützlich. Die Einweihung fand 1991 statt, als die Eidgenossenschaft ihr 500-jähriges Bestehen feierte.

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Auf dem Weg nach Göschenen: die französisch-russische Reenactorgruppe marschiert in die Richtung der Häderlisbrücke von 1649

Man kann sehen dass hier schon ein alter Handelsweg geschaffen war: das Pflaster war alt und bestand aus Steinplatten die angeblich sorgfältig hingelegt worden waren. Auch hier sollte wegen dieses Pflasters ein Kraftort sein. Es war jedenfalls schon faszinierend um zu sehen wie die Reenactmentgruppe über die alte Brücke marschierte und wie einer von ihnen anno 2019 ein Foto des Schauspiels machte!

Nach noch eine Weile angehalten zu haben bei einer nächsten, modernen Brücke über die Reuss mit Sicht auf einen steilen Berghang, wo scheinbar mühelos zwei Gämsen hinauf und hinunter kletterten (eine spähte äusserst wachsam in meine Richtung – hätte ich nur keine blaue Jacke getragen…!) erreichte ich Göschenen, einen Ort der vor Allem bekannt ist für den nördlichen Bahnhof des Gotthardtunnels. Auch dort war ein Seitenfluss der Reuss, die Göschenenreuss  mit einer unwahrscheinlich hellblauen Farbe, die sich mit dem Wasser des aus Andermatt fliessenden Flusses vermischte. Die alte Mariä Empfängnis Kirche mit dem dunkelgefärbten Kirchenturm hat eine freundlichere Ausstrahlung als die neuere, viel grössere Kirche näher am Bahnhof. Dieser Blick auf das alte Dorf mit der kleinen Kirche in Schwarz-weiss kombiniert mit den Walliser Schwarzhalsziegen die von vorne schwarz und am Hinterteil weiss sind und die in einer noch grünen Wiese liefen, gab Ruhe. Wegen der tiefen Bewölkung konnte ich die Berge am Anfang des Göscheneralptales leider nicht sehen.

Beim modernaussehenden Hotel zum weissen Rössli setzte ich mich um etwas zu essen: eine “Urnerpfanne“, ein schmackhafter Rösti aus dem Ofen, mit Alpenkäse überbacken und serviert in einem gusseisernen Pfanne, und dazu ein Glas Mineralwasser mit Gas und ein Glass Weisswein. Zusammen mit einem Blick auf die freundliche Umgebung draussen war es eine angenehme Mittagspause!

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Göschenen: eine reichhaltige „Urnerpfanne“ mit Rösti und Alpenkäse im Restaurant „Zum weissen Rössli“

Der Ort Göschenen selber ist nicht gross: er liegt in einem sehr engen Tal, wobei ungefähr die Hälfte der bebaubaren Fläche genutzt wird von Autowegen, Eisenbahntrassen und Rangierbahnhöfen. Jedoch ist hier Eisenbahngeschichte geschrieben worden mit dem Bau des 1882 eröffneten Gotthardeisenbahntunnels nach Airolo im Kanton Tessin. In Göschenen ist der nördliche Eingang des Tunnels, der etwa mehr als 145 Kilometer lang ist. Es gibt viel Aufmerksamkeit für den Bau des Tunnels, wie mit einen Rundgang. Das wird für ein nächstes Mal sein. Heute bin ich an der anderen Seite des Bahnhofgebäudes in den kleinen Zug der Matterhorn-Gotthard-Bahn nach Andermatt. Ursprünglich war ab 1917 auf dieser Trasse ein selbständiger Betrieb tätig, die Schöllenen-Bahn. Nach einigen Fusionen und Änderungen der Trasse und er Züge ist sie 2003 aufgegangen in der MGB, die jetzt den Bahnverkehr zwischen Visp im Kanton Wallis und Chur im Kanton Graubünden betreibt. Also kam ich in 10 Minuten über einen Abstand von weniger als vier Kilometern mit vielem Klappern der Zahnradunterstützung zurück in Andermatt entlang der beeindruckenden Strecke die ich zu Fuss abgelegt hatte.

Am Ende des Mittags habe ich, wie gesagt, das Talmuseum Ursern und die temporäre Ausstellung über General Suworow besucht. Das war auch der Schluss dieser in vielen Hinsichten interessanten Tage in diesem beeindruckenden Gebiet, das ich immer besser kennengelernt habe und schätze!